Buchrezension - Kerstin Groeper: »Der scharlachrote Pfad«

Im Regal von »Otto Normalbuchleser« kommen heutzutage historische Romane, in denen es um Indianer geht, vermutlich eher selten vor. Das war nicht immer so, denn in der Vergangenheit gab es ab und zu Popularitätsschübe, die eine Weile anhielten und dann wieder abebbten. Dennoch existiert das Genre weiter, und engagierte Autoren und Verlage bemühen sich mit großem Aufwand, die Nische zur vollen Zufriedenheit der Fans zu bedienen und das darüber hinausgehende Ziel, Kulturen zu bewahren, aufrechtzuerhalten. Da die Redakteure der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de gerne einen Blick über den Tellerrand werfen, haben sie sich einmal in dem Genre umgesehen und dem Buch »Der scharlachrote Pfad« von Kerstin Groeper gewidmet.


Kerstin Groeper, deren Vater bereits schriftstellerisch aktiv war, stammt zwar ursprünglich aus Berlin und lebt heute in München, verbrachte jedoch einige Zeit ihres Lebens in Kanada, wo sie mit den dortigen Indianern in Kontakt kam. Seitdem ist sie der indianischen Kultur in hohem Maße verbunden, hält Vorträge und gibt Seminare zur Sprache und Kultur der Lakota-Indianer, und engagiert sich in einer Vereinigung zum Fortbestehen der Sprache der Teton-Sioux. Vor allem aber erzählt sie nun schon seit Jahren in Romanen von der Kultur der nordamerikanischen Ureinwohner und hat sowohl Jugendbücher als auch diverse historische Romane für ältere Leser verfasst. »Der scharlachrote Pfad - eine Sioux-Saga« ist ihre aktuellste Veröffentlichung. Sie erschien zu Beginn des vergangenen Jahres, ist satte 800 Seiten lang und kostet als broschiertes Taschenbuch 16,90 Euro. Das kann man gleich vorausschicken: Man erhält bei Frau Groeper »viel Buch fürs Geld«, denn das Buch ist nicht nur lang, sondern auch noch platzsparend bedruckt, weswegen man hier im wahrsten Sinne des Wortes von einem Indianer-Epos sprechen kann.

An dieser Stelle sei noch etwas ausführlicher als üblich auf den Verlag hingewiesen: »Der scharlachrote Pfad« wurde vom »Traumfänger-Verlag« herausgegeben, einem Verlagshaus, das womöglich vielen Lesern kein Begriff ist. Das Unternehmen aus Oberbayern hat sich ganz darauf spezialisiert, Bücher zum Thema Indianistik zu publizieren. Dabei handelt es sich um ein viel facettenreicheres Thema, als man auf den ersten Blick denken könnte: Neben den historischen Romanen, die wohl landläufig als das klassische »Indianer-Buch« angesehen werden, decken die dortigen fünfzehn Autoren ein ganzes Spektrum von zeitgenössische Literatur über Biografien und Kinderbücher bis hin zu Thrillern ab. Kurzum: Das Thema des Indianers in Buchform ist vielfältiger, als man annimmt, und vielleicht kann der ein oder andere ja seinen literarischen Horizont erweitern.

Doch zurück zum »scharlachroten Pfad«, einem Buch, das eine Lakota- (Sioux-) Saga erzählt. Wohlgemerkt eine fiktive Geschichte um ebenso fiktive Figuren, die jedoch in den tatsächlichen historischen Kontext eingebunden wurde, weswegen auch einige historisch verbürgte Figuren vorkommen, die selbst denjenigen ein Begriff sein dürften, die sich ansonsten nicht mit dem Genre auseinandersetzen. Kerstin Groeper entführt ihre Leser in ihrem Buch in den Winter des Jahres 1870/71, der in Montana äußerst hart verlief und in dem Lebensmittel rar waren. Der Freiheitskrieg der Indianer war zu diesem Zeitpunkt schon an einer relativ weit fortgeschrittenen Stufe angelangt, sie wurden vom »weißen Mann« gegängelt, von dessen ansteckenden Krankheiten dahingerafft und auf Reservationen zurückgedrängt. Inmitten dieses Szenarios wird die Geschichte einer jungen Frau vom Stamme der "Crow" erzählt, die auf den Namen Wah-bo-sehns hört und anfangs um ihren Ehemann trauert. Nach einem Angriff der Lakota fallen sie und ihr Kind in die Hände der Feinde, wo sie von einem Krieger namens Tschetan-withko zur Ehefrau genommen wird. Berichtet wird nun vom Schicksal der beiden, wie sie und die übrigen Indianer von den weißen Soldaten gejagt werden und sich nach Kanada zurückziehen und anschließend dort durchschlagen müssen, also dort, wo die Autorin mit dem ganzen »Indianer-Universum« in Kontakt kam und es für sich entdeckte. Das Buch umspannt ein Jahrzehnt voller Massaker, heikler Situationen und anstrengendem Überlebenskampf.

