Freiwillige vor / Kurzgeschichte

»Reise, Reise, Aufstehen!« Dann folgte der gellende Pfiff der Bootsmannsmaatenpfeife. Jetzt war es aber kurz vor voll! Nichts wie raus aus der Koje!
Vor fünf Minuten war schon »gelockt« worden. »Locken« war das leise Pfeifen mit der Signalpfeife und immer demselben Singsang »Eine Hand am Sack, eine am Socken. Seemann schlaf weiter, das war nur das Locken!«
Seemann war gut. Ich war jetzt schon vier Monate bei der Bundesmarine, hatte aber noch kein Salzwasser gesehen. War auch nicht vorgesehen, gehörte ich doch zu einer Landeinheit der Marine.
Zurzeit befand ich mich an der Marineunteroffizierschule in Plön, um hier den sogenannten Fachlehrgang 1 abzuleisten. Danach sollte der Maatenlehrgang folgen und irgendwann würde es so weit sein, dass ich andere Soldaten von Marinesicherungskompanien ausbilden würde.
Doch erst mal war ich selbst nur ein sogenannter »Rotarsch« und hatte nicht viel zu melden. Das wurde mir auch diesen Morgen wieder klar, als ich noch vor dem Backen und Banken meine Reinschiffstation auf dem Schwarzen Deck bezog. Als man mir vor einem Monat diese Station zuwies, war ich von den Bezeichnungen im Marinejargon total begeistert. Leider stellte sich heraus, dass das Schwarze Deck der Keller des Kasernenblocks war und die Reinschiffstation selbst die dort befindlichen Toiletten, die ich zu reinigen hatte. Das machte aber sehr gut meinen Stellenwert in der deutschen Bundesmarine klar.
Heute war ich auf den am Vormittag geplanten Dienst sehr gespannt. Es sollte das erste Mal sein, dass ich dienstlich mit Wasser in Berührung kam. Es würde zwar nur das Süßwasser des Plöner Sees sein, aber immerhin. Die Kaserne befand sich nämlich am Ufer des Plöner Sees, ein Bootshafen für Segelboote war dort angelegt. Den Bootshafen kannte ich gut, war er doch der Wachbereich, den ich, wenn unsere Gruppe Wachdienst hatte, meist bewachen musste. Es war der unbeliebteste Wachbereich, da man dort nur eine kleine Runde, wie ein Tiger in seinem Käfig, gehen konnte und musste.
Unser Obermaat hatte uns vorgestern angekündigt, dass wir uns heute auf dem Wasser bewegen würden. Meine Kameraden und ich waren begeistert. Wir würden mit den Segelbooten rausfahren! Von dienstälteren Piepels hatten wir schon erfahren, dass man hier während der Ausbildung seinen Segelschein machen könne. Wir würden unsere erste Unterrichtsstunde erhalten. Exzellent!

