Buchrezension - Patrizia Sabrina Prudenzi: »Böses mit Bösem vergelten«

Im ersten Petrusbrief rief der gleichnamige Apostel – sofern er denn wirklich der Verfasser gewesen sein sollte – dazu auf, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Patrizia Sabrina Prudenzi griff diese Aufforderung im Titel eines Thrillers auf, der im vergangenen Dezember – pünktlich zu Weihnachten – veröffentlicht wurde und inzwischen in einer überarbeiteten Auflage erhältlich ist. Petrus mahnte im gleichen Abschnitt seines Petrusbriefs dazu an, Scheltwort nicht mit Scheltwort zu vergelten. Angesichts dessen wollten sich die Redakteure der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de ein Bild davon machen, ob für die Qualität des Romans Worte der Schelte nötig sind, oder ob stattdessen ein Kübel voller Lob darüber ausgegossen werden sollte.

Patrizia Sabrina Prudenzi wurde im Jahre 1963 in Mannheim geboren und entstammt einer deutsch-italienischen Ehe, weswegen sie ihre Kindheit und frühe Jugend passenderweise in Italien verbrachte. Nachdem sie sowohl in Perugia als auch in Deutschland studiert hatte, publizierte sie einige Sachbücher zu IT-Themen, da sie aus dieser Branche kommt. Vor einigen Jahren begann sie schließlich damit, auch im Bereich der Unterhaltungsliteratur Fuß zu fassen. Mit »Verdammt zur Ewigkeit« machte sie einen Ausflug in den Bereich Fantasy/Horror, in »Mannheim - Heiter bis blutig« erzählte sie kriminelle Kurzgeschichten über ihre Heimatstadt. Der Thriller »Böses mit Bösem vergelten« dürfte ihr bis dato erfolgreichster Roman sein, wenn man sich die Zahl der Bewertungen ansieht, die er sowohl bei Amazon als auch hier bei Leserkanone.de erhalten hat. Das Buch wurde via »Books on Demand« veröffentlicht, ist sowohl als E-Book für lediglich 99 Cent als auch als Taschenbuch für 9,99 Euro erhältlich. Es ist knapp 300 Seiten lang, wobei dies womöglich nach weniger klingt, als es tatsächlich ist, denn das Buch hat ein relativ großes Format und wurde in verhältnismäßig kleiner Schrift bedruckt, wodurch jeweils 43 Zeilen auf jede Seite passten und damit deutlich mehr als die oftmals üblichen dreißig bis 35. Man bekommt also durchaus eine Menge »Lesestoff pro Euro«.

Wichtigste Protagonistin des Romans ist eine junge Frau namens Julia Walz, die im Alter von sechs Jahren nach dem Mord an ihren Eltern ein schweres Trauma erlitten hatte, da sie die beiden katastrophal zugerichtet aufgefunden hatte. Seitdem laboriert sie an Erinnerungsstörungen. Mittlerweile ist sie 23, arbeitet als Au-Pair-Mädchen in London und wird zum zweiten Mal in ihrem Leben in einen Mordfall verwickelt. Nachdem sie einen One Night Stand hatte, erledigt sie die üblichen täglich anfallenden Arbeiten in Haus ihrer Gasteltern und findet diese mit Verspätung in einem der Zimmer vor - ermordet und zugerichtet wie einst ihre Eltern, weswegen sie als Haupt-Tatverdächtige verhaftet wird. Die Gasteltern bleiben nicht die einzigen Ermordeten, denn auch der One Night Stand, mit dem Julia die Nacht verbrachte, kommt auf die gleiche Weise ums Leben.

Der Clou an der Sache: Aufgrund ihrer Erinnerungslücken weiß Julia selbst nicht, ob sie die Schuldige ist, die die Morde verübt hat, oder ob sie selbst Opfer der ganzen Sache ist und ein übles Spiel mit ihr getrieben wird. Die Ermittlungen werden von einem fleißigen Inspector namens David Nyomda (und seiner Assistentin Sergeant Jones) übernommen, der die Verdächtige nicht nur anziehend findet, sondern auch von der Vermutug ausgeht, dass sie nicht die Schuldige ist. Es entspannt sich ein auf Dauer immer komplexer werdender und schwer zu durchschauender Fall, der mit zunehmender Seitenzahl immer rätselhafter wird und viele erschreckende Momente beinhaltet. »Komplex« ist dabei ein entscheidendes Stichwort, denn die Ursprünge von dem, was geschehen ist, reichen wesentlich weiter, als es anfangs scheint.

