Der Tante letzte Reise
Hätte Bodan das gewusst, dass es in Lübeck ein Krematorium gibt, vielleicht wäre diese Geschichte so nicht passiert. Aber so musste er, wider besseres Wissen, nach Holland fahren, um die Tante seiner Frau einem seiner Meinung nach bezahlbaren Krematorium zu übergeben.
Dabei hat Lübeck doch ein sehr ordentliches. Allerdings ist das im Privatbesitz.
Die Stadt hat es verkauft. Sie brauchte Geld. Außerdem waren die laufenden Kosten sehr hoch. Die Verbindlichkeiten auch.
Dabei ist vor noch gar nicht langer Zeit ein neuer Ofen eingebaut worden. Gas betrieben. Das Neueste, was auf dem Markt zu haben ist.
Doch nun betreibt ein privater Betreiber das Krematorium.
Doch lassen wir Bodan erzählen, denn er hat viel zu sagen.
Das Krematorium lag einladend, von viel Grün umgeben, am Rand einer kleinen Stadt, etwas südlich von Amsterdam. Sogar ein kleines Wäldchen war in der Nähe der Einäscherungsanstalt und gehörte offensichtlich zum Besitz. Eine gut zu befahrende Straße führte auf das Anwesen, das durch Tor und Zaun gesichert war, obwohl das Tor offen stand.
Kurz vor dem Gebäude, das aus viel Glas und Chrom bestand, gabelte sich die Straße. Links ein Weg, wahrscheinlich für die Lieferanten gedacht, geradeaus die Straße für die Gäste gemacht.
Wir, das bin ich, Bodan, und meine Frau Irmgard, die ich meistens Irmchen nenne, wir kamen also als Gast und wollten als Freunde scheiden. So zumindest meine Vorstellung. Auch mit dabei, Tante Luise. Allerdings war sie tot.
Wir stellten den Wagen mit der toten Tante auf dem gekennzeichneten Parkplatz ab, gingen die paar Schritte zum Gebäude, gut hundert Meter, es können ein paar mehr gewesen sein, ich habe nicht gezählt, und klingelten an der breiten Glastür, die unbegreiflicherweise verschlossen war.
Ein Mann kam und öffnete. Ich fragte, ob sie auch unangemeldet Leichen annehmen würden. Der Mann sah mich seltsam an. Nur langsam erwiderte er in einer kaum zu verstehenden kehligen Sprache: »Natürlich mache wir das. Unser Crematie steht alle Leute offen.«
Er sprach wie alle Holländer, unverständlich, so als habe er einen entzündeten Hals, und die Zunge im Genick. Das kommt vom vielen Rauchen, aber auch vom Genever trinken.
»Sagen Sie die Leichewagen, er soll komme zum Hintereingang. Sie gebe mir jetzt die Unterlage, dann wir könne angehe die Formalie und wir mache gecremeerd.«
Ich wollte erst nicken, dann wurde mir bewusst und deutlich, was er gesagt hatte.
»Wir haben keinen Leichenwagen.«
»Sie habe keine Leichewagen?«
Ich glaube, er hatte mich nicht verstanden, jedenfalls schaute er so aus.
Verstanden habe ich ihn übrigens auch nicht, denn sein sonderbarer Begriff gecremeerd sagte mir im Moment nichts. Wiewohl, sein Gesicht sprach Bände, es war ein einziges Fragezeichen. Die Holländer haben es nicht so mit der deutschen Sprache. Die können nur holländisch, und das aus dem Rachen heraus. Ich sagte es bereits.
»Nein«, wiederholte ich deshalb langsam und deutlich. »Nein, einen Leichenwagen haben wir nicht. Die Tante, die verbrannt werden soll, ist bei uns im Auto.«
Der Mann schaute langsam, und in gewisser Weise sehr seltsam drein. Dann kam ein merkwürdiges Schulterzucken. Er verschwand sang- und klanglos. Ich dachte, es wäre aus und vorbei. Gelaufen. Der Mann schien doch beleidigt. Wir konnten gehen, die Sache hier vergessen, die Angelegenheit begraben. Einpacken, abfahren und uns ins finanzielle Elend stürzen. Es gab nichts zu holen. Warum nicht gleich nach Polen? Vielleicht wäre diese Richtung doch besser gewesen, zwar weiter, aber passender. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Doch kaum zu Ende gedacht, tauchte der Krematorienmann wider Erwarten auf.
