Buchrezension - Randolph Kroening: »Im Schatten des Santa Justa – Auf die Sekunde genau«

Es gibt kaum einen Flecken Erde, auf dem das literarische Ganovenstück nicht zu Hause ist und fiktive Verbrecherjäger fiktiven Verbrechern im Akkord auf die Spur kommen. Kriminalromane, die in Portugal spielen, sind jedoch – zumindest in deutscher Sprache – Mangelware. Vor einigen Jahren wurde ein Roman des portugiesischen Autors Francisco José Viegas übersetzt, zudem gab es einige übersetzte Gastspiele von Autoren aus anderen Ländern, etwa Robert Wilson mit seinem »Tod in Lissabon«. Gestopft wird die Lücke nun durch den deutschen Autor Randolph Kroening, der im Frühjahr in seinem Buch »Im Schatten des Santa Justa – Auf die Sekunde genau« das geschriebene Verbrechen nach Portugal trug. Die Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de hat sein Buch unter die Lupe genommen.

Dass Kroening seinen Roman an den Südwestzipfel Europas verlagert hat, kommt nicht ungefähr. Kroening hat vor vielen Jahren seine Zelte in Deutschland abgebrochen und lebt seitdem selbst in Portugal. Man muss also nicht befürchten, das Werk eines Mannes zu lesen, der sich auf Teufel komm raus eine geografische Krimi-Nische ausgesucht hat, vielmehr weiß er, wovon er spricht. »Im Schatten des Santa Justa – Auf die Sekunde genau« wurde von ihm in Eigenregie publiziert und ist als Startschuss einer Romanreihe gedacht, für deren zweiten Band an bereits an der Rohfassung gearbeitet wird. Das Buch erschien Anfang Mai und ist sowohl als Taschenbuch für 9,99 Euro als auch als E-Book für 6,99 Euro erhältlich. Das Buch hat einen Umfang von rund 350 Seiten und enthält dabei nicht nur Text, sondern auch zehn Fotos, mit denen man sich auch optisch ein Bild von dem Schauplätzen machen kann.

Mit dem titelgebenden »Santa Justa« wird ein Personenaufzug bezeichnet, der mitten in Lissabon zwei Stadtteile in unterschiedlicher Höhenlage miteinander verbindet. Das Bauwerk diente zugleich als Motiv für das Buchcover. Im Zentrum des Romans steht eine Serie an Morden, die innerhalb von kurzer Zeit an Frauen in Lissabon verübt wurde. Alle Opfer starben auf die gleiche Weise: Sie wurden mit einem einzelnen Messerstich ums Leben gebracht, der mit höchster Präzision erfolgte. Dabei scheint die Frauen eigentlich nichts miteinander zu verbinden, sieht man einmal von der Tatsache ab, dass sie unmittelbar vor den Morden vom Täter nach der Uhrzeit gefragt wurden. Einer dieser Morde bildet gleichzeitig den Auftakt zu Randolph Kroenigs Buch. Dem Leser wird also gar nicht erst die Zeit gegeben, sich an das Geschehen zu gewöhnen, er wird stattdessen gleich ins kalte Wasser geworfen und ist daher vom ersten Moment an hellwach.

Den dahintersteckenden kniffligen Fall zu lösen obliegt einer Hauptkommissarin, die den Namen Carina Andreia da Cunha trägt, wovon man sich – wie auch von den übrigen im Buch vorkommenden Namen von Personen, Schauplätzen und Produkten – nicht verschrecken lassen sollte. Buchleser tendieren ja gern dazu, um Bücher einen Bogen zu machen, wenn die darin vorkommenden Namen nicht aus Regionen kommen, die ihnen sprachlich geläufig sind, während sie beispielsweise bei Fantasyromanen keinerlei Probleme mit komplexen Buchstabenungetümen haben. Wir können jedoch versprechen, dass man sich selbst um viel Lesespaß bringen würde, wenn man das Buch deswegen umschiffen würde. Mit Kommissarin Carina hat Kroening jedenfalls eine Ermittlerin geschaffen, die trotz weiblichen Aussehens ihren Mann steht, einen sehr eigensinnigen Lebensstil ebenso pflegt wie ein stacheliges Mundwerk. Die Folge sind allerhand unterhaltsame Dialoge, die dem Buch eine angenehme Atmosphäre verschaffen, die auch dann noch Bestand hat, wenn die Spannung angezogen wird. Man muss also nicht mit der Tristesse rechnen, auf die man in skandinavischen Krimis häufig stößt und die dort gewollt und erwünscht ist – atmosphärisch passt das Buch tatsächlich ganz nach Südeuropa. Und das, obwohl die Kommissarin genetisch halbe Schwedin ist, denn irgendwoher muss der Spürsinn eben kommen.

