Buchrezension - S.K. Reyem: »Verhängnisvolle Post«

In den vergangenen Wochen haben die Redakteure der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de zumeist die Bücher von Autoren rezensiert, die bei bekannten Verlagen veröffentlichen oder als Selfpublisher bereits zu einigem Ruhm gekommen sind. Da sie jedoch nicht aus den Augen verlieren wollten, dass es eins ihrer Ziele ist, auch auf die Bücher von Autoren aufmerksam zu machen, die bisher nur einem kleinen Kreis bekannt sind, haben sie entschieden, dass es wieder einmal an der Zeit für eine solche Rezension war. Aus diesem Grunde haben sie sich »Verhängnisvolle Post« von S.K. Reyem durchgelesen.

S.K. Reyem ist das Pseudonym eines Autors, der vor 54 Jahren in Essen geboren wurde und heute in Schermbeck lebt, einer kleinen nordrhein-westfälischen Gemeinde zwischen Dorsten und Wesel. Der studierte Betriebswirt hat in der Vergangenheit Fachbücher und einen Reisebericht veröffentlicht, »Verhängnisvolle Post« ist sein erster Roman. Veröffentlicht wurde er im April via »Books on Demand«, ist rund 300 Seiten lang und kostet als Taschenbuch 9,90 Euro, als E-Book-Version die Hälfte. Bei Reyems Buch kann man im wahrsten Sinne des Wortes von »Eigenregie« sprechen, denn er übernahm alle anfallenden Arbeiten selbst, angefangen von der Umschlaggestaltung und das Umschlagbild bis hin zum Lektorat.

Vor einigen Jahren fand der Autor in der Wohnung seines Schwiegervaters eine merkwürdige Ansichtskarte, die in den Siebziger Jahren im damaligen Karl-Marx-Stadt abgeschickt wurde. Die Tatsache, dass Reyems Schwiegervater eigentlich niemanden kannte, der damals in der Deutschen Demokratischen Republik lebte, regte die Fantasie des Autors an, und so erwuchs im Laufe der Jahre eine Geschichte, die letztlich den Grundstein für das Buch legte. Herausgekommen ist ein Thriller, der in zwei Zeitebenen und in zwei vollkommen verschiedenen politischen Systemen spielt, wobei die Ereignisse in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Eines kann man vorab schon mal ausräumen: Falls ein Thrillerfan befürchten sollte, es würde sich um einen stark politisch ausgerichteten Roman handeln, der Systemfragen thematisiert, der kann beruhigt sein, denn die DDR und das (beinahe) aktuelle vereinigte Deutschland dienen darin nur als Kulisse. Stattdessen verfolgt das Buch die Geschehnisse, in die zwei Männer hineingeraten, und man kann es auch ohne jedwedes politisches Interesse lesen.

Die beiden Männer, das sind der eigentlich harmlose Walter und sein Neffe Dirk. Die Geschichte Walters beginnt im April 1977. Da er als Helfer des Maschineneinrichters der Essener Tageszeitung finanziell am Stock ging und seine Familie nicht richtig über die Runden bringen konnte, hatte er sich vierzig Monate zuvor dazu bereiterklärt, für gutes Geld Informationen von West- nach Ostdeutschland und von Ost- nach Westdeutschland zu bringen. Eine einfache Ansichtskarte, deren Hintergründe und Geheimnisse Walter selbst nicht kennt, bringt ihn schließlich ins Bedrängnis und ins Schussfeld der Geheimdienste beider deutschen Staaten, insbesondere in das der Überwacher der DDR. Walters Neffe Dirk wiederum gelangt im Jahre 2008 durch Zufall in den Besitz eben jener Karte. Für Dirk ist die Karte ein ebensolches Rätsel, wie das Auffinden der Ansichtskarte in der Wohnung seines Schwiegervaters eines für den Autoren war. Also versucht Dirk herauszufinden, was hinter der Karte steckt. Die gleichen Leute, die einst Walter zugesetzt hatten, sind jedoch immer noch da und heften sich nun an Dirks Fersen.

Als Reyems große Stärke erweist sich die Ausarbeitung der Handlung. Sowohl bei dem in der Vergangenheit als auch bei dem im Jahre 2008 spielenden Erzählstrang hat es Reyem geschafft, ein gut durchdachtes und abwechslungsreiches Geschehen zu entwickeln, das stets unvorhersehbar und dennoch realitätsnah bleibt. Reyem erzählt in einem schnörkellosen Stil und bewahrt immer eine gewisse Distanz zu seinen Figuren. Zwar wird auch Einblick in ihr Innenleben gewährt, dennoch liegt das Hauptaugenmerk ganz klar darauf, eine wohldurchdachte Geschichte zu erzählen, weniger die Gefühlswelt der Protagonisten zu beleuchten. Vermutlich dürfte Reyem mit seinem Roman damit eher ein männliches Publikum ansprechen, da sich sein Buch oft sehr pragmatisch und faktenorientiert liest. Dies fiel insbesondere bei numerischen Werten auf, denn Meter- und Kilometerangaben wie auch Zeitangaben wurden häufig sehr exakt benannt, selbst die Größen einzelner Figuren wurden bis auf den Zentimeter genau beziffert. Das werden einige Leser oder Leserinnen womöglich als merkwürdig empfinden, ist jedoch ein Stilmittel, an das man sich durchaus gewöhnen kann. Davon abgesehen hält Reyem das Tempo hoch, bleibt immer nachvollziehbar und schlüssig.

Gänzlich soll nicht verhehlt werden, dass das Buch nicht perfekt ist. Sprachlich wirkt es bisweilen nicht ganz »rund«. Womöglich ist diese Einschätzung der Tatsache geschuldet, dass vorher bekannt war, dass der Autor zuvor Fachbücher schrieb, aber beim Lesen kam wiederholt der Eindruck auf, dass Reyem ein Stück zu sachlich heranging und vor allem längeren geschachtelten Sätzen dadurch der Fluss fehlte. Ein wenig mehr »Schnodderigkeit« hätte da nicht geschadet, denn frei aus der Seele heraus geschriebene Sätze peppen einen Text bisweilen richtig gut auf. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Womöglich wäre Reyem ein etwas geeigneterer Verlagsautor als ein Selfpublisher, denn das Talent zum Ausarbeiten kreativer Geschichten hat er auf jedem Fall. Es bräuchte jedoch anschließend vielleicht noch eine Instanz, die den Text sprachlich ein bißchen weichklopft. Dafür dürften unabhängige Lektoren ein besseres Auge haben als einfache Korrektoren. Lektoren würden vermutlich auch noch eine äußerliche Auffälligkeit ändern, denn Reyem nutzte mathematische Größer- und Kleinerzeichen anstelle von normalen doppelten Guillemets. Das ändert natürlich am Inhalt nichts, aber das Auge isst mit.

Letztlich sind diese Kritikpunkte formaler Natur. »Verhängnisvolle Post« ist ein durchaus empfehlens- und lesenswertes Buch, sofern man Wert darauf legt, eine gut durchdachte Geschichte erzählt zu bekommen, die souverän und unverschnörkelt vorgetragen wird. Es sollte stets im Hinterkopf behalten werden, dass Reyem das Buch ganz allein aus dem Boden stampfte, weswegen über ein paar Schwächen in der Formulierung hinweggesehen werden kann. Sollte man der erwähnten Zielgruppe entsprechen und dazu bereit sein, bei einigen Sätzen ein Auge zuzukneifen, dann wird man mit Reyems »Verhängnisvolle Post« zufrieden sein.
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