Manfred Kastner – ein norddeutscher Eulenspiegel, Kritiker, Mahner und Prophet

Abb. 1 Manfred Kastner, Gemälde, Öl/Lw, „Hommage a Delvaux“, 1976
 
Abb. 2 Manfred Kastner, Gemälde, Öl/Lw, „Hommage a Delvaux“, 1976, Signatur
 
Abb. 3 Heringsdorf, Kunstpavillon, Blick in die Verkaufsausstellung 1979
Kunstmaler Manfred Kastner (Gießhübel 1943 – 1988 Juliusruh)

Gemälde
Manfred Kastner, Öl a. Lw., 65 x 80 cm, bezeichnet: „Hommage a Delvaux“, signiert hinten mit Stift auf Leinwand: Beerkast 76, Aufkleber mit Bezeichnung in Schreibmaschinenschrift „Manfred Kastner, 23 Stralsund, Julius-Fucik-Str. 2, unverkäuflich“ (mit Kugelschreiber durchgestrichen).
Nachweis: Privatbesitz D0095, Magdeburg

Ausführung
In minutiöser Detailarbeit bei der Darstellung realistischer baulicher Objekte gliedert sich das Motiv in drei Ebenen. Im Zentrum dominiert ein rotes Bahnhofsgebäude mit grünem Kuppeldach, das mit seinem offenen Ein- und Ausgang einen Blick in den Hintergrund erlaubt. Auf gleicher Ebene befindet sich am rechten Bildrand ein Industriegebäude mit Förderband und Schornsteinen. Stilistisch ist die Zeit der industriellen Revolution bzw. der Gründerjahre abgebildet. Unnatürliche, an Schwefel erinnernde Farbgebung wurde für den darüber befindlichen Himmel gewählt. Im Bahnhof selbst ist eine nackte Person mit lebloser grauer Hautfarbe erkennbar, die sich auf den hinteren Ausgang zu bewegt und dem Betrachter den Rücken zeigt.
Eine scheinbar zweite Ebene ist der entfernt vom Bahnhof befindliche Hintergrund. Er ist nur auf der linken Bildseite und durch die offenen Zugänge des Bahnhofs sichtbar. Mit sparsamen darstellenden Mitteln wird ein azurblauer, sonnendurchfluteter und mit wenigen grauen Wolken behafteter Himmel gezeichnet, der auf der linken Bildseite eine kleine, weit entfernt liegende Pyramide erkennen lässt.
Vor dem Bahnhof führt zentral in den Bildvordergrund eine Brücke. Linker Hand ist sie von einem Eisengeländer begrenzt und führt zu einer Treppe mit anschließender massiver Mauer. Vor dem Geländer befinden sich zwei Laternen. Die in der Nähe des Bahnhofs befindliche hintere Lampe besitzt einen heilen Lampenschirm und die im Bildvordergrund stehende trägt eine zerbrochenen Schirm. Der Fußboden des Bahnhofs, ein großflächiges grau-blaues Mosaik, setzt sich auf der Brücke bis zur Treppe fort. Auf der Brücke steht eine unbekleidete, in leblosen Graufarben gekennzeichnete und dem Betrachter zugewandte Frau. Eine üppige rote Kopfbedeckung ist ihr einziger Farbtupfer. Im unmittelbaren Vordergrund mit der massiven Mauer und einer Plattform ohne Mosaik bricht die Brücke ab, ist zerstört und unwegsam. Kleine graue Wolken verdrängen vereinzelt die schwefelgelbe Farbe.
Kastner widmet 1976 das Gemälde dem noch lebenden belgischen Maler Paul Delvaux (Anheit 1897 – 1994 Veurne), der wohl als Vorbild für Kastners Schaffen gewertet werden kann. Delvaux gehört zu den hochkarätigen Malern der Klassischen Moderne. Die Ausstellung 2009 in der neuen Nationalgalerie Berlin zeigt das Werk „Die Begegnung“, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Werken der Maler Dalí, Bellmer, Pollock, Newman, Miro, Ernst und Rauch.Obwohl Kastner eine eigenständige Komposition, Farbgebung und Aussage seines Bildes geschaffen hat, so ist das Vorbild von Delvaux in „Die Begegnung“ unverkennbar.