Das Südeuropa- bzw. Portugal-Gefühl wird noch gestärkt, da sich Kroening mit Hingabe einer realistischen Beschreibung der Szenerien und Schauplätze widmet und Lissabon lebendig werden lässt. Dies schafft er, obwohl er weitgehend schnörkellos schreibt. »Schnörkellos« heißt in dem Fall jedoch nicht »humorlos«, im Gegenteil: stets ist Kroening darauf bedacht, pointiert vorzugehen ... und das zumeist mit Erfolg. Man muss also nicht befürchten, dass man im Rhythmus einer Maschinenpistole Informationen aus einem Reiseführer vorgesetzt bekommt, wie man es etwa bei Dan Brown vorfindet, und genausowenig muss man Angst haben, dass sich der Autor in Details verliert wie einige der in den letzten Jahren immer häufiger anzutreffenden Romanciers im Bereich des »Franzosen-Krimis«, die sich auch schon mal in seitenlangen Beschreibungen von Blumenfeldern verlieren. Nein, Kroening hat einen guten Mittelweg gefunden und behält diesen strikt bei. Dabei bedient er sich einiger ungewohnter Mittel, so setzt er gelegentlich Fußnoten. Das bedeutet nicht, dass der Roman durch sie einen sachbuchhaften Touch bekommt, denn die Fußnoten enthalten zwar Sachinfos, die jedoch erfreulich unwissenschaftlich sind. So erfährt der Leser beispielsweise ganz nebenbei, was portugiesische Babys sagen, wenn sie mal für kleine Portugiesen müssen, und dass die meisten Lissabonner Bestattungshäuser im gleichen Viertel stehen, in dem auch die meisten Krankenhäuser zu finden sind. Offenbar ist man in Portugal pragmatischer, als man es denken könnte.

Doch zurück zum eigentlichen Fall: Wie es sich für einen guten Krimi gehört, sind die Kommissarin und ihr Team, das in Person von »Bruno« aus mindestens einer weiteren exzellent ausgearbeiteten Personen besteht, anfangs weitgehend ratlos, und selbstverständlich stehen sie unter hohem Zeitdruck. Ins Rollen kommt der Ball durch einen Deutschen. Wohlgemerkt in mehrerlei Hinsicht, denn hinter dem Deutschen steckt mehr, als es anfangs scheint, und natürlich wird dank ihm auch die Gefühlsebene bedient, womit auch noch die letzte obligatorische Zutat für ein bei möglichst vielen Lesern gut funktionierendes Buch beigemischt wurde. Trotz der unterhaltsamen Sprache bleibt der Spannungsbogen stets gespannt, und er wird bis zum Schluss klug durchdacht abgearbeitet. Dazu benötigt Kroening trotz eines Serienmörders keine Blutbäder – allerdings ist dies auch kein Wunder, denn schließlich haben wir hier einen mit Präzision vorgehenden Täter zu tun, der für seine Morde nicht mehr als einen einzelnen Einstich benötigt.

Als auffälliges Stilmittel, um seinen Spannungsbogen gespannt zu halten, nutzt Kroening den Faktor Zeit: Die einzelnen Kapitel sind in viele kleine Szenen unterteilt, als deren »Titel« die jeweilige Tages- und Uhrzeitangabe dient. Immer dann, wenn es mal hektischer wird oder sich die Handlung einem Höhepunkt nähert, wird dabei in sekundengenaue Angaben gewechselt, und dann dauert ein einzelnes Segment auch schon mal nur drei oder vier Sekunden. Das mag sich in der Nacherzählung vielleicht sehr technisch anhören, funktioniert jedoch hervorragend und ist ein gelungenes Werkzeug, um das Tempo zu erhöhen und zu verringern. Kurzum: Mit »Im Schatten des Santa Justa – Auf die Sekunde genau« ist Kroening ein feiner Debütkrimi gelungen, der Spaß macht, der einen eindeutig erkennbaren individualistischen Stil aufweist, und der eine weibliche Heldenfigur besitzt, die durchaus das Potenzial hat, den Leser häufiger an den äußersten Rand Europas zu führen.
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