Filmbesprechung „Irrational Man“, USA 2015

Ein ernstes Wort zwischen Abe und Jill. (Foto: Pressefoto Sony Pictures)
Mord ist widernatürlich. Kann ich damit so weiterleben, wie es Philosophieprofessor Abe Lucas tut? Zerreißt es nicht die Seele? Offenbar müssen wir bei diesem Kerl das Gegenteil annehmen. Seine Seele ist zerrissen, mithilfe einer Mordtat will er sie wieder zusammenflicken. Er ist nicht nur „irrational“, er ist „irre“.
Die überzeugenden Darsteller können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Film unausgewogen ist: Zu wenig Gags für eine Komödie, zu wenig Tragik für ein Melodram, allenfalls als Kriminalfilm kann man „Irrational Man“ durchgehen lassen. Als souveräner Regisseur in diesem Genre hat sich Woody Allen mit „Match Point“ (2005) bewiesen, damals jedoch den Spannungsbogen weitaus stringenter inszeniert. Interessant ist der Film trotzdem, er hat von allem etwas, und man wartet bis zum Schluss, welches Moment nun obsiegt.
Joaquin Phoenix zeigt Spielfreude in der Rolle des ausgebrannten Akademikers. Während er seinen Schmerbauch am Anfang noch spazieren trägt, vollzieht er mit dem Entschluss seines Mordplanes an einem ihm völlig unbekannten Menschen eine bravouröse Wandlung. Mit federndem Gang steuert er seinem Opfer entgegen, einem Richter, von dessen Existenz und offenbar schlechten Machenschaften er zufällig in einem Café erfahren hat. Tötet er ihn, verhilft er einer Frau am Nachbartisch zum Sorgerecht für ihre Kinder – und niemand wird ihn damit in Verbindung bringen. Die vermeintlich zerschmetterte, von Single Malt tief durchtränkte Seele schnuppert wieder Frühlingsluft.
Dass die junge Studentin Jill Pollard (Emma Stone) oder die Kollegin Rita Richards (Parker Posey) Teil dieser neu entfachten Lebenslust sind, ist zu verneinen. Die Figurenkonstellation ist zwar charmant, aber zum Antrieb von Abe Lucas‘ Beweggründen und Entwicklungen nicht wesentlich. Weder die verkrachte Rita Richards, die am liebsten ihren Mann verlassen und mit Abe nach Spanien will, noch die großäugige Jill Pollard, die glaubt sich in ihren Professor verliebt zu haben, schüren Lucas‘ Konflikte, sie sind vielmehr schmückendes Beiwerk, dessen er sich am Ende entledigen muss. Jill entdeckt seinen Mord und entschlüsselt seine Vorgehensweise fassungslos und mit weiser Voraussicht, dass ein Mord die Tür zu weiteren Morden öffne. Damit hat Abe Lucas nichts am Hut, er will sich wieder in Ruhe des Lebens freuen. Ihn plagen keine Gewissensbisse.
Woody Allen präsentiert einen unaufgeregten Film, der sicher nicht an Meilensteine wie „Der Stadtneurotiker“ (1977) oder „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) heranreicht. Wie soll das auch funktionieren bei dieser immensen Produktivität? „Irrational Man“ dümpelt zwar leider vor sich hin, aber es ist immer wieder schön, etwas von Allen zu sehen.
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