Provenienz
1979, September – Kauf
Im Kunstpavillon auf der Kurpromenade vom Ostseebad Heringsdorf fand im Sommer 1979 eine Verkaufsausstellung vom Staatlichen Kunsthandel der DDR, der Greifen-Galerie Greifswald, unter Leitung der stellvertretenden Galerieleiterin, Frau Astrid Ziele,statt. Teil dieser Ausstellung war das Gemälde „Hommage a Delvaux“. Kastner hatte im Einvernehmen mit der Galeristin einen für die Zeit sehr hohen Verkaufspreis von 3.500,- Mark festgesetzt. Weil er das Gemälde für einen späteren Auftritt beim Verband vorstellen wollte, ging er davon aus, für das Werk eines umstrittenen und nur Insidern bekannten Künstlers werde es zu dem Preis keinen Abnehmer geben.
Da hatte er sich jedoch geirrt. Urlauber aus Magdeburg waren im August 1979 von der Aussage des Bildes in einer Zeit des sozialistischen Realismus, der die Produktivität der Werktätigen durch Kunst stimulieren sollte, mehr als begeistert. Vor ihnen offenbarte sich eine Eulenspiegelei im Sozialismus, die noch dadurch vervollständigt wurde, dass sie vom Staatlichen Kunsthandels der DDR zum Kauf angeboten wurde. Es fehlten zur Ausstellung Plakate, Flyer oder sonstige begleitende Schriften, so dass Frau Ziele auf Anfrage am 03.09.1979 in einem Brief schrieb:
„Lebensdaten von Herrn Kastner habe ich im Moment nicht. Ich schreibe nur mal kurz auf, was ich über ihn weiß.Herr Kastner ist Restaurator und hat lange Jahre als solcher am Kulturhistorischen Museum in Stralsund gearbeitet. Er restauriert auch jetzt noch u.a. auch die Bilder von Prof. Niemeyer-Holstein. Vor 3 Jahren bewarb sich Herr Kastner im Bezirksverband der Bildenden Künstler in Rostock, um Aufnahme, wurde abgelehnt, erhob Einspruch in Berlin und wurde angenommen.Das war damals ein großer Skandal in Künstlerkreisen und eigentlich auch ein Beweis dafür, daß im Rostocker Verband nur alte Herren sitzen, die neben ihrer Kunst nichts kennen.“
Mittellos aber unbedingt kaufwillig erwarben die Urlauber am 03.09.1979 das Bild und finanzierten mit einem damals möglichen „Kreditkaufbrief“ der Stadtsparkasse Magdeburg in Höhe von 3.500,- M mit einer monatlichen Ratenzahlung von 170,- M.
Die unmittelbare Umgebung der Käufer folgte der Kaufaktion mit völligem Unverständnis und brachte zum Ausdruck, dass der Kauf der gerade auf dem Markt befindlichen Farbfernsehgeräte sinnvoller gewesen wäre.

1980 – Juni
Informationsmaterial zur Kastner-Ausstellung 1980 in Heringsdorf von Frau Ziele.

1996, März – 1997, März
Leihgabe an Dr. R. Kunze, Berlin

1997, Juni – August
Leihgabe an die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Ernst-Moritz_Arndt-Universität Greifswald e.V. , Schloss Willigard, Katalog zur Ausstellung „Manfred Kastner Malerei 1965 – 1988,


Die Bildaussage ist aktueller denn je
Das beschriebene Kunstwerk ist mit seiner klaren, eindeutigen Aussage einzigartig unter den bekannten Arbeiten und als Hauptwerk seiner gesellschaftlichen und ökologischen Kritik zu werten. Ein flüchtiger Blick auf das Gemälde suggeriert dem eingeweihten Betrachter den Eindruck, das Motiv dieser Architekturmalerei mit dem Bahnhofsgebäude ist bekannt und wurde mehrfach in unterschiedlichem Zusammenhang wiederholt. Bei genauerer Betrachtung trügt dieser Eindruck und alle bekannten ähnlichen Darstellungen scheinen nur eine Vorarbeit bzw. ein Ausschnitt aus diesem Hauptwerk zu sein. Durch Symbole entwickelt der Künstler eine Zeitachse, die vom Bild links mit der Pyramide beginnt, über Gründerjahre und Neuanfang geht und dann als Zusammenbruch endet. Er beklagt und mahnt die Zerstörung der Umwelt im Gleichklang mit der Entzweiung der Menschen an. Seinen Mitmenschen hält er den Spiegel vor das Gesicht als würde er Sagen: Schaut her und ändert die Zustände!
Die Menschheit hat seit 1976 in der globalen Welt nicht viel gelernt, was beispielsweise die Abholzung der Regenwälder, Verschmutzung der Meere, Abschmelzung der Polkappen oder , unbeherrschte Atommüllentsorgung zeigen. Das Motiv hat an Aktualität nicht verloren!

Aus Sicht der Kunstwissenschaft darf das Gemälde durchaus zur Klassischen Moderne und als Repräsentant des „DDR-Surrealismus“ gewertet werden..

Weitere Informationen und Kontakt unter http://vergangene-schaetze.de/
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