Buchrezension - Michael Böhm: »Herr Petermann und das Triptychon des Todes«

Viele Autoren und Verlage setzen heutzutage auf kurze und prägnante Buchtitel, da sie offenbar der Ansicht sind, dass diese eine nachhaltigere Wirkung beim Publikum hinterlassen. Was im Einzelfall so anmutet, als würde man Buchlesern ganz schön wenig zutrauen, dürfte in der Praxis tatsächlich Wirkung zeigen, denn auch auf unserer Seite erhalten Bücher mit langen Titeln und komplexen Begriffen erkennbar weniger Klicks. Autor Michael Böhm hat sich dennoch nicht beirren lassen und mit »Herr Petermann und das Triptychon des Todes« ein Buch vorgelegt, dessen Titel schon im Vorfeld all diejenigen Leser aussortiert, die ein Triptychon für eine Dinosauriergattung halten und sich unter dem Kürzel H.P. nur Zauberlehrlinge vorstellen können. Die Redakteure der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de haben uns nicht beirren lassen und einen ausführlichen Blick auf das Buch geworfen.

Michael Böhm wurde 1947 im Taunus geboren und lebt heute im Ruhestand in der Nähe von München. Im Buchgeschäft ist er ein alter Hase, denn er schreibt bereits seit seiner Jugendzeit. Dennoch verging viel Zeit bis zum ersten eigenen Buch. Nach mehreren Anthologiebeiträgen wurde seine »Hirtmoor-Chronik« im Jahre 1998 veröffentlicht. Sein neuestes Buch bildet den (vollständig abgeschlossenen) Nachfolger zu seinem Roman »Herrn Petermanns unbedingter Wunsch nach Ruhe«, der es 2014 bis zu einer Nominierung für den Friedrich-Glauser-Preis brachte, dem wohl wichtigsten deutschsprachigen Krimipreis. »Herr Petermann und das Triptychon des Todes« erschien Ende Juli in der Edition 211 des Münchener Bookspot-Verlages und ist sowohl als sehenswerte gebundene Version mit Schutzumschlag für 14,80 Euro als auch als E-Book für 6,99 Euro erhältlich. Die Geschichte selbst ist nur etwa 170 Seiten lang, aber so viel sei schon mal vorausgeschickt: Zum einen liegt in der Kürze oftmals die Würze, zum anderen zeigt sich schnell, dass hier einzelne Seiten und Sätze durchdachter sind als ganze Kapitel von umfangreichen Fließbandromanen.

Im Zentrum von Böhms Roman steht der titelgebende Dr. Leo Petermann, der einst der Chef des Softwareunternehmens »Pythagoras« gewesen ist und inzwischen die Ruhe gefunden hat, die er offensichtlich im Vorgängerbuch gesucht hatte, das uns zum Zeitpunkt der Rezension nicht vorlag. Letzteres ist kein Problem, die Geschichte funktioniert ohne jede Vorkenntnisse. Petermann steht viel mehr im Zentrum, als man es von den Hauptfiguren anderer Romanen kennt, denn die Geschichte wird nicht nur aus seiner Perspektive erzählt, er berichtet sogar das, was die anderen Akteure sagen. Anders ausgedrückt: Im gesamten Buch gibt es keine Dialoge, eines der auffälligsten stilistischen Mittel an Böhms Roman. Gleichzeitig ist dies das wohl gewöhnungsbedürftigste Element, denn da Dialoge die Handlung auflockern, Figuren zum Leben erwecken und Geschichten Dynamik verleihen können, wirkt die Erzählweise anfangs etwas mehr als nur ungewöhnlich. Womöglich könnte dies sogar den ein oder anderen Leser abschrecken, aber damit würde sich derjenige keinen Gefallen tun. Hat man sich erst einmal an diesen Stil gewöhnt, merkt man rasch, wie viel Atmosphäre dadurch geschaffen wird, und wie gut es zur Hauptfigur passt. Hauptfigur Petermann hat diverse - zumindest vordergründig - negative Eigenschaften, gleichzeitig ist er aber auch ein unaufgeregter und ruhiger Mensch - und genau das wird durch die ungewöhnliche Erzählweise und durch Böhms Sprache transportiert. Der Autor schafft es - mutmaßlich vorsätzlich -, seine eigene ungewöhnliche Art des Schreibens, seinen Protagonisten und die vorgetragene Handlung zu einer stilistischen Ganzheit zu formen, eine Idee, auf die viele andere vermutlich gar nicht erst gekommen wären.

