Pakete statt Geschirr-Ausverkauf in Haldensleben: Das Ende der »Traditionsstadt der Keramik« nach dem Anschluss der DDR

.... und das Leben der Facharbeiter 25 Jahre danach

Von Susan Bonath

Aus Säulen plätschert Wasser auf das Pflaster. Blumengebinde hängen von Straßenlaternen in der verkehrsberuhigten Zone. Am restaurierten Stadttor verrät ein Schriftzug über aufgemaltem Töpferwerk: »Traditionsstadt der Keramik«. Letzteres ist pure Nostalgie: Seit der »deutsch-deutschen Traumhochzeit« hat der Kapitalismus die Bördekreisstadt Haldensleben in Sachsen-Anhalt verändert. Hinter neuem Anstrich schlummert eine gespaltene Gesellschaft. Ehemalige Keramiker packen Pakete im Teilzeitakkord. Einkommensschwache wurden aus der Innenstadt in die günstige Platte verdrängt. Gutsituierte haben sich in Einfamilienhäusern im Grünen verschanzt.

Marina S. (Name geändert) lehnt am Zaun. Sie blickt auf fensterlose Ruinen neben den Bahngleisen, wenige hundert Meter vom Bahnhof der 18.000-Einwohner-Stadt entfernt. Einzig eine Halle an der Straßenseite ist notdürftig erhalten. An ihrer weiß übertünchten Fassade wirbt ein Schild für »Echte Markenmode zweite Wahl, bis zu 90 Prozent reduziert«. Am verfallenen Backsteinhaus dahinter erinnert ein verwitterter Schriftzug an eine andere Zeit: Keramische Werkstatt. Einst rollte dort, wo die 55jährige über zehn Jahre Vasen und Geschirr bemalte, Töpferware aus einem Tunnelofen. »Haldensleben war berühmt für Keramik – und wir stolz auf unser besonderes Handwerk«, blickt sie zurück. Als wäre ihr letzter Arbeitstag keine Woche her, fachsimpelt sie von Ton, Kaolin, Quarzsand und Aufglasurmalerei. Jedes Jahr bildete ihr Werk »20 oder mehr« Lehrlinge aus. »Im Winter 1990/91 war plötzlich alles aus«, unterbricht sie sich. Frischgebackene Facharbeiter mussten zum Arbeitsamt. Entlassen wurde in Schüben; Marina S. traf die zweite Welle.

Abgewirtschaftet

Die Treuhandanstalt hatte den Betrieb häppchenweise an westdeutsche Unternehmer verkauft. Das wenige hundert Meter entfernte, erst in den 1970er Jahren errichtete Sanitärkeramikwerk ging an die Ratinger Firma Keramag, inzwischen geschluckt vom global agierenden Schweizer Konzern Geberit. Vor 1990 hatten dort gut 1.000 Menschen Waschtische und Toilettenbecken produziert. Ein Viertel davon steht heute an vollautomatisierten Bändern. In der Zierkeramik waren es mehrere 100, weiß der frühere Stadtrat Rudolf Pasemann (Die Linke). »Nach der ›Wende‹ ging da alles drunter und drüber, mehrmals wechselte der Betrieb seinen Besitzer.« Bis 1996 der Hamburger Geschäftsmann Georg Wiegang den Zuschlag für die Firma erhielt: 70 der verbliebenen 80 Beschäftigten mussten gehen. »Investiert hat er keine müde Mark«, ist Pasemann sicher. »Das Ding ist einfach vor unseren Augen zusammengefallen.«

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Vom Zerfall zeugen Fotos vom Oktober 2006. Sabine B. (Name geändert) breitet sie auf ihrem Küchentisch aus. Eines zeigt eine staubige Halle, ein zweites eine tote Ratte, die zwischen Schiebewagen voll halbfertiger Ware liegt. Eine Frau in Wattejacke klebt Henkel an Töpfe. »Keramikurnen«, erläutert die 46jährige. »Wir produzierten die massenhaft.« Die Gewinne für die Urnen soll der Geschäftsführer »outgesourct« haben. B. fingert eine Rechnungskopie aus einem Ordner, die belegt, dass die Einnahmen für die Urnen auf das Konto einer zweiten Firma namens Urnikat Ltd. flossen. »Zierkeramik war nur Beiwerk, damit ließ er das Werk auf plus-minus Null laufen«, sagt sie nicht ohne Zorn. Dementsprechend die Bedingungen: keine Heizung im Winter, kein Umkleideraum, ein Pausentisch in der staubigen Halle, miese Löhne. Ihr Arbeitsvertrag von 2006 weist 5,84 Euro pro Stunde aus. »Wir haben das mitgemacht, wir haben ja nichts anderes gelernt«, konstatiert sie. Eine Kollegin, klärt sie auf, »hat für ein paar Euro mehr als zwölf Stunden täglich geackert – erst die Arbeit, dann der Werksverkauf«. Auch das ist nun Geschichte. 2009 ging der Betrieb in die Insolvenz.

