Buchrezension - Ralph Hauptmann: »Drunemeton - Das Buch des Druiden«

Obwohl die Geschichte der Menschheit nun schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat - mal sechstausend, mal ein paar hunderttausend, je nachdem, ob derjenige, der diese Rezension gerade liest, eher fiktionaler oder wissenschaftlicher Literatur vertraut - beschränken sich historische Romane zumeist auf wenige Epochen. Fans von Regency-Romanen werden sich schon häufig gewundert haben, wie viele Liebschaften innerhalb weniger Jahre entstehen konnten, und Fans von Mittelalter-Romanen haben schon hunderte Hexenverfolgungen und fiese Kirchenmitarbeiter erlebt. Da den Redakteuren der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de

der Sinn danach stand, endlich mal einen literarischen Ausflug in eine ganz andere Epoche zu unternehmen, haben wir uns dem Roman »Drunemeton - Das Buch des Druiden« von Ralph Hauptmann gewidmet.

Der in Lissabon lebende Ralph Hauptmann, der in diesem Jahr sein eigenes erstes halbes Jahrhundert vervollständigte oder vervollständigen wird, ist ein Fachmann auf mehreren Gebieten. Er studierte Anglistik, Romanistik, Keltologie und vergleichende Sprachwissenschaften, war Dozent für englische Sprache sowie die Geschichte der britischen Inseln, studierte später Betriebswirtschaft, dozierte Rechnungswesen und Controlling und arbeitete als Unternehmensberater. Und obwohl die Rezensentin schon jetzt bei dieser langen Liste kurz vor dem Erreichen von Minderwertigkeitskomplexen steht, setzte er noch einen drauf und ging unter die Autoren. Er schrieb ein Sachbuch über die Kelten, das vom Heyne-Verlag veröffentlicht wurde, und er brachte mehrere historische Romane heraus. »Drunemeton - Das Buch des Druiden« war das erste dieser Bücher, es erschien am Ende des vergangenen Jahres und wurde von ihm via Amazon CreateSpace veröffentlicht. Das rund 500 Seiten umfassende Taschenbuch, für das man eine ziemlich große Tasche benötigt, kostet 14,98 Euro, die E-Book-Version ist für 9,99 Euro erhältlich. Das mag für einen Selfpublisher-Roman teuer erscheinen, aber so viel sei schon vorangestellt: Im Gegensatz zu den vielen Kindle-Heimveröffentlichungen stecken hier nicht nur ein paar Wochen Arbeit drin, sondern eine geballte Ladung an Storyline und Fakten.

Die Entstehungsgeschichte des Buchs reicht mehr als zwanzig Jahre in die Vergangenheit, als der Autor in einem Sachbuch auf ein südgallisches Volk namens »Tectosagier« stieß, deren Geschichte sich wohl recht gut nachverfolgen lässt. Ihre Geschichte empfand er als so faszinierend, dass er im Handumdrehen ein Exposée dazu erstellte und sich anschließend in einem jahrelangen Prozess Wissen aneignete. Das Ergebnis war die Figur des anfangs siebzehn Jahre alten »Aleso«, eines Sohnes eines Kriegsherrn des Stammes, der in eine Verschwörung gerät, an der sein Vater alles andere als unbeteiligt ist. Der Aufstand scheitert, was für den Jungen den Beginn einer langen Wanderung bedeutet, auf der er die Erfüllung des ihm prophezeiten Schicksals sucht. Dabei durchquert Aleso die halbe antike Welt und wird von einem Angehörigen einer geheimnisvollen Bruderschaft verfolgt, der »Dru Vid«. Die »Dru Vid«, die von der Insel Ierne (Irland) gekommen waren, gaben vor, den Kriegern ihr Wissen über die Natur und die Götter vermitteln zu wollen, verfolgten jedoch ein ganz anderes Ziel.

Die Kleinigkeiten, die beim Lesen des Buchs störten, seien vorab genannt. Eines der Probleme ist technischer Natur: Das Buch hat ein ungewohnt großes Format (16 x 23,5 Zentimeter), womit es nicht ganz handlich ist. Das wird zusätzlich durch die Materialstärke der Bücher von Amazon CreateSpace befeuert: Das Gewicht erinnert an einen halben Packen Kopierpapier, deswegen muss man das Buch eigentlich immer hinlegen, wenn man kein Kraftprotz ist. Natürlich ist es dennoch verständlich, dass sich der Autor für ein solches Format entschieden hat, da CreateSpace bei einem kleineren Buch mit entsprechend mehr Seiten einen zu hohen Absatzpreis vorgegeben hätte. Das zweite Problem ist der Epoche geschuldet: Nicht nur der Name des Buchs ist für den Gelegenheitsleser erst beim zweiten Hinlesen zu erfassen, sondern auch die Namen der Protagonisten und diverse andere verwendete Vokabeln. Auch hier ist nachvollziehbar, warum der Autor so gehandelt hat, denn er hätte schließlich keinen Roman schreiben können, der 270 vor Christus spielt und dann seine Hauptfiguren John und Jack nennen können. Die Wirkung beim Lesen ist dennoch die gleiche. Vermutlich hat man einen ganz anderen Blick darauf, wenn man sich regelmäßig mit der Zeit beschäftigt, aber mich, die nur ausnahmsweise einen Blick in diese Etappe der Zeitgeschichte geworfen hat, stellte es schon vor gewisse Schwierigkeiten.

