Als die große Pest ausblieb
Eine große, in ihren Ausmaßen nie gekannte Pest würde die Menschheit heimsuchen, wurde verkündet. Die Regierungen auf der ganzen Welt ergriffen die Initiative und diverse Vorkehrungen. Besonders natürlich die deutsche. Umsichtiges Handeln war nämlich angesagt.
Gesagt, getan. Es wurden Gespräche mit Experten geführt, dann mit der Pharmaindustrie. Apotheken wurden mit ins Boot geholt. Ebenso die Ärzte. Es sollte, nein, es durfte nicht zum Schlimmsten kommen. Man wollte gewappnet sein.
Aufmerksam verfolgte man die aus der ganzen Welt einlaufenden Zeitungsberichte. Von unsagbarem Leid wurde darin berichtet, regelrechte Horrorgeschichten wurden gedruckt. Von Toten war bereits die Rede. Besonders Mexiko sollte betroffen sein. Und natürlich Südamerika. Argentinien?
Egal, Übersee. Zwar noch weit weg, aber dennoch. Man kann ja nie wissen.
Die Anstrengungen im eigenen Lande wurden verdoppelt. Und die Pharmaindustrie versprach, ihr Möglichstes zu tun.
Die ersten Erkrankten wurden gemeldet. Die Ärzte waren zuvor verpflichtet worden, diese Meldungen abzugeben. Die Boulevardpresse tat ein Übriges. Tag für Tag.
Von einer Pest ähnlichen Epidemie war die Rede. Ein Name dafür auch gleich gefunden: Schweinegrippe. Ein unschönes Wort, Schweinegrippe. Wenn das kein Grund war, sich impfen zu lassen. Schweinegrippe!
Impfstoff wurde auf Anraten von Sachverständigen geordert. Millionenfach. Das kostete ebenfalls Millionen. Aber für die Volksgesundheit durfte nichts zu teuer sein, im Gegenteil. Nur die Krankenkassen weigerten sich anfangs, diese Kosten zu übernehmen. Doch die Regierung machten ihnen schnell klar, dass sie diese Kosten zu übernehmen hätten, ansonsten...
Da gaben die Kassen klein bei.
Dann stand in der Zeitung, dass ganze Schulklassen geschlossen wurden, um der Seuche den nahhaften Boden zu entziehen.
Das ganze Volk sollte nun geimpft werden. Eine enorme, logistische Maßnahme. Zur Vorbeugung, hieß es. Die Menschen im Land blieben gelassen, teilweise skeptisch. Deshalb vergaß man seitens der Regierung nicht, darauf hinzuweisen, dass in Südamerika die Seuche verstärkt wüten würde.
Das Impfserum wurde geliefert. Die Ärzte schon vorher alarmiert. Die Bevölkerung nun mit markigen Worten aufgefordert, sich impfen zu lassen.
Die Politik ging medienwirksam mit gutem Beispiel voran. Der Gesundheitsminister schob entschlossen den linken Ärmel seines Hemdes nach oben, schaute dabei todesmutig in die Kamera und verkündete, dass er und seine Mitarbeiter - er meinte das gesamte Ministerium - sich impfen lassen würden, schließlich, so erklärte er weiter, trügen sie Verantwortung.
Was er nicht sagte, dass er und auch die vielen anderen Politiker ein besonderes Serum verabreicht bekamen, das keine oder kaum Nebenwirkungen verursachte, weil es wahrscheinlich auch teurer war. Doch daran war nichts zu ändern, es bestanden schon seit längerem Abnahmeverpflichtungen mit der Pharmaindustrie.
Auch andere Prominente standen nun bereit, sich vor laufender Kamera die Nadel in den Oberarm jagen zu lassen. Mit zum Teil schmerzverzerrter Miene ließen sie mit sich geschehen, was nicht zu vermeiden war.
Und dann war das Volk dran. Die Gesundheitsämter waren vorbereitet, die Arztpraxen ebenfalls. Das Serum lag bereit, die Spritzen auch.
Nur, es kamen kaum Impfwillige.
Die Seuche würde sich ausbreiten, verkündete die Presse nicht müde werdend. Es seien nun auch Menschen befallen, die eigentlich als resistent galten, berichteten die Gazetten. In Hamburg soll jemand auf der Isolierstation liegen, der sich in Spanien angesteckt haben soll, wusste eine Zeitung zu berichten, die so etwas immer wusste, wenn es dergleichen zu berichten gab. Auf Mallorca, so hieß es in großen, publikumswirksamen Lettern, soll er gewesen sein.
Furchtbar. Die Seuche hatte also Europa längst erreicht. Wenn das kein Grund war, nun zum Arzt zu gehen.
Aber man ging nicht. Das Volk schien resistent.
Die Zahl der Impfwilligen blieb mithin klein. Auch verstärkte Meldungen im Fernsehen brachten kein Umdenken. Die Leute gingen nicht zum Impfen. Sie blieben einfach zu Hause. Sie wollten die Seuche auf sich zukommen lassen. Welch ein Leichtsinn.
Der Herbst zog ins Land. Der Winter kam. Die Epidemie suchte die Menschen nicht heim. Die Viren taten nichts Beunruhigendes.
Das wird noch kommen, sagten die Experten und schauten auf das in den Lägern lagernde Serum, das Millionen helfen sollte, weil es Millionen gekostet hatte, die Pestilenz - von einer solchen war inzwischen die Rede - wird im Frühjahr zuschlagen, orakelten die Experten.
Dem Volk war das egal. Es feierte Weihnachten, genoss den Jahreswechsel, ging seiner Beschäftigung nach, aber nicht zum Impfen.
Und nun? fragten sich die Politiker ziemlich ratlos, vor allem, als sie auf die enormen Vorräte schauten, die sie angeschafft hatten.
Das Zeug verkaufen wir, sagten sie. Den Balkan wird die Seuche als nächstes heimsuchen. Rumänien.
Doch die wollten das Zeug auch nicht.
Also blieb das Serum im Land. Zurückgeben konnte man es nicht. Das Haltbarkeitsdatum war abgelaufen. Und in diesem Fall sind die Apotheken nicht verpflichtet, sich dessen anzunehmen.
Aber das ist eine andere Geschichte, über die zu berichten sein wird.
Und die Pharmaindustrie?
Wegen der Pandemie haben wir wirklich Schwein gehabt, sagten die Manager der Pharmaunternehmen und nickten zufrieden.
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