Besprechung der Inszenierung von „Der Prozess“ am 31. Oktober 2015 im Staatstheater Mainz

Gibt es ein Entrinnen? (Foto: Pressefoto Staatstheater Mainz)
„Ein bisschen viel Gedöns, aber es war gut.“ So lautet das Urteil meines Hintermannes über den soeben inszenierten „Prozess“ nach Motiven von Franz Kafka. Trifft es zu? Zweifelsohne ist es oberflächlich; die Darbietung lässt sich nicht in diesem einen Satz zusammenfassen. Unfassbar ist schließlich schon das Thema: eine Verhaftung, ein Prozess, grundlos, perfide, atemberaubend, schwarz. Wie durch ekelriechenden Sirup muss sich Josef K. winden, versucht ein unlösbares Puzzle zusammenzusetzen und durchlebt einen nervenfressenden, alle Glieder lähmenden Alptraum.
Den Zuschauer wird vor Inszenierungsbeginn von einem mal leiser, mal lauter tönenden Metronom begrüßt. Oder ist dies schon Teil der Vorstellung, werden wir just mit Betreten des Saals einbezogen? Eine spannende Frage, die sich mir sofort stellt, und die einen ebenso spannenden Abend einleitet. Der Schwede Jakop Ahlbom lässt viel Raum für Interpretation und versteht es, das Publikum zu „verstören“, wie es bereits Matthias Bischoff am 6. Oktober 2015 in der FAZ Rhein-Main ausgedrückt hat. Natürlich fußt dies auf einem ebenso verstörenden Roman. Aber die theatrale Verbildlichung eines solchen Romans geht immer einen Schritt weiter. Beim Lesen entstehen ganz eigene Bilder, im Theater werden wir gezwungen, vorgefertigte Bilder zu verarbeiten.
So verschachtelt wie die Handlung ist auch das Bühnenbild. Beeindruckend fügt sich eine Szene in die andere durch das beständige Vor- und Zurückschieben mehrerer kastenförmiger Podeste. Und bei jedem Schub tut sich eine neue Ebene auf, und jede neue Ebene steht für den nächsten Abgrund, in den Josef K. stürzen wird. Welches „Gedöns“ meint mein Hintermann? Sind es die illusorischen Videoeffekte, die unser Auge mit Zahlen, Buchstaben und hartem Licht strapazieren? Sind es die Audioeinspielungen, die die Reaktionen der feindlichen Umwelt des Protagonisten erhöhen? Sind es die eingeschobenen Ausdruckstänze, die – weil es sich nun mal um Schauspieler, nicht um Tänzer handelt – bisweilen unbeholfen wirken? Mag sein. Vor allem die Tanzeinlagen abstrahieren das Geschehen. Sie sind ein Wagnis; sie bleiben mir zwar nicht ganz unverständlich, aber dennoch schwer nachvollziehbar, was womöglich an mir selber liegt, der ich eben kein Tänzer bin. Die Handlung ist jedenfalls nicht aus den Augen zu verlieren, das surreale, gespenstische Thema wird durch den scheinbaren „tänzerischen Bruch“ eher unterstrichen.
Und das Ensemble – verkommt es in einer solch technisch sehr durchdachten, geradezu ausgeklügelten Bühnenfassung zu Marionetten? Nein, es lässt sich vortrefflich auf die Ideen Ahlboms ein, es zeigt physische Präsenz, es weiß mit dem konsequent gestrichenen Realismus umzugehen. Monika Dortschy beweist darstellerisches Geschick ebenso wie Hauptdarsteller Sebastian Brandes, der während des Applauses engen Blickkontakt mit dem Publikum zu suchen scheint, der ein großes Bedürfnis auszustrahlen scheint, uns erreichen zu wollen. Dieser Applaus hat wohlgemerkt auf sich warten lassen, denn wir wussten am Ende nicht, ob es tatsächlich das Ende ist. Dies mag Raffinesse eines Regisseurs sein, der mit „ein bisschen viel Gedöns“ arbeitet: Er hat ein, ja, kafkaeskes Machwerk erschaffen, vor dem wir erschrecken, das uns bisweilen sprachlos macht und unser Reaktionsvermögen blockiert. Josef K. trifft auf immer neue Menschen, die ihm rätselhaft bleiben, die ihm Hilfe anbieten und ihn zugleich zurückstoßen, die Urheber, Mitwisser und Opfer eines manipulativen Apparates sind, der sie alle auffrisst. Dabei klingt ab und zu ein absurder Humor auf, etwa wenn wir uns gerade fragen, wer denn nun mit wem unter einer Decke steckt, und genau dies mit einer Decke veranschaulicht wird, unter der jemand vom Richter verborgen wird.
Ahlbom versteht es, uns die vielen Möglichkeiten aufzuzeigen, über die das Theater verfügt. Somit ist ein Besuch des „Prozesses“ zugleich eine Lehrstunde der Theaterkunst. Wir müssen immer Neues wagen und nach Wegen zwischen den bunten Formen unserer medialen Welt suchen, um die Bühne lebendig zu machen.
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