Besprechung der Inszenierung von „Die Ratten“ am 14. Mai 2016 im Staatstheater Mainz

Anika Baumann und Sebastian Brandes (Foto: Pressefoto Staatstheater Mainz)
Um ein Kind zu behalten, das gar nicht ihr gehört, bringt eine Frau dessen Mutter um. Dabei ist ihre Seele doch schon zerrissen genug. In der Wiederaufnahme von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ verzweifelt sie nun am Mainzer Staatstheater immer mehr am Überlebenskampf in einer harten, manchmal zynischen Welt. Am 29. Mai wird der letzte Vorhang fallen, leider.
Die Bühne: ein Gerüst, auf dem sich keiner der Schauspieler aufrecht zeigen kann, gezwungen zu bücken, zu krabbeln, zu klettern. Nicht aufrecht, heißt das: unaufrichtig? Wohl eher gefangen, und zwar in den Konventionen im Berlin des 19. Jahrhunderts, das aus allen Nähten platzt und unzählige arme Wesen beherbergt, die sich behaupten müssen, aber nicht alle das Träumen verlernt haben. Rückt das Gerüst in den Hintergrund, befinden wir uns in einem Betonklotz mit kalten, grauen Wänden. Dieser Ort ist ungemütlich, lebensfeindlich, tot. Aber der Tod gehört doch zum Leben und das Leben fordert Opfer.
In der Hauptrolle der Frau John glänzt Anika Baumann, die mit Berliner Schnodder-Schnauze auf das selbstmörderische schwangere Dienstmädchen Pauline (Ulrike Beerbaum) einredet, dem Leben eine Chance zu geben. Ihr eigenes Kind ist drei Jahre zuvor an Brechdurchfall gestorben, ein Trauma, das – wie bald klar wird – sie nie überwinden wird. Sie gibt das Kind als ihr eigenes aus und belügt damit sogar ihren Gatten, was zu einer unvermeidlichen Tragödie führt. Diese Tragik wird jedoch aufgefangen vom urkomischen Theaterdirektor Hassenreuter (Murat Yeginer), in dessen Fundus Frau John für Ordnung sorgt. Mit fast schwindelerregendem Gespür für Slapstick gestaltet Yeginer diese Figur als zwielichtigen, leidenschaftlichen Anwalt der hohen Schauspielschule aus, der sich heimlich mit einer seiner Elevinnen vergnügt. Diese wird von David Schellenberg gespielt, der ihr durch seinen großen Wuchs und seine unverkennbar männliche Physiognomie eine androgyne Brutalität verleiht. Weshalb Regisseur Jan-Christoph Gockel diese Rolle in einen Transvestiten verwandelt hat, lässt sich vielleicht damit erklären, dass er die gefährliche Halbwelt der unbeständigen Großstadt-Künstler auf sie projiziert, die Hauptmann in seiner 1911 uraufgeführten Tragikomödie nicht ausführlich behandelt hat.
Gockel nutzt nicht nur die Kräfte von Licht und Schatten – surreal bahnen sich in den dunkelsten Momenten warme, beinah sonnige Strahlen ihren Weg ins Geschehen –, er bedient sich auch mit Hilfe seines Arbeitspartners Michael Pietsch (zugleich Darsteller des verstorbenen Bruders von Frau John) der Puppenspielkunst. Eine Kunst, die an dieser Stelle sogar den Skeptiker überzeugt. Das doppelte Trauma des toten Bruders und des toten Kindes wird mittels Marionetten in einer fantasievollen, klaren Bildsprache verhandelt. Einer Bildsprache, die durch die überzeugenden Darsteller ergänzt wird, von denen Johannes Schmidt als John sehr berührt und von denen Sebastian Brandes als Hausmeister Quaquaro für zusätzliche Lacher sorgt. Fast immer dabei ist Quaquaros Hund, der überdies zu kleinen Kunststücken aufgelegt ist – ein charmanter Gruß aus der längst vergangenen, aber niemals verlorenen Welt des Elisabethanischen Theaters.
Das Welttheater, das sich in Hauptmanns Text verdeutlicht, transportiert Gockel geschickt auf die Bühne. „Wenn alle Stricke reißen, werd’ ich halt Dramaturg“, sagt der passionierte Schauspieler Erich Spitta (Matthias Lamp) und trifft damit sowohl das Klischee des ewig unsicheren Künstlerberufes als auch den Nerv der Zeit. Vor Hassenreuter trägt er einen grotesken, schockierenden Monolog vor, der Frau Johns psychische Verfassung rekapituliert. Was ist das? Ein Stück im Stück? Ein Ausbruch aus der linearen Handlung auf jeden Fall, der diese jedoch nicht verzerrt, sondern ihre Aussage unterstreicht. Wie ein Zeitsprung wirkt Gockels Inszenierung dann und wann, mit Verweisen an Brechts Episches Theater, das uns heute ein Begriff ist, aber erst nach Hauptmann kam.
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