Besprechung der Inszenierung von „Monty Python’s Spamalot“ am 28. Oktober 2015 im Staatstheater Mainz

Die Fee vom See versteht sich selbst als Star dieser Show. (Foto: Pressefoto Staatstheater Mainz)
Zurecht hat Hellmuth Karasek das Musical als „Oper auf dem Strich“ bezeichnet. Aus der Verbindung von populärer Unterhaltungsmusik und theatraler Inszenierung kann rasch eine gewisse Banalität erwachsen, die mit einer unfreiwilligen Komik einhergeht. Das englischsprachige Musiktheater, insbesondere das amerikanische, hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige große Bühnenmusicals hervorgebracht, darunter „West Side Story“. Vieles, was seitdem gefolgt ist, ist mittelmäßig. Zu den letzten bedeutenden amerikanischen Stücken dieses Genres zählen „Cabaret“ und „Chicago“ von Kander und Ebb – hier weht ein wenig Brecht mit, hier ist eine künstlerische Botschaft erkennbar. In Deutschland sticht das sozialkritische und herrlich überdrehte „Linie 1“ von 1986 heraus. Wer heutzutage ein Musical schreiben will, zumal ein deutschsprachiges, wagt sich auf verdammt dünnes Eis. Dennoch: Mir scheinen so viele Musicals wie noch nie aus dem Boden gestampft zu werden. Deren Qualität lässt oft zu wünschen übrig. Denken Sie an Tangoklänge und Popballaden zu Elisabeth von Thüringen, denken Sie an einen singenden und swingenden Friedrich II. von Preußen. Das Zusammenspiel von Musik und Thema missglückt leider in zu vielen Fällen; hier wird zur Parodie, was sich nicht als Parodie verstehen möchte. Disney hat einige schöne Musicals für Kinder produziert, überhaupt sind viele Produkte des Genres kindgerecht, auch im deutschsprachigen Raum. Konstantin Weckers „Peter Pan“ etwa würde ich in diesem Sinne durchaus empfehlen.
Monty Python freilich tanzen aus der Reihe. Nicht auf der Bühne, sondern im Film haben sie den Spieß umgedreht und das Banale als Zündstoff verwertet, der von vornherein klarstellt: Hier wird nichts und niemand ernst genommen. Spätestens wenn uns der gekreuzigte Eric Idle in „Das Leben des Brian“ (1979) trällernd ermahnt, sich stets auf die Sonnenseiten des Lebens zu besinnen, erkennen wir, dass diese Gruppe die Grenze zur Parodie schnurgerade überschritten hat und viel Potenzial daraus schöpft, aus der unfreiwilligen Komik eine freiwillige zu machen. „Das Leben des Brian“ wird von manchen Kritikern als Höhepunkt ihres Filmschaffens bezeichnet, als essenzielles Monty-Python-Produkt. Vielleicht ist er das auch. „Der Ritter der Kokosnuss“ (1974) scheint im Vergleich dazu nur ein Vorgeschmack zu sein. Auf ebendessen Grundideen beruht „Spamalot“. König Artus soll in Gottes Namen den Heiligen Gral suchen und trifft dabei auf allerlei schräges Volk.
Im Staatstheater Mainz ist an diesem Abend eine anarchische Flut von Liedern und Bildern zu erleben: Camelot wird zur glitzernden Showbühne, der raubeinige Lancelot wird als Homosexueller enttarnt, die Dame vom See entpuppt sich als selbstherrliche Primadonna, die sich singend beschwert, dass sie ein Lied zu singen hat, das eben einfach gesungen werden muss, die aber auch nicht damit klarkommt, wenn mal jemand anderes auf der Bühne agieren soll. Dass dieses Stück vor zehn Jahren als bestes Musical am Broadway mit dem Tony Award ausgezeichnet worden ist, scheint mir ein deutlicher Fingerzeig zu sein. Denn hier wird respektlos persifliert, was Musicals auszeichnet: das Zusammenspiel von Tanz, Gesang und Sprechauftritten, das nun leider nicht immer funktioniert, oder das vielmehr am Thema des Librettos vorbeischnellt.
Welch hohes Maß an Timing notwendig ist, um ein so rasantes Unterfangen bewerkstelligen zu wollen, zeigt Regisseur Ekat Cordes. Er hat ein überzeugendes Ensemble versammelt, aus dem Navina Heyne als „Fee vom See“ heraussticht. Ihr Gesangstalent erlaubt eine souveräne Parodie auf schmachtvolle Balladen, sie ist bestens besetzt. Interessanter Weise ist es in erster Linie ihre Rolle als Fee, die zum vorübergehenden Bruch mit einer schlüssigen Handlung führt. Hier wird just auf der Bühne hinterfragt, was der ganze Hokuspokus soll, wie es denn nun weitergeht und ob ihr Agent eigentlich noch alle Tassen im Schrank hat. (Alle Tassen im Schrank hat übrigens Gott nicht mehr, er hat den Kelch „verbummelt“.) Unterstrichen wird die Unlogik von Statisten, die als Bühnenarbeiter Leuchtpfeile umhertragen oder Artus’ Diener Patsy – der mit seinen Kokosnusshälften die glaubwürdigen Galoppgeräusche des königlichen Trabers nachstellt – dann und wann mal einen Becher Wasser gleich am Vorhang reichen. Vincent Doddema hat die augenscheinlich undankbare Rolle des Patsy inne und muss ununterbrochen blöd dreinschauen, darf aber schließlich Eric Idles großen Kreuzigungs-Hit schmettern und am Ende einen Stepptanz einlegen, der das Publikum merklich beeindruckt.
Idle hat für Libretto und Liedtexte verantwortlich gezeichnet, und der hierzulande nicht ganz so bekannte Filmkomponist John Du Prez die Musik geschrieben, die von Soul, Jazz und Disco angehaucht ist und die absurde Handlung in eine neue Dimension hebt. Die Mainzer Produktion beruht auf einer Inszenierung des Oldenburgischen Staatstheaters, wo Navina Heyne schon die Fee verkörpert hat. Noch bis Mitte Mai 2016 wird „Spamalot“ im Großen Haus am Gutenbergplatz zu sehen sein, instrumental besetzt mit dem vielseitigen Philharmonischen Staatsorchester. Es ist allen zu empfehlen, die sich davon überzeugen möchten, dass Musicals immer noch eine Kunstform sein können und dass sie sich gerade dann Respekt verdienen, wenn sie keinen Respekt zeigen. (In dieser Fassung wird sogar das RTL-Programm mit einer Liedstrophe aufs Korn genommen – ein überflüssiger, aber gut gemeinter Brückenschlag zum deutschen Kulturmüll.) Jens Frederiksens Urteil in der Allgemeinen Zeitung vom 5. Oktober 2015 kann ich zustimmen: „ein spartenübergreifender Kraftakt von erstaunlicher Könnerschaft“. Ja, ein Kraftakt. Bleibt nur hinzuzufügen: für das Ensemble, nicht für das Publikum, das hier genießen und lachen kann. Ohne schwermütige Powerballaden, ohne pathetisches Bemühen, ganz nach dem Motto „always look on the bright side of life“.
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