Der rüstige Ruheständler lebt ein friedvolles Leben an einem See, bringt sich in die Nachbarschaft ein und lässt die Seele baumeln. Dass der Frieden nicht den ganzen Charakter des Protagonisten wiedergibt, wird den neu hinzugekommenen Lesern relativ rasch verdeutlicht, als Petermanns Geliebte sexuell belästigt wird, woraufhin Böhm seinen Helden das Problem auf ganz individualistische Weise anpacken lässt. Die eigentliche Geschichte - die gleichzeitig das endgültige Ende der Ruhe für Petermann markiert - entspinnt sich jedoch erst nach gut einem Viertel des Buches, als Petermann in einem Segment, das mit »Tod in Wien« überschrieben ist, von einem einstigen Geschäftspartner namens Rainer Fall eine seltsame Geschichte über einen »Todesfonds« erfährt. Fall wird einen Tag später ermordet aufgefunden. Hinter dem Ganzen steckt der hochbegabte Mathematiker und Versicherungsunternehmer Quintus Heinrich, den Petermann bereits aus der Zeit seines Studiums kennt. Petermann, der die Struktur des Fonds des Teufels rasch erkennt, schickt sich an, Heinrich das Handwerk zu legen, und so entwickelt sich ein Duell zwischen den beiden gleichsam schlauen wie moralisch fragwürdig agierenden Männern.

Normalerweise sollte man meinen, Böhms Roman könne gar nicht funktionieren, da auf diverse Mittel verzichtet wird, die einen spannenden Roman ausmachen. Neben dem erwähnten ungewohnten Erzählstil wird aufgrund des praktisch vollständigen Fokusses auf Petermann darauf verzichtet, einen unmittelbaren Einblick in die Gefühlswelt der anderen Figuren zu geben, so dass eine gewisse Distanz zu ihnen immer bleibt - eine Distanz, die gleichzeitig Petermanns Distanz zu ihnen ausmacht -, der Protagonist ist nicht der sympathischste Zeitgenosse, es wird auf große Effekte und auf brutale Szenen verzichtet, und da praktisch von Beginn an bekannt ist, wer hinter allem steckt und wie die Claims verteilt sind, bleibt nicht einmal Platz zum Miträtseln und zum Tappen auf falschen Fährten.

Das Kunststück, das Böhm gelingt, besteht darin, dass der Roman trotzdem - oder gerade deswegen - hervorragend funktioniert. Auch ohne all diese Elemente ist Spannung nicht nur vorhanden, sie wird auch fortlaufend weiter angefüttert. Gepaart mit dem durchgängigen Seitenhieb auf die sozialen Gegebenheiten, die aus Menschen Verbrecher machen, hervorragend gelungenen Schauplatz- und Situationsbeschreibungen und einer Sprache, bei der Böhm vermutlich jeden Satz und jedes Wort mehrfach hinterfragt und bis zur Perfektion umgearbeitet hat, wodurch das Geschriebene im Gesamteindruck geschliffen daherkommt wie ein feiner Edelstein, ergibt sich ein Roman, der seine Größe nicht durch seine Seitenzahl, sondern durch seine klug ausgearbeitete Handlung, seinen ungewöhnlichen Protagonisten und seinen feinen Stil gewinnt. Dieses wunderbare Buch ist ungewöhnlich und gut, ohne modernen Maßstäben Rechnung zu tragen. Es wirkt jedoch auch nicht antiquiert, sondern durch und durch zeitlos ... und es ist definitiv sehr zu empfehlen.
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