Nach dem Frühstück, das wir in der sogenannten Kombüse eingenommen hatten, war es dann so weit. Unser Gruppenführer Obermaat Teichert führte uns in zwei Gruppen zu jeweils zwölf Mann zum Bootshafen. Rechts von uns lagen die Segelboote, doch führte uns der Obermaat ein Stück weiter links. Dort sahen wir sie dann: zwei schwarze Schlauchboote mit wulstigem Rand und hochgezogenem Heck und Bug.
Das durfte wohl nicht wahr sein! Wir sollten mit diesen Dingern aufs Wasser!?
Teichert ließ uns nicht lange im Unklaren.
»Also Männer. Das ist die Aufgabe. Die Boote werden bemannt, mit den innen liegenden Paddeln werden wir die linkerhand im See liegende Insel Olsborg ansteuern und wieder hier zum Bootssteg zurückkehren.«
Teichert, ein dürrer Hecht mit piepsiger Stimme, versuchte seinem Ton einen militärischen Klang zu geben. Erfolglos. Er hatte mich am Anfang unserer Zwangsbekanntschaft als das Unmilitärischste bezeichnet, was ihm je begegnet sei. Wahrscheinlich hatten sie bei ihm zu Hause keine Spiegel, sonst hätte er so etwas von einem anderen nicht behauptet. Er wurde von keinem von uns Rekruten wirklich ernst genommen, doch wussten wir nach vier Monaten Bund, dass das egal war. Vorgesetzter war Vorgesetzter.
»Die Schlauchboote, die Sie hier sehen, stehen als leichte Übersetz- und Aufklärungsmittel über Gewässer zur Verfügung. Sie sind nicht hochseetüchtig.«
Teichert stockte kurz, dann sprach er weiter. »So ein Boot hat eine Länge von 6 Meter und ist 1,85 Meter breit. Jedes Boot hat einen Holzeinlegeboden. Die Boote finden auch beim Heer und der Luftwaffe Verwendung.«
Ich musste mich anstrengen die nächsten Worte des Obermaats zu verstehen, denn es kam verstärkt Wind auf und das eben noch ruhig liegende Wasser begann, sich zu kräuseln.
»Männer wir machen ein kleines Wettrennen. Mal sehen, welches Boot zuerst an der Insel ist. Wir brauchen sechzehn Freiwillige. Zwei Gruppen zu jeweils acht Mann.«
Alle meldeten sich als Freiwillige. Klar wollte hier jeder an diesem kleinen Abenteuer teilnehmen. Ich wurde glücklicherweise mit ausgewählt. Acht unserer Kameraden zogen mit langen Gesichtern wieder ab in den Kasernenblock. Immerhin wussten sie jetzt, wie so ein Schlauchboot aussah, und hatten einige technische Daten vermittelt bekommen.

Teichert hatte uns die Boote umschließen lassen und zeigte auf die Einlegeböden. „Dort können Sie Ihr Kampfgepäck ablegen. Auf den Seitenwänden können jeweils vier Soldaten, mit Paddeln bemannt, Platz nehmen.«
Da kapierte ich die Sachlage! Eben noch angenommen wir würden uns innen auf dem Holzboden hinknien und paddeln, war mir jetzt mit erschreckender Erkenntnis klar, dass meine Kameraden und ich außen auf dem Bootswulst sitzen würden.
Immerhin zog sich, von den entsprechenden Ösen gehalten, ein starkes Tau um den Schlauchbootkörper herum, sodass man dort mit dem rechten Fuß Halt finden konnte. Gerade wollte ich Trost in diesem Gedanken finden, da spürte ich, wie der Wind noch stärker wurde. Die ersten größeren Wellen schlugen an das Ufer und leckten gierig an den Gummibooten.

