Filmbesprechung „The Lady in the Van“, UK 2015

Alex Jennings (Bennett) und Maggie Smith (Mary) (Foto: Pressefoto)
Im richtigen Kostüm mit der richtigen Frisur hatte Maggie Smith früher etwas divenhaft Schönes. Jetzt, im Alter, wirkt sie wie ein anmutiger Geier, der uns aus seinen großen Augen vorwurfsvoll anblickt. Hinter den vielen Falten verbirgt sich aber eine Lebendigkeit, mit der sich Smith schon vor Jahrzehnten als Idealbesetzung exzentrischer Charaktere einen festen Platz im Weltkino gesichert hat.
Mit ihren Kolleginnen Judi Dench und Helen Mirren ist sie nicht vergleichbar, war sie nie. Keine Shakespeare-Tragödin in erster Linie, ist sie vor allem eine hervorragende Komödiantin, die sich die Rollen auf den Leib schreiben lässt, sozusagen aus Angst vor den furchterregenden Klassikern. So hat ihr ihr Hausautor Alan Bennett auch mit „The Lady in the Van“ 1999 eine wunderbare Gelegenheit gegeben, sich als musikalisch hochbegabte, obdachlose Ex-Nonne in die Herzen der Zuschauer zu spielen. Den größtenteils auf wahren Begebenheiten basierenden Stoff auf die Bühne zu transportieren, war längst überfällig. Nun gut, zwischendurch gab es allerhand Harry-Potter-Filme und eine Fernsehserie für die vielbeschäftigte Smith zu drehen.
Alex Jennings spielt den Dramatiker Alan Bennett, ein schlaues, schwules, langweiliges Muttersöhnchen, in dessen Einfahrt im Londoner Bezirk Camden die umhervagabundierende Mary Shepherd 1974 ihren Van platziert – und dort 15 Jahre bleiben wird. Mary ist das Musterbeispiel einer kauzigen, schrulligen, alten Dame, die nicht „bitte“ und nicht „danke“ sagen kann. Hilfe erwartet sie von keinem, und bekommt sie doch welche, so nimmt sie zwar, was sie kriegen kann, kritisiert aber den Helfer. So ergeht es auch Bennett die ganze Zeit. Sein immerwährender Zwiespalt und seine Selbstgespräche sind durch ein Zwillingsbild dargestellt, das mitunter recht amüsant ist, aber in manchen Momenten belanglos wirkt. Wie spielt man einen Menschen, der das Publikum mit seinen Stücken unterhält, aber selber nichts erlebt? Jennings hat diese undankbare Aufgabe überzeugend gemeistert. Doch genau wie alle anderen Darsteller verblasst seine Leistung im Schatten von Maggie Smiths Schauspielkunst, die nach wie vor durch Scharfsinn und Schnelligkeit glänzt und die komischen und tragischen Aspekte ihrer Figur auch in der kleinsten Szene auszubalancieren vermag. Sie spielt keinen an die Wand, aber sie ist eben doch eine Leinwand-Ikone und immerhin der Star dieses Films.
Ein Film, der wohlgemerkt durch und durch britisch ist. Mit trockenem Humor beobachtet Bennett seine Nachbarn, die allem Anschein nach nie etwas zu tun haben und nur darauf warten, auf die Straße zu stürmen, sobald die alte, stinkende, unhöfliche Mary mal wieder ihren Van mit gelber Wandfarbe anstreicht oder Bennett sich zur Einkaufstour aufs Fahrrad schwingt. Marys Lebensgeschichte wird unaufdringlich und leise verhandelt. Als talentierte Pianistin kam sie in ein katholisches Nonnenkonvent, wo ihr das Spielen verboten wurde. Als Lieferwagenfahrerin erlebt sie einen traumatischen Unfall: Ein junger Motorradfahrer rast in sie hinein. Sie hält sich für schuldig und flieht. Seitdem wird sie von einem Polizisten erpresst, der sie beobachtet hat. Dieses Schicksal entblättert sich vor Bennett ganz langsam und unpathetisch. Ohne es würde die Story geradezu reizlos sein. Denn Mary plagen die Geister der Vergangenheit: die Musik, das Konvent, der Unfall. Beinahe erleichtert ist der Zuschauer, als sie am Ende friedlich in ihrem Van stirbt und somit Ruhe findet. Die tote Mary spricht den doppelten Bennett nach ihrer Beisetzung noch einmal an, bevor sie absurderweise durch eine geöffnete Wolkendecke in Gottes sonnenstrahlende Hände aufgenommen wird. Das erinnert an Monty Python, das geht nur in England.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.