Aus: 25 Jahre Anschluss - Abgewickelt und dämonisiert 3.10.2015

Der sozialistische deutsche Staat war in sich widersprüchlich. Er hatte sich mächtiger Feinde zu erwehren – und vielerlei Erfolge aufzuweisen

von John Green

War die »Wiedervereinigung« tatsächlich die sagenhafte Erfolgsgeschichte, als die sie vom deutschen Establishment und in westlichen Medien bejubelt wird?

Das heutige Deutschland ist scheinbar als Ganzes ein wohlhabender Staat, doch auf dem Territorium der ehemaligen DDR begegnen wir den höchsten Arbeitslosenzahlen des Landes, vor allem in ländlichen Gebieten und mit Frauen als den Hauptbetroffenen. Vielerorts sieht man, wie neue Häuser gebaut werden, gleichzeitig aber auch verlassene Dörfer. Tausende junger Leute waren gezwungen, nach Westdeutschland zu gehen, um Arbeit zu finden. Eine ganze Generation hochqualifizierter Leute wurde in den Nebenerwerb abgedrängt oder genötigt, sich eine andere Arbeit zu suchen. Fast die Hälfte von ihnen musste sich umschulen lassen, um eine neue Anstellung zu finden.

Wie konnte es dazu kommen? Die letzten Parlamentswahlen in der DDR 1989 markierten eine krasse Niederlage angesichts der Übermacht der Bundesrepublik und ihrer regierenden Unionsparteien, welche D-Mark-Beträge in Millionenhöhe investiert hatten, um ein ihnen genehmes Ergebnis zu erzielen.

Dieses Ergebnis war eine konservative Regierung, die gezwungen werden konnte zu akzeptieren, was im Grunde einer Annexion gleichkam, nicht dem Zusammengehen zweier souveräner Staaten. Was dann folgte, war ganz sicher nicht das Paradies, das das westdeutsche Establishment versprochen hatte. Industrie und Produktionsinfrastruktur der DDR wurden stillgelegt, demontiert und von einer sogenannten Treuhandanstalt verscherbelt. Gekennzeichnet war dieser Prozess durch Korruption, Inkompetenz und offene Kriminalität. Das Ziel bestand darin, jegliche Konkurrenz für die westdeutsche Wirtschaft zu zerstören und einen neuen, lukrativen Markt zu schaffen. Das Resultat war niederschmetternd.

Etwa die Hälfte der 14.000 Wissenschaftler und Forscher der DDR arbeitete in großen Unternehmen. Mit der Zerstörung der Industrie bzw. der radikalen »Verschlankung« selbst erfolgreicher Firmen wurde die industrielle Forschung innerhalb des ersten Jahres der Vereinigung um die Hälfte reduziert. Heute findet Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR praktisch nicht mehr statt.

Politische Überprüfungen, die sich zu einer Hexenjagd von McCarthyschen Dimensionen auswuchsen, betrafen nahezu jeden, der im Bildungswesen tätig war. Im Ergebnis verloren 75.000 Lehrer ihre Jobs und wurden auf schwarze Listen gesetzt. Da die Schulklassen in der Bundesrepublik erheblich größer waren, schien dies auch ein geeigneter Weg, die Zahl der Lehrer zu reduzieren.

Überprüfungen und die Schließung akademischer Einrichtungen und Universitätsinstitute machten mehr als eine Million Personen mit Universitätsabschluss erwerbslos – die Hälfte aller Angehörigen dieser Gruppe. Prozentual gesehen, hatte der östliche Teil Deutschlands nach der Vereinigung die weltweit höchste Zahl arbeitsloser Hochschulabsolventen. Führende Wissenschaftler wurden gezwungen, ins Ausland zu gehen, befristete Arbeitsverträge anzunehmen oder in den Vorruhestand zu treten, was eine beträchtliche Zahl von ihnen betraf. Alles in allem lief das auf die vollständige Zerstörung des wissenschaftlichen Forschungspotentials der DDR hinaus, ein furchtbarer intellektueller Aderlass an Universitäten und Hochschulen – die umfassende Vernichtung von Erfahrung und Wissen, angehäuft in den 40 Jahren des Bestehens der DDR.

Besonders hart betroffen von den Folgen der Vereinigung waren die Frauen. Die meisten waren hochqualifiziert, lediglich sechs Prozent hatten keinerlei Qualifikation – gegenüber 24 Prozent der berufstätigen Frauen in Westdeutschland. Die Hälfte aller Stellen in den Bereichen Medizin und Rechtsprechung war mit Frauen besetzt, und in technischen Berufen war ein Drittel der Werktätigen weiblich. Heute dagegen sind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zwei Drittel der Erwerbslosen Frauen, 70 Prozent der Langzeitarbeitslosen weiblich.

Selbst nach der Vereinigung wird die DDR in deutschen und westlichen Medien fortwährend und systematisch dämonisiert. Was man dagegen nicht zu hören bekommt, ist die Tatsache, dass die deutsche Regierung mehr Anstrengungen unternommen hat, das Vermächtnis der DDR auszulöschen, als sich mit dem faschistischen Abschnitt der deutschen Geschichte zu befassen. In ihren besten Zeiten hatte die für die Untersuchung von Naziverbrechen zuständige Dienststelle fünf Vollzeitangestellte. Die Behörde, die die Stasiakten begutachtet, hat mehrere Tausend.

Trotz alledem, dieses kleine Land hat beachtliche Erfolge erzielt und darüber hinaus gezeigt, dass eine andere Gesellschaft mit anderen Werten möglich ist. Zu den wichtigsten Errungenschaften zählen:

– die Abschaffung der Klassenprivilegien und größere Einkommensgerechtigkeit;

– die Beseitigung von Spekulation mit Land und Besitz;

– die Beschränkung des Einflusses von Banken und anderer großer Finanzinstitutionen;

– gleiche Rechte für Frauen;

– freier Zugang zu Bildung;

– Förderung des Genossenschaftsgedankens.

Die DDR war ein kleines Land mit krassen Widersprüchen. Sie war ein künstlicher Staat, der auf einem Drittel des Gebiets der deutschen Nation errichtet worden war. Zwei Staaten entwickelten sich nebeneinander, verknüpft durch familiäre, kulturelle und nationale Bande, getrennt jedoch entlang der Fronten des Kalten Krieges durch Politik und Ideologie. Die DDR war ein Land, das versuchte, den Sozialismus aufzubauen – an ihrer westlichen Grenze konfrontiert mit einer deutlich größeren und feindseligen kapitalistischen Nation, zum Osten hin eine dominierende Sowjetunion im Rücken. Sie entsprach zwar nicht ihrem eigenen Verständnis als sozialistischer Arbeiterstaat, war aber auch keine durchgängig repressive, totalitäre Diktatur.

Viele Aspekte des Lebens in der DDR hatten wahrhaft sozialistischen Charakter, während andere Gegenstand autoritärer Einflussnahme und eines rigiden Paternalismus waren. Es gab garantierte soziale Sicherheit, materielle Unterstützung sowie soziale Stabilität und gleichzeitig zahlreiche engstirnige Einschränkungen individueller Rechte.

Angriffe westlicher Medien auf die DDR heben nicht auf eine wirkliche Analyse ihrer Geschichte ab. Sie nehmen vielmehr die bloße Idee ins Visier, dass eine sozialistische Gesellschaft möglich ist. Die Erfahrung der DDR liefert anschauliches Lehrmaterial für die heutige Zeit.

Übersetzung: Stefan Huth
Quelle:http://www.jungewelt.de/beilage/art/272797
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