Teichert winkte dem Hauptgefreiten Melchior zu, der als Hilfsausbilder fungierte. Der teilte uns in zwei Gruppen und übernahm die Ruderpinne des zweiten Schlauchboots. Obermaat Teichert war unser Steuermann. Er stand hoch aufgerichtet im Heck, wie ehemals Erik der Rote auf seinem Wikingerboot. Meine Kameraden und ich hatten die bereitliegenden Rettungswesten angelegt und uns auf den Bootswulst gesetzt. Ich saß steuerbords vorne und hatte meinen rechten Fuß fest im Haltetau verhakt. Da ich dummerweise die normalen Kampfstiefel trug, meine Seestiefel waren mir nämlich zu groß, war mein Fuß, sofort patschnass.
Auf das Kommando unseres Vorgesetzten fingen wir alle wie wild zu paddeln an.
Da der Wellengang mittlerweile nicht unerheblich war und ich ungeschützt an erster Stelle saß und das Spritzwasser mich ungehindert traf, war mein Oberkörper in wenigen Sekunden nass bis auf die Haut. So machte das wirklich keinen Spaß!
Ich hörte nur, wie Teichert mit seinem Stimmchen versuchte, gegen den Wind anzukommen: »Pullt, pullt, pullt!«
Man konnte die Erregung in seiner Stimme hören, denn das Boot mit dem Hauptgefreiten Melchior als Kommandanten gewann immer mehr Raum und zog vor uns davon als sei es ein Schnellboot. Sie kamen der ungefähr einen Kilometer entfernten Insel schnell näher.
Meine Kumpels und ich paddelten, als gelte es unser Leben. Doch kamen wir unseren Gegnern keinen Meter näher.
Der Schweiß lief mir in Strömen am Körper herunter, das Spritzwasser tat sein übriges, sodass ich in kurzer Zeit klatschnass war und trotz meines Schweißausbruches fror wie ein chinesischer Nackthund im Winter.
Wir konnten sehen, wie das Schlauchboot unserer Kameraden die Insel erreichte, wendete und auf uns zuhielt. Immer noch versucht unser Boot mit allen Kräften zu bewegen, stießen wir die Paddel tief in das Wasser ein. Es war aber nichts zu machen. Wir kamen keinen Zentimeter voran.
Obermaat Teichert schäumte. »Das wird Euch noch leidtun! Wir sind hier bei der Marine! Wir brauchen hier Männer, keine kraftlosen Schlappschwänze. Ich werde Euch noch schleifen, dass Euch das Arschwasser kocht!« Das vorgeschriebene Sie in der Anrede hatte er vergessen.
Ich drehte mich nach hinten um, um überhaupt mal zu wissen, wie weit wir schon waren ... und war im selben Moment geschockt wie lange nicht mehr.
Steuerbordseitig sah ich den Landungssteg mit den Segelbooten in all ihrer Klarheit und Schönheit vor mir. Wir waren nicht einen Meter vorwärtsgekommen!
Im selben Moment passierte uns Hauptgefreiter Melchior mit seinen Leuten an Backbord. Er hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht, sagte aber nichts. Wir wussten alle, wie sehr er diese Schlappe Teichert gönnte. Er lag schon lange in Konkurrenz zu seinem direkten Vorgesetzten.
Teichert befahl uns umzudrehen, und am Strand anzulegen. Sonst sagte er kein Wort mehr. Er war bleich wie der morgendliche Seenebel.
Ich habe übrigens bis heute keine Erklärung dafür, wieso wir mit unserem Schlauchboot die Insel nicht erreicht haben.
Melchior hatte seine Leute ausrichten lassen und sie standen in Zweierreihe vor ihrem Boot. Melchior legte die Hand an die Mütze. »Befehl ausgeführt, Herr Obermaat. Hauptgefreiter Melchior mit acht Mann Insel erreicht und zurück.«
Teichert dankte und befahl seinem Hauptgefreiten sich mit seiner Gruppe ins Kasernengebäude zu begeben. Sie zogen ab. Ohne ihr Schlauchboot.
Warum das Boot hierblieb, sollten wir gleich erfahren.
Obermaat Teichert baute sich vor uns auf, stemmte beide Arme in die Hüften und begann. »Das war Schiet. Da es mit Ihnen auf dem Wasser nichts geworden ist, wollen wir doch mal sehen, wie es an Land geht. Also: Jeweils vier Mann ein Boot aufnehmen und ohne Tritt Marsch!«
Drei meiner Kameraden und ich schnappten sich das Boot, das in unserer Nähe lag, hievten es an den Halteseilen hoch und marschierten Richtung Bootshaus.
»Halt!« Das war Teichert. »Wir machen einen kleinen Umweg. Zum Kaserneneingang hinaus um die Anlage herum und dann zum Bootshaus.«
Meine Kumpels und ich schauten uns mit großen Augen an. Um die Kaserne rum. Das waren bestimmt zwei bis drei Kilometer! Und dann noch mit diesen schweren Biestern von Booten!
Ich weiß nicht, wie lange wir für diesen Weg gebraucht haben, wie oft uns das Schlauchboot aus den Händen geglitten ist. Mir war nach dieser Aktion nur eines klar: Nie wieder würde ich mich freiwillig zu irgendetwas melden ...

© R. Güllich
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