Aus: 25 Jahre Anschluss - Sie wird vermisst - 3.10.2015

Als die DDR gekidnappt wurde – von Dänemark aus gesehen

von Enid Riemenschneider


Eine Bewertung der Folgen des DDR-Anschlusses für Dänemark hat zwangsläufig zwei Seiten: Es geht um die Konsequenzen für Dänemark als Land und um die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen beiden Völkern.

Was die Folgen für Dänemark angeht, möchte ich mich zwei Verbindungen zur DDR zuwenden. Die unmittelbar zugänglichen offiziellen Statistiken liefern keine Informationen über die Handelsbeziehungen mit dem ostdeutschen Staat. Bekannt ist aber, dass sie relativ klein waren. Das war zum Teil auf die Handelsbarrieren der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), aus der dann die Europäische Gemeinschaft (EG) und die heutige EU hervorgingen, zurückzuführen. Auf jeden Fall war die BRD in den 1980er Jahren der größte Handelspartner Dänemarks, und nach 1990 änderten sich die Ziffern nicht erheblich.

Ein Beispiel für einen Gegenstand gemeinsamen Interesses zwischen Dänemark und der DDR wäre die Fährlinie zwischen Gedser und Warnemünde und damit die Zugverbindung Kopenhagen–Berlin. Nach 1945 übernahm zunächst die dänische staatliche Bahn- und Schiffahrtsgesellschaft diesen Dienst, die DDR hatte ihn dann seit den 1950er Jahren mit einer größeren Fähre und mit eigenen Zügen in Obhut.

Seit 1990 betreibt wiederum eine private dänische Reederei die Fährverbindung, die jetzt zwischen Gedser und Rostock-Überseehafen besteht. Die direkte Zugverbindung wurde eingestellt, während die Zug- und Fährverbindung zwischen Kopenhagen und Hamburg über den Fehmarnbelt noch existiert.

So gesehen, scheinen die direkten Folgen des Anschlusses unbedeutend zu sein. Es gab aber dennoch größere Veränderungen – aufgrund des Erstarkens der Bundesrepublik und des deutschen Kapitals. Was damals geschah, veränderte ja nicht nur die »neuen Länder«, sondern auch die Bundesrepublik insgesamt. Sie erhielt Millionen hochqualifizierter Arbeiter, Wissenschaftler usw., nicht zu vergessen fruchtbares Agrarland. Deutschland wurde 1990 die unbestritten größte und führende Macht der EG. Damit begann deren Umbau zu einer politischen Union: 1992 wurde der Vertrag von Maastricht unterzeichnet, 2007 der von Lissabon. De facto hatte die BRD nicht nur die DDR, sondern die EU gleich mit übernommen.

Nach einem entsprechenden Referendum war Dänemark 1973 der EWG beigetreten. Diese Mitgliedschaft wurde jedoch seither ständig diskutiert, und spätere Volksabstimmungen zeigten Unzufriedenheit ebenso wie direkten Widerstand bei mehr als der Hälfte der dänischen Bevölkerung. Ein Beispiel ist das Referendum von 1992, mit dem der Maastricht-Vertrag abgelehnt wurde, ein anderes das im Jahr 2000 gegen den Euro. Während der gegenwärtigen tiefen wirtschaftlichen Krise wuchs die Mehrheit gegen den Euro weiter an.

Zu den üblen Folgen der reaktionären Kürzungspolitik der EU, unter der alle Völker ihrer Mitgliedsstaaten leiden, gehört auch die Zerstörung unseres kollektiven, steuerfinanzierten sozialen Sicherungs- und Wohlfahrtssystems. Dazu kommen außerdem die Angriffe auf das dänische Arbeitsmarktmodell. Die Monopole der EU verlangen heute Privatisierungen und tolerieren keine Ausnahmen.

Seit der Einverleibung der Länder Osteuropas in die EU erhielt der Unwille ihr gegenüber in Dänemark neuen Antrieb durch das Sozialdumping, das von hiesigen Unternehmern mit Hilfe der EU-Verträge vor allem im Bauwesen und in der Landwirtschaft durchgesetzt wurde.

Festgehalten werden muss, dass in den Beziehungen zwischen der dänischen und der DDR-Bevölkerung die Situation so war: Die große Mehrheit der Dänen hatte keine Sympathie für die DDR und bedauerte deren Einwohner. Die antisozialistische Propaganda war zu stark. Ungeachtet dessen spannten freundschaftlich gesinnte und vorurteilsfreie Organisationen viele Fäden zwischen unseren beiden Völkern – einige Gewerkschaften, örtliche Gewerkschaftsverbände, Sportvereine, kulturelle Organisationen usw. Offiziell oder informell besuchten sich einander ähnliche Vereinigungen. Hinzu kamen individuelle Reisen oder der Gruppentourismus, die den Dänen Wissen über das sozialistische Land in ihrer Nachbarschaft vermittelten. Leider konnten außer den Mitgliedern offizieller Besuchsdelegationen nur sehr wenige DDR-Bürger auf ähnliche Weise Eindrücke in Dänemark sammeln. Ein wichtiges Instrument zur Förderung des Tourismus in der DDR war die »Ostseewoche«, die es seit 1958 gab. Dieses jährliche Ereignis zog viele Gäste mit fortschrittlichen Ansichten an, darunter selbstverständlich Sozialisten und Kommunisten. Während der gut 40 Jahre des Bestehens der DDR nahmen so Hunderte Dänen an kulturellen, sportlichen und anderen Veranstaltungen teil oder genossen zu mäßigen Preisen Ferien- oder Kuraufenthalte in den Häusern des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Ähnliches galt für Kinder und Jugendliche, die an internationalen Sommerlagern in der DDR teilnahmen.

All das ist verloren.

Die politischen Folgen des DDR-Anschlusses können nicht isoliert vom Verschwinden aller sozialistischen Länder Europas beurteilt werden. Als Nachbar bot die DDR den Dänen einen konkreteren Beweis dafür, dass Sozialismus ein alternatives Gesellschaftssystem konstituiert. Und dass der reale, existierende Sozialismus Wachstum, Wohlstand und eine vielfältige Kultur hervorbringen kann. Nicht zuletzt deswegen wird die DDR vermisst.
Quelle:http://www.jungewelt.de/beilage/art/272798
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