Kakteenblüte: Eine längst vergessene Sensation

  Manche Kakteen sind so genügsam, dass sie auch an den widrigsten Standorten jahrelang überleben. Wenn man ihnen aber plötzlich ein bisschen mehr gönnt, erlebt man möglicherweise Spektakuläres.

Die Natur bringt derart erstaunliche Wunder hervor, dass man immer wieder überrascht und von Ehrfurcht erfüllt wird. Die Nachbarin besitzt beispielsweise seit vielen Jahren eine Art hängenden, spindeldürren und sich in Kaskaden vielfach verästelnden Kaktus. Er trägt einen feinen weißen Stachelpelz und ist ein auffällig zierliches Gewächs. Im Winter hängt sie ihn – und wenn Sie mich fragen, tut sie das völlig herzlos – als Ampelpflanze in die Höhlung des allerfinstersten ihrer Fenster, wo er direkt im Heißluftstrom über der Heizung baumelt wie eine Art botanischer Tantalos.

Er erträgt diese klimatische Tortur, die Kombination von monatelanger Düsternis und aufsteigender Trockenluft, mit erstaunlicher Geduld, dürfte aber in seinem Kaktusinneren dann doch aufatmen, wenn er, sobald die Temperaturen im Frühling wieder steigen, ins Freie ausgesiedelt wird. Laut Nachbarin bekommt er den schlechten Platz nur deshalb, weil keine andere Pflanze dort überlebt.


Winterstall. Jetzt hat sie ihn vor Kurzem wieder einmal in seinen Winterstall gesperrt, den armen Kerl, doch nicht, bevor ich zwei kleine, jeweils ungefähr zehn bis zwölf Zentimeter lange Ableger abzwacken konnte. Kann ja sein, dass ihm diese miese Behandlung irgendwann dann doch reicht und er das Zeitliche segnet, das war mein Hintergedanke. Während sich der Hängekaktus also wieder in der Hitze der Finsternis dafür rüstet, die kommenden Wintermonate irgendwie zu überstehen, kamen seine von mir erbeuteten Triebe in Kakteenerde und an einen extra sonnigen Fensterplatz.

Dort verharrten sie etwa zwei Wochen unverändert, doch dann zeigten sich weißwuschelige Spitzen an den Enden so gut wie aller Triebe. Sie leben noch, dachte ich gerührt, und wunderte mich zugleich über die erstaunliche Geschwindigkeit, mit der die eben Gepflanzten austrieben. Seltsam, wie war das möglich? Doch was sollte das Wundern, die bizarren Kreaturen würden schon wissen, was sie tun.

Ein paar Tage später schaute ich zufälligerweise in ihre Richtung und sah sie über und über in reizender Blüte stehen. Die weißwuscheligen Spitzen waren ganz einfach Blütenknospen gewesen. In diesem Kaktus, dachte ich, steckt eine Energie, von der andere Geschöpfe nur träumen können. Ich untersuchte sogleich die Mutterpflanze bei der Nachbarin und konnte dort im Schein des Kunstlichtes feststellen, dass sie nicht die geringsten Anzeichen bevorstehender Blüte zu zeigen gewillt war. Das stellte sich nach ein paar Recherchen auch als ganz logisch heraus.

Denn die Rhipsalis pilocarpa, um die es sich laut einschlägigen Werken der Botanik handelt, ist zwar an Genügsamkeit nur schwer zu übertreffen, sie blüht jedoch nur, wenn sie ausreichend Licht zur Verfügung hat. Wie unter meiner liebevollen Obhut, versteht sich.


Mini-Triebe. Die abgezwickten und noch völlig wurzellosen Mini-Triebe müssen die günstigen Bedingungen sofort gespürt, das Licht dankbar eingesaugt und beschlossen haben: Besser wird es in absehbarer Zeit nicht, Kollegen, auf diesen Moment haben wir jahrelang gewartet, so lasset uns schnell Blühen auf Teufel komm raus. Sie bliesen ihre wahrscheinlich längst zu diesem Zweck angelegten Knospen auf und öffneten sie zu winzigen, überaus entzückenden Kaktusblütchen mit Durchmessern von weniger als einem Zentimeter.


Erinnerung. Allein das war schon rührend, doch bei genauer Betrachtung einer der Miniblüten flossen plötzlich, wie das manchmal geschieht, die Zeiten, die Vergangenheit und die Gegenwart, auf magische Weise zusammen. Man hat das Gefühl, alles sei gleichzeitig in einem Moment vereint. Das winzige Blütchen mit dem cremerosa-weißen Blütenblätterkranz und den krönchenartigen Staubgefäßen erinnerte an die Blüte eines längst verblichenen Kaktus, der jahrzehntelang im Blumenfenster meiner Großmutter gestanden war: eine Echinopsis, früher auch Bauernkaktus genannt. Sie war sehr unscheinbar, ja eigentlich fast hässlich. Eine dieser typischen gerippten Säulenkakteen mit kurzen Stachelkränzen entlang der Rippen. Ihr mittlerweile hochgewachsener Leib zeigte da und dort magere Einschnürungen und Narben, die auf vergangene schlechte Zeiten hinwiesen. Doch wenn dieser Klepper von einem Kaktus Blütenknospen trieb, waren wir von Vorfreude erfüllt. Sobald sich eine Knospe wie cremerosa Seidenpapier entfaltete, war das Spektakel komplett, und nicht selten fand man mehrere Familienmitglieder in Verzückung vor der großen, prachtvollen Trompetenblüte versammelt. Auch so kann man in die Vergangenheit und zu längst vergessenen Sensationen reisen: durch den Schlund einer überraschend aufgetauchten winzigen Blüte.

Lexikon

Rhipsalis.
Die Rhipsalis, von der es viele interessante, ganz unterschiedliche Sorten gibt – manche sind kaum im Handel aufzutreiben –, stammt aus den Regenwäldern Brasiliens und wächst dort meist epiphytisch, also auf Bäumen.

Echinopsis.
Dieser Kaktus gilt als einer der unverwüstlichen seiner Familie und blüht im Gegensatz zur Rhipsalis auch unter widrigen Bedingungen wunderschön.

Blüte.
Fast alle Kakteen brauchen eine Ruhephase, wenn sie blühen sollen. Dazu müssen sie im Winter zumindest für einige Wochen kühl und völlig trocken stehen
31.10.2015 | 18:38 | Ute Woltron (Die Presse)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.11.2015)
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Basti S. aus Aystetten | 28.05.2016 | 14:35  
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