Das Entscheidende ist aber: Der Gesamteindruck wird dadurch nur unwesentlich getrübt und das, worauf es ankommt, also der Inhalt und der Stil, in dem dieser vorgetragen wird, überzeugen auf der ganzen Linie. Hauptmann erzählt eine Geschichte, die packt, sobald man sich an die ungewohnte Umgebung angepasst hat, und er hält den Spannungsbogen gekonnt aufrecht und zieht ihn immer weiter an. Dies schafft er, obwohl immer eine gewisse emotionale Distanz zu Aleso und den anderen Protagonisten verbleibt, da Hauptmann ziemlich schnörkellos schreibt. Nebenher baut er immer wieder auf geschickte Weise Wissen ein, ohne dass man es vermutlich merkt. So erfährt man beispielsweise nicht nur, dass ein Freudenhaus zu jener Zeit »Dikterion« genannt wurde, sondern in einem Halbsatz wird auch noch eingeschoben, wer dort arbeitete und wie die finanziellen Erträge verteilt wurden. Klingt nach Sachbuch? Wenn man dies isoliert herausstellt, dann mag man das argwöhnen, aber beim Lesen fällt es gar nicht auf. Im Gegenteil, Hauptmann hat diese Dinge in die Geschichte so eingeflochten, dass es die eigentliche Handlung unterfüttert und abrundet. So kommt es, dass das Buch nicht nur unterhält, sondern auch bildet, was sicherlich auch Hauptmanns Intention war - nicht, weil er den Leser belehren möchte, sondern weil er von der Leidenschaft getrieben scheint, all das, was ihn an der damaligen Zeit so begeistert und was er darüber weiß, mit anderen zu teilen. Passenderweise hat er sein Buch um einen Anhang erweitert, in dem nicht nur erörtert wird, was Fakt und Fiktion ist, sondern in dem auch viele Begriffe erläutert werden, die zeitgeschichtlichen Ereignisse in groben Zügen geschildert werden und aufgelistet wird, wie viele der vorkommenden Figuren tatsächlich historisch belegt sind.

Dem Buch eine Gesamtwertung zu geben, ist trotzdem alles andere als einfach. Für den massiven Rechercheaufwand, der wahrscheinlich die ganze Autorenkarriere von so manchem Schöpfer historischer Romane übersteigt, die fantasievolle Geschichte, eingebettet in ein Sammelsurium an Fakten, und der gelungene Stil verbieten es eigentlich, dem Buch etwas anderes als die allerhöchste Höchstwertung zu geben. Es wäre geradezu frevelhaft. Allerdings gibt es da ein Problem: Das Buch ist nicht für jedermann geeignet, nicht einmal für jeden Freund historischer Romane. Womöglich ist es ein individueller Eindruck, aber als jemand, der sich mit einer breiten Vielfalt an Themen beschäftigt, die in Büchern thematisiert werden, und nicht zu sehr in die Tiefe geht, gleicht der Roman einer Reise durch eine sehr fremde Welt. Natürlich ist auch das Mittelalter aus heutiger Sicht eine fremde Welt, falls man nicht zu den Radmachern und Sackpfeifenspielern gehört, die heutzutage von Mittelaltermarkt zu Mittelaltermarkt tingeln, aber dennoch hat man an Romane, die in dem Zeitalter spielen, gewisse Erwartungen, die eigentlich immer erfüllt werden. Hier hingegen tappt man zunächst im Dunkeln. Ralph Hauptmann nimmt den Leser gut an die Hand und führt ihn in diese unbekannte Welt sehr gut ein, verlangt ihm dabei aber auch ab, sich zu konzentrieren (siehe die Sache mit den Namen) und sich darauf einzulassen. Die Geschichte selbst ist nicht so komplex, dass es Verständnisprobleme geben könnte, und sie ist auch aus heutiger Sicht nicht abstrakt, sondern einfach nur sehr gut und spannend. Das ungewohnte Setting ist es, was den Unterschied ausmacht. Womöglich wäre das Buch beispielsweise ein wenig leichter für eine breite Masse zugänglich, wenn einige Orte oder Begriffe in heute gängigere Vokabeln bzw. Schreibweisen überführt worden wären, auch wenn es dann historisch nicht mehr korrekt wäre. Allerdings ist es auch nachvollziehbar, warum Ralph Hauptmann das nicht gemacht hat, denn welchen Enthusiasmus für die Epoche ihn treibt, merkt man allein schon an der gewaltigen Menge an Fakten, die er rüberbringt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Man muss bereit sein, sich auf das Buch einzulassen, dann bekommt man einen sehr guten historischen Roman, der aufgrund seiner Einordnung deutlich heraussticht, und aus dem man mehr lernen kann als aus so manchem Geschichtsseminar. Man sollte sich also fragen, ob einem ein hervorragendes Buch es wert ist, selbst ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu investieren als üblich. Wenn nicht, und wenn man nur eine einfache Feierabendlektüre sucht, dann ist »Drunemeton - Das Buch des Druiden« nicht das richtige Buch für einen. Allerdings entgeht einem dann auch ein großer Roman.
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