Mit Hartz, doch ohne Verstand

von Wolfgang Hovestädt aus Lübeck | am 05.02.2010 | 297 mal gelesen | 22 Kommentare | 0 Bildkommentare | 1 Bild
Das entscheidende Ministerium in Berlin

So alt waren sie, Edda und Franz, eigentlich noch nicht. Sie war Mitte Fünfzig und er zwei Jahre älter. Sie hatten sich in ihrem Leben nichts zu Schulden kommen lassen, außer, dass er mit vierundfünfzig arbeitslos wurde. Das ist nun drei Jahre her. Die Aussicht auf eine neue Stelle war schlecht. Das Alter, sein Alter. Also ging er zum Amt. Arge hieß die Stelle, die ihn mit dem Nötigsten versorgen sollte. Ein bitterer Weg. Nummer ziehen, warten. Dann Fragen, gestellt von einer mürrischen, müde wirkenden Mitarbeiterin. Formulare mussten ausgefüllt werden. Ein mühsames Unterfangen für jemanden der gewohnt war, anzupacken, der den Bleistift meist nur zur Hand nahm, um einen Lottoschein auszufüllen. Doch auch diese Hürde schaffte er. Pünktlich zum Ersten des Monats bekamen sie, Edda und Franz, ihre “Stütze”, wie sie die Zuwendung nannten, aufs Konto überwiesen.
Sie schämten sich. Niemandem erzählten sie von ihrem Los, obwohl auch andere davon betroffen waren.
Doch dann eines Tages erhielten sie Post von der Arge.
Man teilte ihnen mit, dass sie umzuziehen hätten.
Edda und Franz waren zunächst sprachlos - und dann entsetzt! Beide!
Sicher, das Geld für die Miete hatte das Amt zusätzlich zu dem, was für den Lebensunterhalt gedacht war, stets mit überwiesen. Das sollte sich nun ändern, teilt die Behörde mit.
“Entweder Sie versuchen unterzuvermieten, oder Sie sprechen mit Ihrem Vermieter, dass er Ihnen einen bestimmten Betrag von der Miete erlässt, oder Sie suchen sich eine neue Wohnung.”
Lapidar formuliert, unpersönlich in der Anrede. Behördensprache. Die Obrigkeit.
Franz, der den Brief geöffnet hatte, ließ das Schreiben sinken. Wie unter einem Zwang folgte sein Kopf.
“Melden Sie bitte Ihre Bemühungen umgehend Ihrer Betreuerin”, hatte er noch vor Augen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Betreuerin, dachte er und überlegte, was damit gemeint sein könnte. Er war zwar regelmäßig zum Amt gegangen, hatte vorgesprochen, wie es so schön heißt, er hatte auf die Wand mit den vielen Zetteln geschaut, versucht, sich einen passenden Job zu suchen. Doch stets stand dort geschrieben: “... suchen wir einen jüngeren Mitarbeiter / jüngere Mitarbeiterin.” Franz war, wie gesagt, siebenundfünfzig. Eigentlich kein Alter um sich auszuruhen.
Aber dennoch: zu jung für die Rente, zu alt für einen Job.
Und für die Kiste..?
Edda, sie hatte drei Kinder geboren und großgezogen, war nie wirklich berufstätig gewesen, wenn man von kleineren Tätigkeiten mal absah, saß niedergeschlagen am Küchentisch. Sie war völlig durcheinander, konnte keinen klaren Gedanken fassen. In ihrem Kopf drehte sich alles: Miete - Geld - ausziehen - keine Wohnung!
Im Alter drohte nur die Obdachlosigkeit, dachte sie.
Die Kartoffeln, die auf dem Herd standen, brannten an. Den Geruch bemerkte keiner der beiden. Erst als es wirklich zu spät war, als nichts mehr zu retten war, merkten sie es.
Sie öffneten das Küchenfenster, um den Gestank hinaus zu lassen.
Es war draußen schon recht kühl geworden. Nun drang die Kälte in ihre Wohnung. Edda schloss das Fenster.
Beide vermieden, sich anzusehen. Was hätten sie auch sehen sollen? Es gab nichts zu sehen. Und was hätten sie sagen sollen? Es gab auch nichts zu sagen. Was hätten sie tun können? Gab es noch was zu tun?
Sie hatten einen Gasherd in der Küche.
Im Haus gab es kaum Kontakt. “Guten Tag und guten Weg”, mehr war nie gesagt worden.
Es dauerte seine Zeit, bis das Amt den nächsten Brief schickte. Nur, der erreichte weder Edda noch Franz.
Die Nachbarn sagten später dem Journalisten, als das Fernsehen da war, sie, die hier gewohnt hätten, seien eigentlich ganz ruhige, nette Leute gewesen. Nein, erklären könnten sie sich das nicht. Einfach sich davon machen. Aber so ist das nun mal. Nichts dran zu ändern.
Der Pfarrer, dem wie immer in solchen Fällen das Letzte oblag, fand kaum Worte. Woher hätte er sie auch nehmen sollen.
Und das Amt, die Arge?
Das Amt schloss den Vorgang, brachte die Akte ins Archiv.
Ein ganz normaler Vorgang, wie er jeden Tag vorkommen kann.
Mehr? Dann "www.eulenspiegeleien.de"

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