Aus: 25 Jahre Anschluss - Die Friedenstaube fliegt nicht mehr 3.10.2015

Gedanken zur »Wiedervereinigung« der beiden deutschen Staaten
Uli Brockmeyer


Es gab nicht sehr viele Gründe für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Allein der Begriff »Wiedervereinigung« sollte mit Vorsicht gebraucht werden. Man muss nicht sehr lange rechnen, um herauszubekommen, dass »Deutschland« bis zum Jahr 1945 insgesamt nur 74 Jahre lang bestanden hat. Die Gründung des Deutschen Reiches unter Führung Preußens war das Ergebnis eines Krieges gegen Frankreich in den Jahren 1870 und 1871. In diesen wenigen Jahren hat die herrschende Klasse Deutschlands zwei Weltkriege vom Zaune gebrochen und sich schuldig gemacht am Tod von mehr als 17 Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg und mehr als 60 Millionen im Zweiten. Zehn Jahre verbrecherische Kriege in 74 Jahren! Die Verlierer waren die Arbeiter, während die Besitzer des Kapitals sogar aus den verlorenen Kriegen als Gewinner hervorgegangen sind.
Nach 1945 waren sich die meisten Deutschen einig, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen dürfe. Im Osten des Landes, wo man unter der sowjetischen Besatzungsmacht eine neue Gesellschaftsordnung zu errichten begann, wurden die Bedingungen für die Erreichung dieses Ziels geschaffen. Dort wurde den Schuldigen an den Kriegen ihre Macht genommen, indem man die Besitzer der großen Betriebe, der Banken und der großen landwirtschaftlichen Güter enteignet und ihnen damit die Grundlage genommen hat, weiter über die Mehrheit der Menschen zu herrschen.
Soziale Sicherheit
Im Westen hatten die Besatzungsmächte USA, Großbritannien und Frankreich kein Interesse an solchen Entwicklungen. Ihnen ging es eher darum, gemeinsam mit den deutschen Kapitalisten eine Ausbreitung sozialistischer Ideen zu verhindern. Also wurden Ergebnisse von Volksentscheiden über die Enteignung von Kriegsverbrechern ignoriert, den alten Eliten wieder in den Sattel geholfen und letztlich ein westdeutscher Separatstaat gegründet. Der CDU-Politiker Konrad Adenauer – nach dem auch in Luxemburg Straßen benannt wurden – formulierte die Begründung ganz simpel: »Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb«. 1949 saßen in der ersten Regierung der BRD unter Adenauer mehr Nazis als in der ersten Hitler-Regierung von 1933. Generale der faschistischen Wehrmacht waren die ersten Generale der deutschen Bundeswehr, Tausende Kriegsverbrecher kehrten in die Chefetagen des Staates, der Wirtschaft und der Politik zurück. Das Erbe und der Geist dieser Leute wirken bis heute.
Die Menschen in der DDR, die 1990 die »Wiedervereinigung« wollten, wurden schlicht betrogen. Sie glaubten, die sozialen Errungenschaften der DDR mit den materiellen Vorzügen des Kapitalismus verbinden zu können. Die westdeutschen Machthaber versprachen »blühende Landschaften« – darauf warten die meisten Ostdeutschen heute noch. Die DDR wird als »Unrechtsstaat« verteufelt – aber eigentlich nimmt man den DDR-Bürgern übel, dass sie sich 40 Jahre lang deren Herrschaft entzogen haben.
Es ist schwer, in der »Vereinigung«, die sich in Wirklichkeit als ein Anschluss der DDR an die BRD gestaltete, positive Aspekte zu sehen. Sicher hat es auch gute Seiten, dass die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, die niemand als besonders beglückend empfand, nicht mehr existiert. Viele Menschen freuen sich über »Reisefreiheit«, die allerdings bei weitem nicht alle genießen können, weil sie für das Reisen kein Geld haben. Unter dem Strich haben die DDR-Bürger mehr verloren als gewonnen. An erster Stelle die soziale Sicherheit. Das System der DDR war nicht perfekt, aber es gibt auch heute auf der Welt keinen Staat mit einem perfekten System – und die DDR-Bürger hatten die Möglichkeit, an der Perfektionierung ihres gesellschaftlichen Systems mitzuarbeiten.
In der DDR kannte man Arbeitslosigkeit nur aus den Geschichtsbüchern, aus Erzählungen der Alten und aus Zeitungen. Jeder hatte das gleiche Recht auf gesundheitliche Betreuung, die noch dazu kostenlos war. Man kannte keine Angst vor Arztrechnungen, niemand musste vor der nächsten Stromrechnung zittern oder befürchten, die Miete für die Wohnung nicht bezahlen zu können, die im Durchschnitt weniger als zehn Prozent eines Familieneinkommens ausmachte. Es gab nicht so eine Vielfalt an Lebensmitteln und Konsumgütern für den täglichen Bedarf, aber alle waren stets bezahlbar, ebenso wie die öffentlichen Verkehrsmittel. Und es gab in der DDR ein vorbildliches Bildungssystem, in dem das Einkommen der Eltern keine Rolle spielte. Dieses System wurde übrigens in Finnland weitgehend kopiert, und die Finnen stehen heute bei allen internationalen Vergleichen bezüglich Schulbildung an vorderster Stelle.
Erhaltung des Friedens
Eines der ersten Lieder, das in DDR-Kindergärten gelernt wurde, hieß »Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land«. Die Erhaltung des Friedens war eines der höchsten Ziele. Die Nationale Volksarmee, deren erste Generale übrigens Männer waren, die als Offiziere der Internationalen Brigaden die Spanische Republik gegen Franco, Hitler und Mussolini verteidigt hatten, war die einzige Armee der deutschen Geschichte, die niemals einen Krieg geführt hat! Heute genießen junge Menschen aus Ostdeutschland die Reisefreiheit mit der Bundeswehr in Kriegsgebiete in aller Welt …
Auch der Text der Nationalhymne der DDR war eine hervorragende Dichtung. Der deutsche Kommunist Johannes R. Becher hat 1949 die wichtigsten Sehnsüchte der Menschen im Osten Deutschlands auf den Punkt gebracht: »Lasst das Licht des Friedens scheinen, dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint!« Andere Stellen sind ebenfalls bemerkenswert: »Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt. Lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint. Denn es muss uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.« Ein gutes Programm!
Völlig anders dagegen Text und Melodie der Hymne des heutigen Deutschland. Man hat zwar die Strophe mit der Zeile »Deutschland, Deutschland über alles« offiziell getilgt, aber es fällt schwer, nicht daran zu denken, dass genau diese Worte – obwohl sie vom Dichter anders gemeint waren – von den deutschen Faschisten beim Erobern anderer Länder, auch Luxemburgs, gegrölt wurden.
Es wird behauptet, das Ende der DDR sei gleichbedeutend mit einem Scheitern der Idee des Sozialismus auf deutschem Boden. Wer sachlich nachdenkt und die heutigen Probleme der Welt, in der wir leben, ohne Vorurteile analysiert, muss zu dem Ergebnis kommen, dass die kapitalistische Gesellschaft mit all ihren Problemen nicht das Ende der Geschichte sein kann. Die Kommunisten und viele andere Menschen haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es eines Tages eine andere Gesellschaft geben muss. Nach Lage der Dinge kann das nur eine Gesellschaft ohne die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sein, und die nennen wir Marxisten Sozialismus.
Quelle: http://www.jungewelt.de/beilage/art/272794
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