Unbotmäßig berichten 3.10.2015

Warum sich die junge Welt nicht davon abbringen lässt, einen eigenen Standpunkt einzunehmen

Von Dietmar Koschmieder

»Damit künftig der Mensch und nicht optimale Profitmaximierung das Maß aller Dinge ist« – Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm (Juni 2007)

Täglich eine unabhängige, linke und kritische überregionale Zeitung zu machen ist nicht einfach. Erst recht nicht, wenn sie unter professionellen Bedingungen und nicht in einem Feierabendprojekt ehrenamtlich entsteht. Was bei einer Tageszeitung von vornherein ausgeschlossen ist. Wenn sie nicht von Parteien, Kirchen oder Konzernen finanziert werden, aber trotzdem über die unbedingt notwendigen ökonomischen Mittel verfügen soll, braucht man nicht einfach nur Leserinnen und Leser – sondern welche, die bereit sind, ein Abonnement zu bezahlen. Nur wenn wir diese finden, können wir auch selbst über die Ausrichtung unserer Zeitung bestimmen.

Obwohl die Aufgabe schon gewaltig ist, ein inhaltlich und handwerklich gutes Team von Verlagsmitarbeitenden und Redakteurinnen und Redakteuren aufzubauen, müssen wir also der Aufgabe, die Zeitung noch bekannter zu machen, sehr viel Aufmerksamkeit widmen. Trotz aller Schwierigkeiten haben wir diese Aufgaben nun 20 Jahre lang recht erfolgreich gemeistert – vor allem dank des Engagements der Mitarbeitenden, der Unterstützung durch die Leserinnen und Leser und unserer Genossenschaft.

Dass dies gelungen ist, hat wesentlich mit dem einzigartigen Profil der jungen Welt zu tun. Sie ist ausdrücklich keine Parteizeitung – versteht sich aber trotzdem als marxistische Zeitung in dem Sinn, dass sie die wissenschaftlichen Arbeiten von Marx, Engels und Lenin (um nur einige zu nennen) als hervorragende Instrumente versteht, die Welt zu erkennen und zu beschreiben: Für uns ist Geschichte eine von Klassenkämpfen. Für uns ist der Kapitalismus eine Gesellschaftsformation, die schon längst ihr höchstes Stadium erreicht hat und dringend durch eine andere abgelöst werden sollte. Damit künftig der Mensch und nicht optimale Profitmaximierung das Maß aller Dinge ist. Wir sehen wie W. I. Lenin oder Rosa Luxemburg die einzige Chance für eine friedliche Zukunft darin, den Imperialismus generell zu überwinden, weshalb wir auch nicht in einer Linie mit dem rheinischen Kapitalismus gegen den US-Imperialismus stehen. Dafür aber in einer mit den flüchtenden Arbeitern aus Asien oder Afrika: Wir treten für wachsendes Klassenbewusstsein ein, nicht für wachsendes Nationalbewusstsein. Auch deshalb bleiben wir die schärfsten Kritiker von Militäreinsätzen mit bundesdeutscher Beteiligung – egal, mit welchen Propagandalügen sie auch in Zukunft verkauft werden.

Dieses Profil ist Grundlage für den wachsenden Zuspruch für unsere Zeitung, aber auch für Probleme. Erfolg und Inhalt der jungen Welt gefallen sehr vielen aus unterschiedlichen Gründen überhaupt nicht. Verfassungswidrig hebt der Bundesinnenminister jährlich in seinem Verfassungsschutzbericht hervor, dass die junge Welt die wichtigste linksradikale Publikation sei, nur um ihre weitere Verbreitung zu behindern. Und linksradikal sei sie deshalb, weil sie für gesellschaftliche Veränderung eintritt. Regelmäßig wird mit juristischen Mitteln versucht, unsere journalistischen Handlungsspielräume einzuengen: In der Zeit des Universalbetrugs ist die Wahrheit zu sagen eine revolutionäre Tat, meinte schon George Orwell. Und genau das soll mit solchen Aktionen verhindert werden. Unbotmäßige Berichterstattung wird aber auch von anderer Seite zum Anlass heftigster Beschwerden genommen. So drohen deshalb schon mal Linkspartei-Größen mit Anzeigenboykott oder Abokündigung. Natürlich machen wir auch Fehler, aber viel mehr angegriffen wird der Umstand, dass wir uns die Freiheit nehmen, unsere Sichtweisen und Erkenntnisse zur Grundlage der Berichterstattung zu machen, und uns nicht als Sprachrohr oder Plattform für Selbstdarstellungen und Presseerklärungen von Parteien, Gruppen und Bewegungen verstehen: Wie wir Artikel gewichten, worüber und wie wir berichten, kann und darf gerne kritisiert werden. Dass wir trotzdem selbst entscheiden, worüber und wie wir berichten und wie wir die Vorgänge bewerten, gehört zu unserem journalistischen Selbstverständnis.

Wir bleiben auf kritischer Distanz zu Bewegungen, die keine allzugroßen Probleme mit Querfrontüberlegungen haben, die nichts gegen jene haben, die rechtsradikal gewendete wie Jürgen Elsässer und die junge Welt in eine Einheitsfront bringen wollen. Die meinen, Antisemitismus sei eine Erfindung der Antideutschen. Die meinen, Klassenpositionen seien Sektierertum, und die damit an die Stelle von Aufklärung und Klarheit Verwirrung und Spaltung setzen. Die nicht an kritischer Diskussion und Widerspruch, sondern an Glaubensbekenntnissen interessiert sind. Für manche ist diese kritische Haltung ein Grund, die junge Welt nicht mehr zu lesen, gar zum Boykott aufzurufen. Für viele aber ist sie auch ein Grund, sie jetzt erst recht zu abonnieren. Wir werden auch weiterhin dafür kämpfen, dass die Aufklärung siegt – und freuen uns über jeden, der sich über ein Abonnement mit uns verbündet.
Quelle:http://www.jungewelt.de/2015/10-02/071.php
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