Patrizia Prudenzi gibt ihren Lesern nicht die Chance, erst einmal in aller Ruhe in ihr Buch einzusteigen, sondern konfrontiert sie gleich zu Beginn mit der Bluttat, sie siebzehn Jahre vor der eigentlichen Geschichte stattfand. Damit wird gleich auf der ersten Seite des Buchs die Richtung vorgegeben: In diesem Buch geht es düster zu, wie auch schon das Cover andeutet, hier wird in tiefe menschliche Abgründe geblickt und kaum Zeit zum Luftholen gelassen. Der Spannungsbogen wird früh aufgespannt und bleibt bis zum Ende erhalten, ohne dabei auf Effekthascherei setzen zu müssen. Obgleich schon auf der ersten Textseite von hervorgequollenen Eingeweiden die Rede ist, muss man dabei nicht befürchten, dass die Autorin über die Stränge schlägt. Im Gegenteil eignet sich das Buch durchaus auch für diejenigen, die dezente Kriminalliteratur exzessiven Blutarien vorziehen. Die Art und Weise, in der die Taten vollzogen wurden, wird nicht bis ins allerletzte Detail beschrieben, stattdessen zieht das Buch seine Spannung aus seinen zahlreichen Wendungen und der Unklarheit über die Frage, was genau geschehen ist. Man muss also nichts befürchten, nur weil die Autorin mit »Verdammt zur Ewigkeit« in Richtung Horror unterwegs war. A propos Wendungen: Deren Frequenz ist beachtlich. Patrizia Prudenzi schafft es, immer wieder zu überraschen und jede Hoffnung, man würde der Geschichte gerade auf die Schliche kommen, als Irrglaube zu entlarven. Dies geht an keiner Stelle auf Kosten der Logik, denn die Handlungsfäden sind zwar undurchschaubar, aber stringent.

Neben der ausgeklügelten Handlung überzeugt »Böses mit Bösem vergelten« mit sehr authentisch wirkenden Figuren, allen voran den erwähnten Julia und David. Julias Schicksal berührt von Beginn an und erzeugt unweigerliche Sympathien für sie, und je weiter man fortschreitet, desto mehr gewinnt sie an emotionaler Tiefe und unerwarteten Facetten. Nyomda handelt womöglich intuitiver und von persönlicher Voreingenommenheit getriebener, als es dem realen Bild von Polizeiarbeit entsprechen würde, doch einerseits kann man das als Außenstehende ohnehin nicht richtig beurteilen, andererseits trägt es auch zum hohen Sympathiewert bei, den der Inspector nach und nach aufbaut.

Stilistisch gibt es einige Auffälligkeiten, an denen sich vielleicht manch einer stören könnte, die objektiv jedoch keinerlei Einfluss auf den Gesamteindruck haben – schon gar keinen negativen. So taucht gelegentlich der ein oder andere unheimlich lange Absatz auf, der trotz der kleinen Schrift beinahe eine ganze Seite umfasst, längere Flashback-Segmente sind kursiv gedruckt, und für eine ärztliche Diagnose wurde über mehr als drei Seiten Courier New als Schriftart verwendet, um sie so aussehen zu lassen, als sei sie tatsächlich einer Patientendatenbank entnommen worden. Das gesamte Buch teilt sich in sehr wenige lange Kapitel (Erwachen, Erstarren, Erschrecken, Erkenntnis), was bei vielen anderen Büchern auf ein langsames Erzähltempo hindeutet, was hier jedoch nicht der Fall ist, da es innerhalb der einzelnen Kapitel viele Szenenwechsel gibt und die Gliederung eher ein schriftstellerischer Kniff ist. Alles in allem ergibt »Böses mit Bösem vergelten« ein durchweg positives Gesamtbild, das den Leser bis zum Finale gefesselt weiterlesen lässt, und das ihn selbst am Ende noch zu überraschen weiß. Bei Büchern, die via »Books on Demand« veröffentlicht werden, herrscht oftmals eine ziemliche Skepsis unter den Besuchern unserer Webseite, wenn man sich die durchschnittlichen Bewertungen ansieht, doch mit »Böses mit Bösem vergelten« beweist Patrizia Sabrina Prudenzi, dass auch unter diesem Banner richtige Kleinode zu entdecken sind.
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