»Ich habe gesproche mit meine Chef. Das ist in die Ordnung«, sagte er. »Sie könne die Sarg dann bringe hinein. Wir kümmere uns um alles. Brauche Sie eine Wage für die Transport?«
Der Mann war begriffsstutzig, mehr als erlaubt war. Dem musste man haarklein jeden einzelnen Punkt erklären.
»Sie haben mich nicht verstanden. Ich sagte, die Tante sitzt bei uns im Auto auf der Rücksitzbank. Wir haben keinen Sarg. Sie soll doch verbrannt werden.«
»Sie habe auch keine Sarg?«
Die Augen des holländischen Mannes, der sich um Verbrennungen kümmerte, drohten aus dem Kopf herauszuquellen. Der Mann fing an, mir leid zu tun. Wie kann man einen derartig schweren Job machen, ohne ausreichend stressstabil zu sein. Werden denn diese Leute, die an verantwortlicher Stelle stehen, nicht auf Herz und Nieren getestet? Ich wollte gerade ansetzen, ihm die Sache noch einmal zu erklären, da fand er seine Sprache wieder.
»Aber, Sie brauche eine Sarg, erst dann könne wir bei die Hinterbliebene verassing mache.«
Seltsame Laute, die an mein Ohr drangen. Dessen ungeachtet, Zeit zum Reagieren blieb nicht.
»Geduld, bitte«, sagte er und verschwand wieder.
»Gut, wir mache so«, sagte er, als er wieder zurückkam. »Ich habe meine Chef gesagt. Sarg bekomme Sie von uns, dann gecremeerd. Anschließend Sie habe die Asche von die teure Mensch.«
Wir nickten. Aber da war es wieder, was wir schon an anderer Stelle des Öfteren gehört hatten. Ich war vorsichtig.
»Was wird das kosten?« Mit Daumen und Zeigefinger untermalte ich meine Frage. Diese Geste wird auf der ganzen Welt verstanden. Egal ob Chinese oder Hindu, Rot oder Schwarz, das kennen sie alle.
»Oh, nicht so teuer. Mit alle Chose wir mache billig.«
Ich hatte mit weniger gerechnet. Deshalb blieb ich hartnäckig. »Wie viel?«
»Fünfhundert. Sie zahle bar.«
Von wegen, in Holland ist alles fast geschenkt. Die Brüder hier schieben für ein paar Cent niemanden in den Ofen.
»Der Preis, ist das in Ordnung?« fragte der Krematorienmann.
»Wir hatten mit weniger gerechnet.«
»Da ist die Gefäß mit drin.«
›Die Heizkosten auch‹, lag mir auf der Zunge. Ich grinste, als ich mein ›Okay‹ zu dem Preis gab.
»Sie können auch dabei sein, wenn wir mache verassing.«
»Was heißt das?«
»Verassing?«
Ich nickte.
»Das ist dasselbe wie gecremeerd.«
Nun war ich schlau, jedoch nicht mehr als vorher. »Und was bedeutet das?«
»Das wir sie tun verbrenne. In Ordnung? Und Sie könne zusehe.«
Wir lehnten ab.
»Oh, Sie müsse nicht. Die viele andere Mensche tun es, aber einige könne nicht. – Ich glaube, Sie kippe um? Für schlimme Fälle, wir habe eine Cafeteria.«
Irmgard und ich zuckten gleichzeitig mit den Schultern, Stereo sozusagen.
»Wenn Sie abhole die Urne, Sie bekomme eine Beleg.«
»Klar. Und wie lange, ich meine, wie viel Zeit brauchen Sie? Vorheizen, verbrennen, eintüten.«
»Wie meine Sie? Vorheizen? Eintüten?«
»Ich wollte nur wissen, wann wir wieder hier sein sollen.«
»Ach so. Der Vorgang ist gut gelaufen, wenn sind anderthalb Stunden vorbei. Aber, dann muss ruhe die Asche. Wenn Sie in zwei Stunden hier, ist das gut.«
Die Asche muss ruhen, das hatte ich noch nie gehört. Auch gut, dann soll sie ruhen, die Asche von Tante Luise.
Soweit die Geschichte von Bodan und der toten Tante. Sie wurde einem Roman entnommen, der “Bodan” heißt, und noch nicht erschienen ist. Vielleicht ändert sich das ja jetzt bald!
Mehr? Dann „www.eulenspiegeleien.de“
*fiesschmunzel*
Wirre Story! ;)))


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