Besprechung der Inszenierung von „Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs“ am 14. November 2015 im Staatstheater Mainz

Klaus Köhler als Apple-Fan am Rande des Nervenzusammenbruchs. (Foto: Pressefoto Staatstheater Mainz)
Wir wollen alle eins haben: ein Spielzeug, das uns bemuttert, das uns befriedigt, das uns abhängig macht. Wir parken unser Gedächtnis im Handy, wir merken uns keine Telefonnummern, Termine oder Namen mehr. Wenn wir etwas wissen wollen, rufen wir Google auf, wir brauchen keinen Duden, kein Lexikon, keinen Opa mehr. Wir checken unsere E-Mails, ohne dass wir extra den schweren Rechner hochfahren müssen, der drei quälend lange Minuten zum vollständigen, reibungslosen Systemaufbau braucht. Dieses Ding ist unser Walkman und unser Radio, unser Fotoalbum und unser Notizbuch. Es ist unsere Verbindung zur Außenwelt. Wir brauchen nicht mehr aus dem Haus zu gehen mit offenem Augen, es reicht ein Blick aufs Handy, um über Facebook, Twitter, Instagram, WhatsApp, Pinterest, Tumblr und was weiß der Teufel noch Kontakt zu unseren Mitmenschen aufzunehmen.
Steve Jobs hat es möglich gemacht. Ein besessenes Genie hat die Welt beschenkt und überflutet mit technischen Wunderwerken der Telekommunikation und des mobilen Internets. Wir sind überall erreichbar, er hingegen bleibt unerreichbar. Der amerikanische Schauspieler und Autor Mike Daisey hat sich der faszinierenden Apple-Religion und ihrem faszinierenden Verkünder angenommen und einen 90-minütigen Monolog geschrieben, der falsch betitelt ist. Im Skript werden Agonie oder Ekstase ebenso wenig deutlich wie in der Inszenierung. Die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen werden im letzten Teil angerissen, aber sind keinesfalls inhaltlicher Schwerpunkt der Darbietung, wie es der Klappentext des Staatstheaters vermuten lassen könnte.
Es ist schwierig, dieses Thema mit Witz und Elan auf die Bühne zu bringen. Klaus Köhler lädt uns energisch und augenzwinkernd dazu ein, über Jobs, Apple und Co. zu sinnieren; seine Leistung ist überzeugend, komisch und berührend, kann die schwerfällig verfasste Abhandlung jedoch nicht aus der Belanglosigkeit retten. Hier soll auch über Datensammlung und verantwortungsbewussten Konsum gesprochen werden – wacklige Brückenschläge. Mit Improvisationen lockert er die Runde auf, spricht die Zuschauer an, leiht sich für eine kleine Schauvorführung ein iPhone. Private Anekdoten ergänzen den ursprünglichen Text. Seine schauspielerische Qualität verdient am Ende unseren lang anhaltenden Applaus. Sein Mut zur Rolle in diesem mir teilweise unverständlichen Solo-Stück verdient meinen Respekt. Regisseur Marc Becker hat das Möglichste aus dem dünnen Stoff herausgeholt, Hut ab.
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