Buchrezension - Thomas Nommensen: »Ein dunkler Sommer«

Der Rowohlt-Verlag veröffentlichte im vergangenen Juni den von Thomas Nommensen verfassten Kriminalroman »Ein dunkler Sommer«, der den Auftakt einer Serie an Büchern über einen jungen Hauptkommissar namens Arne Larsen bilden soll. Seitdem sind zwölf Monate vergangen, und nur wenige Krimis wurden in diesem Zeitraum von den Besuchern der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de ähnlich gut bewertet wie der Roman. Für die Redakteure der Seite war dies der Anlass, selbst einen Blick in das Buch zu werfen, um zu überprüfen, ob die guten Noten gerechtfertigt sind.

Thomas Nommensen wurde im Jahre 1964 geboren und stammt eigentlich aus Schleswig-Holstein, lebt inzwischen jedoch gemeinsam mit seiner Frau, der Krimiautorin Jutta Maria Herrmann, die wir im Mai interviewen durften und deren Buch »Hotline« wir in Kürze rezensieren werden, vor den Toren Berlins in Brandenburg. Mit seinem ersten Kurzkrimi schaffte es Nommensen auf die Nominierungsliste des vom Krimifestival München, der Hugendubel-Buchhandlung sowie dem Fischer-Verlag vergebenen Agatha-Christie-Preises. Inzwischen hat er Literaturpreise gewonnen, seine Geschichten in mehreren Anthologien platziert und ist Teil des »Syndikats«, der größten Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. »Ein dunkler Sommer« stellt seinen ersten vollständigen Roman dar.

Ein Jahrzehnt ist seit dem Hochsommer vergangen, in dem die damals neunjährige Ulrike entführt wurde und in der Folge durch einen Unglücksfall zu Tode kam. Für die Tat wurde Familienvater Jens Brückner verurteilt, obwohl er bis zum Ende darauf beharrte, nicht schuldig gewesen zu sein. Seitdem saß er im Gefängnis ein. Nun wurde er entlassen, und es vergeht nicht viel Zeit, bis ein Zeuge, der ihn damals belastete und damit für seine Verurteilung sorgte, ermordet wird. Andere Leute werden mit seltsamen Briefen bedroht. Brückner selbst, der durch den Gefängnisaufenthalt alles verloren hat, was einst sein Leben ausgemacht hat, verschwindet.

Mit den Ermittlungen wird der oben erwähnte Arne Larsen betraut. Er ermittelt gemeinsam mit einem Kollegen namens Frank Kuhlmann. Scheint es anfangs noch offensichtlich, dass Brückner für die Zwischenfälle verantwortlich ist, da er sich auf einem Rachefeldzug befinden könnte, kommen schnell Zweifel auf. Dabei ist es nicht nur Larsen, der skeptisch ist, auch Gregor Harms, der einst als Kommissar für Brückners Verhaftung sorgte und nun zu den Empfängern eines der Drohbriefe zählt, hegt Zweifel. Harms, der sich selbst die Schuld gibt, dass die kleine Ulrike Wegner einst ertrank, ist inzwischen nicht mehr im Dienst und glaubt selbst nicht mehr, dass er damals den richtigen Mann hinter schwedische Gardinen gebracht hat. Ihm und seiner Geschichte widmet Nommensein in seinem Buch viel Raum. Richtig brisant wird es, als wieder ein Kind verschwindet, denn nun scheint es, als würde sich all das wiederholen, was sich zehn Jahre zuvor zugetragen hatte.

Auch wenn Nommensen sein Buch als ersten Baustein einer Romanreihe über den jungen Kieler Hauptkommissar angelegt hat, bleibt er in seinem Buch angenehm auf den eigentlichen Fall fokussiert und rückt das private Leben Larsens in den Hintergrund. Während es in den vergangenen Jahren – insbesondere durch den Einfluss skandinavischer Autoren – geradezu Mode geworden ist, die Fälle eher in das Privatleben der Ermittler einzubetten als umgekehrt, und die Ermittler von Buch zu Buch oft zu gebrochenen Gestalten entwickelt werden, um die Verbundenheit des Lesers zum Schicksal des Helden zu erhöhen, bleibt Nommensen zu seiner Figur eher auf Distanz. Das mag sich in zukünftigen Romanen noch ändern, passt jedoch zu der auf den Fall konzentrierten und bisweilen – gerade gegenüber seinem Mitermittler Frank Kuhlmann – etwas überheblich auftretenden Figur.

Thomas Nommensens Weg besteht daher darin, den Leser weniger durch die persönliche Nähe zum Ermittler, sondern durch die geschickte Aufbereitung des Falls an sein Buch zu fesseln, also durch das, was eigentlich Kern eines klassischen Kriminalromans sein sollte. Dieses Vorhaben gelingt bestens, da es Nommensen verstanden hat, anfänglich lose nebeinanderstehende Segmente geschickt zu verflechten, sowohl die Handlung als auch die Atmosphäre fortlaufend immer weiter zu verdichten und dabei stets schlüssig zu bleiben und einen guten Mittelweg aus durchweg gegebener Nachvollziehbarkeit und wohl dosierter Überraschung zu schaffen. Er lässt die Perspektiven kapitelweise wechseln, vorweg markiert durch die Namen – oder Umschreibungen – der Figuren, die in den einzelnen Abschnitten im Mittelpunkt stehen. Auf diese Weise schafft Nommensen ein Bild sowohl von den Ereignissen im Hier und Jetzt als auch von den Geschehnissen, die sich zehn Jahre zuvor abgespielt haben, das sich nicht nur auf eine einzelne Sichtweise beschränkt, sondern von verschiedenen Seiten betrachtet nach und nach ein stimmiges Gesamtgefüge ergibt.

Nommensen versucht nicht, auf »Teufel komm raus« unvorhersehbare Wendungen einzuflechten, sondern schenkt dem Leser immer wieder Momente, in denen seine Vermutungen, was nun als Nächstes passieren dürfte, bestätigt werden, lässt aber genug im Unklaren und streut neue Informationen, um den Spannungsbogen hoch zu halten und immer weiter zu vergrößern. Er betreibt keine Effekthascherei und sorgt nicht für künstlichen Nervenkitzel, indem er seine Ermittler von einer Gefahr in die nächste taumeln lässt, sondern konzentriert sich auf das filigrane Entblättern des Falls und die Ermittlungsarbeit. Vermutlich ist »Ein dunkler Sommer« damit kein Roman für diejenigen Leser, die sich von ihren Krimis einen möglichst größen »Thrill«-Faktor erhoffen, dafür aber umso mehr einer für diejenigen, die Kriminalromane mit klassischer Schwerpunktsetzung und intelligentem Storytelling in einem trotzdem vollkommen modernen Gewand lieben. Gehört man zu dieser Zielgruppe, dann kann man mit vollkommener Gewissheit davon ausgehen, gut unterhalten zu werden und unbesorgt zugreifen.
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