Sabine B. sitzt heute stundenweise an einer Supermarktkasse. Den Familienunterhalt verdient ihr Mann im 100 Kilometer entfernten Hannover. Marina S. arbeitet dort, wo, wie sie sagt, »halb Haldensleben arbeitet«. Im Hochregallager der Otto-Tochter Hermes packt und sortiert sie Pakete. Unter den 3.000 Beschäftigten sind viele Leiharbeiter. Wie viele, weiß sie nicht. Hermes-Sprecherin Ina zur Loye will es auch nicht verraten. Man habe »keine guten Erfahrungen mit der Berichterstattung Ihrer Zeitung gemacht«, begründet sie. S. hatte Glück und wird von Hermes irgendwann einen 100-Stunden-Vertrag bekommen. Im Dreischichtsystem kommt sie auf 850 Euro netto. Sie hofft auf eine Aufstockung der monatlichen Arbeitszeit. Ihre Kollegin Monika K. darf seit 2013, nach 14 Jahren im Betrieb, 18 Stunden mehr arbeiten. Seitdem hat sie 1.000 Euro am Monatsende. »Endlich hat die Aufstockerei beim Jobcenter ein Ende«, freut sich die Alleinerziehende. Doch sie hat ein Problem: Noch darf sie tagsüber »Muttischichten« mit nur einem Samstag pro Monat schieben. Das Unternehmen, das vorwiegend Frauen in Teilzeit beschäftigt, wirbt mit dieser »Wohltat«. Allerdings: »Wenn die Kinder zehn sind, ist es vorbei damit.« Nächstes Jahr wird es auch sie treffen.

Zwei Welten

Haldensleben hat zwischen 1990 und 2011 fast ein Fünftel der Bevölkerung verloren. Heute rühmt sich die Stadt ihrer geringen Arbeitslosigkeit von weniger als zehn Prozent – im Vergleich zu anderen Regionen im Osten tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal. »Aber es sind viele Niedriglohn-, Teilzeit- und Leiharbeitsjobs dabei«, weiß Klaus Czernitzki, Kreisvorsitzender der Linkspartei und Stadtrat. Die Betroffenen wohnen meist im günstigen Plattenbaugebiet, abseits der Innenstadt – wie Marina S. Seit dem Auszug ihrer Tochter lebt sie dort für 360 Euro warm. »Wenn ich die schwere Arbeit bei Hermes nicht mehr schaffe, werde ich wohl zum Amt und dann wenigstens nicht umziehen müssen«, kalkuliert sie. Wie fast jeder Ex-DDR-Bürger ihres Alters hat sie Erfahrungen mit Erwerbslosigkeit. »1991 war das ein Schlag für uns, da warteten Hunderte am neuen Arbeitsamt«, blickt sie zurück. Entlassene aus dichtgemachten Betrieben wie Zuckerfabrik und LPG standen sich vor der umfunktionierten Verwaltungsbaracke des geschlossenen Kartoffelveredlungswerkes die Füße platt. Man steckte sie in Umschulungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Marina S. besserte Parkmauern aus, bastelte Hinweistafeln für erwartete Touristen, jätete Unkraut, verkaufte Lotterielose im Callcenter. »Ich hatte Glück, aus diesem Kreislauf herauszukommen, andere halt nicht.« Zufriedenheit würde sie das nicht nennen. »Wenn du ein Handwerk machst, das du gelernt hast, ist das was anderes, als nur einen Job für Ungelernte und wenig Geld zu haben.« Sie glaubt: »Viele sind frustriert, weil sie nicht mithalten können.« In ihrem Wohngebiet ist Arbeitslosigkeit zu spüren, anders als in der Stadt. Auf Bänken sitzen Menschen jeden Alters. Halbwüchsige lungern vor dem Supermarkt herum, wenige Meter weiter eine Gruppe Biertrinker.

»Die soziale Spaltung ist da, man sieht sie nur nicht so wie in der Großstadt«, meint Klaus Czernitzki. Mit anderen Worten: Die Armen sind raus aus der idyllischen Innenstadt. Die Gutbetuchten residieren in Einfamilienhäusern mit gepflegten Gärten. »Das sind meist Firmenchefs und Amtsträger, viele Zugezogene aus dem Westen«, erklärt Marina S. Das »Reichenviertel« im Nordwesten der Stadt wirkt neu. Im Hintergrund strahlt ein gelbgrüner Frühherbstwald in der Sonne. Die Ruinen der Keramischen Werke sieht man von hier aus ebensowenig wie die Plattenbauten.
Quelle:http://www.jungewelt.de/2015/10-02/030.php
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1 Kommentar
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 03.10.2015 | 22:55  
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