Exodus der Mittelschicht 5.9.2015

Die neue Flüchtlingspolitik Deutschlands zieht vor allem Lehrer, Apotheker, Ingenieure und Ärzte aus Syrien an. Teheran sichert Damaskus Unterstützung im Kampf gegen Terrorismus zu Von Karin Leukefeld/Damaskus
Täglich verlassen Busse mit Auswanderern die syrische Hauptstadt Damaskus. Ein Ticket ist in Reisebüros zu bekommen. Pro Person kostet die Fahrt je nach Ziel 300 bis 400 US-Dollar. Die billigere Variante ist der Weg über die libanesische Hafenstadt Tripoli, von wo man mit einem Fährschiff ins westtürkische Izmir gebracht wird. Nimmt man vom Flughafen Beirut einen Flieger nach Istanbul, muss man etwas mehr bezahlen. In der Bosporus-Metropole und selbst in der irakischen Hauptstadt Bagdad kursiert inzwischen das Gerücht, die Bundesregierung plane, Schiffe an die Küste der Türkei zu entsenden, um die Flüchtlinge aufzunehmen und nach Deutschland zu bringen. So sollten die tragischen Bilder toter Kinder an der Mittelmeerküste vermieden werden. Von der Türkei aus geht der Weg weiter über das Meer nach Griechenland, manche Flüchtlinge unternehmen zwei, drei oder vier Anläufe, um mit einem Schlauchboot eine griechische Insel zu erreichen. Die Flüchtlinge werden dabei sich selbst überlassen, das Boot wird von einem der ihren gesteuert, der im Gegenzug den gefährlichen Transfer nicht bezahlen muss.

Das Geld für die kostspielige Reise, die bis zu 10.000 Euro kosten kann, bekommen die Flüchtlinge von ihren Familien oder indem sie Eigentum verkaufen. Es ist vor allem die Mittelschicht, die sich das leisten kann. Die neue Flüchtlingspolitik Deutschlands zieht vor allem Lehrer, Apotheker, Ingenieure und Ärzte aus Syrien magisch an, landesweit gehört es mittlerweile zum guten Ton, einen Deutschkurs zu besuchen. Viele haben in den vergangenen Jahren vergeblich versucht, über die deutsche Botschaft in Beirut ein ordentliches Visum zu erhalten und nehmen nun den gefährlichen und ungleich teureren Fluchtweg auf sich.

Das Elend der armen Bevölkerungsschichten und der palästinensischen Flüchtlinge aus Syrien tritt medial in den Hintergrund. Mehr als 150.000 syrische Palästinenser teilen sich inzwischen den ohnehin knappen Lebensraum mit Verwandten und Freunden in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon. Auch die Lebensverhältnisse in dem von mafiösen Strukturen dominierten Lager Zaatari im Norden Jordaniens und mehr noch in den jordanischen Städten sind mittlerweile so katastrophal, dass mehr als 120.000 Menschen von dort nach Syrien zurückgekehrt sind. Allein im Juli zählte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mehr als 1.300 syrische Heimkehrer. Die Menschen gaben an, wegen mangelnder Sicherheit und der Aussichtslosigkeit, dauerhaft Arbeit zu finden, ins Nachbarland zurückzukehren. Zudem sollten die Kinder wieder eine ordentliche Schule besuchen.

Ankaras Besiedlungspolitik

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In Syrien halten derweil die Kämpfe an vielen Fronten weiter an. Durchbrüche sind für keine Seite zu verzeichnen. Der libanesische Sender Al-Mayadeen berichtete in dieser Woche, dass aus der Türkei Uiguren-Einheiten in zwei Dörfern der nordsyrischen Provinz Idlib stationiert worden seien, die sie wie Siedler bewirtschaften und verteidigen sollten. Erstmals wurde 2013 bekannt, dass chinesische Uiguren über die Türkei nach Syrien gekommen waren und sich dort der Dschihadistengruppe Al-Nusra-Front und später dem »Islamischen Staat« (IS) angeschlossen haben. Mit der Besiedlungspolitik versucht die Türkei offenbar, Teile Nordsyriens unter ihren Einfluss zu bringen. Die Provinz Idlib wurde Anfang des Jahres von der Miliz »Armee der Eroberung« überfallen, die von der Türkei, Saudi-Arabien und Katar finanziert wird.

Am Donnerstag wurden erneut Vorwürfe erhoben, dass IS-Kampfverbände im Norden Syriens wiederholt Giftgas eingesetzt haben. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums erklärte, Berichte darüber aus verschiedenen Quellen häuften sich und der UN-Sicherheitsrat müsse sich dieser Gefahr »angemessen annehmen«.

In Damaskus bekräftigte derweil der stellvertretende iranische Außenminister Hossein Amir Abdollahian bei einem Treffen mit dem syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad die politische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung Irans für das kriegszerrüttete Land. Insbesondere werde man beim Kampf gegen den Terrorismus in Syrien kooperieren. Syrien sei ein souveräner Staat und habe das Recht, über »seine eigene Zukunft zu entscheiden«. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem syrischen Amtskollegen Feisal Mekdad betonte Abdollahian die Übereinstimmung Irans mit der Position Russlands, wonach der syrische Präsident eine zentrale Rolle für jede politische Lösung in Syrien spielen müsse. Ein Friedensplan des iranischen Außenministeriums werde derzeit mit Damaskus diskutiert. Teheran wolle die Vorschläge – Waffenstillstand, Regierung der nationalen Einheit, Verfassungsänderung, Parlamentswahlen – bei den Vereinten Nationen einbringen. In Beirut hatte Abdullahian zuvor mit dem UN-Sondervermittler für Syrien, Staffan de Mistura, und dem libanesischen Außenminister Gebran Bassil gesprochen.
Quelle:http://www.jungewelt.de/2015/09-05/036.php
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