Für all diejenigen, die die übrigen Bücher des Traumfänger-Verlages noch nicht gelesen haben, dürfte »Der scharlachrote Pfad« eine Reise in ganz neue Welten sein, denn selbst wenn sie in der Vergangenheit schon mal einen Indianer-Roman gelesen haben sollten, dürfte es ungewohnt sein, diesen unmittelbar aus der Sicht der Ureinwohner erzählt zu bekommen. Wenn, dann dürfte es sich bei anderen gelesenen Büchern wohl zumeist um einen Blick auf die Gegenseite gehandelt haben. Der erste Eindruck, der sich durch den Fokus auf die Lakota unweigerlich ergibt, resultiert aus den Namen der Protagonisten: Diese sind nicht nur ungewohnt, sondern erscheinen zunächst regelrecht kompliziert und verleihen dem Text eine Diktion, an die man sich erst einmal gewöhnen muss - etwas, das Leser bekanntlich nur sehr ungern machen, weswegen sie schnell zum Althergebrachten greifen, anstatt neue Bücherwelten zu erforschen. Es lohnt sich jedoch, diese Hürde zu nehmen, zumal sich Kerstin Groeper erfolgreich bemüht, den Leser über sie hinüber zu helfen. Dies gelingt ihr, indem sie einen tiefen Einblick in das Lagerleben und den persönlichen Kampf der Protagonisten gewährt. Kaum ist man an dem Punkt angelangt, an dem man mit ihnen mitfühlt, stört man sich auch nicht mehr an der Komplexität ihrer Namen, sondern versteht sich mehr und mehr als ihr beobachtender Wegbegleiter. Schon bald verschwimmen die Namen, und man hat stattdessen gleich das Bild vor dem inneren Auge parat, das sich bis dahin von selbst gezeichnet hat.

Angesichts von Frau Groepers Vorgeschichte verwundert es nicht, dass »Der scharlachrote Pfad« exzellent recherchiert erscheint, und das vermutlich bei weitem nicht nur aus der Sicht eines außenstehenden Lesers. Man erfährt so viel über die eingeborenen Völker und deren Leben, dass es keine Dokumentation und kein Sachbuch besser vermocht hätte. Da diese Informationen nicht einfach heruntergebetet werden, sondern in eine Geschichte eingewoben wurden, die schnell Fahrt aufnimmt und sich trotz der anfangs massiv anmutenden Länge des Buchs keine Durchschnaufpausen gewährt, sondern den Leser durchgehend bei der Stange hält und selbst einfache Alltagssituationen farbenprächtig und bildgewaltig beschreibt, bleiben die ganzen Details dabei noch deutlich besser hängen als während einer Lehrstunde. Das Gute daran ist: Man fühlt sich an keiner Stelle belehrt, sondern bekommt gar nicht mit, wie sehr man hier informiert wird, da man vordergründig von der spannenden Geschichte gefangen ist. Der Grad zwischen Sachlichkeit und Unterhaltung mag ein schmaler sein, aber Kerstin Groeper beschreitet ihn mühelos wie ein professioneller Artist auf dem Hochseil. Sprachlich überzeugend und mit eindringlicher Emotionalität schenkt sie nicht nur den Indianern im Allgemeinen, sondern vor allem den Frauen im Speziellen ein Sprachrohr.

Wenn man sich für die Welt der Indianer begeistert, dann kennt man die Publikationen des Traumfänger-Verlags womöglich schon, auf jeden Fall aber erhält man mit dem »scharlachroten Pfad« eine Geschichte, die so gut geschrieben ist, dass sie zur Pflichtlektüre gehören sollte. Die entscheidende Frage für alle anderen dürfte jedoch sein: Was ist mit denjenigen, die mit dieser Welt eigentlich nichts zu tun haben und sich nicht damit beschäftigen? Um das zu beantworten, kann sich die Verfasserin dieses Artikels selbst als Beispiel hervorzeigen: Sie hatte bis dato mit dem Thema so wenig zu tun, dass sie ihren ersten großen Aha-Moment erst hatte, als die Pawnee-Indianer erwähnt wurden, die ihr dank der fragwürdigen Wandgemälde im Rahmen der Sitcom »Parks & Recreation« ein Begriff waren. Oder um es anders auszudrücken: Sie hatte damit so viel zu tun wie ein Indianer mit Indien. Dennoch ist es Kerstin Groeper vollumfänglich gelungen, sie mit ihrer Geschichte für sich zu gewinnen. Sollte ein Leser per se gewisse Vorbehalte gegenüber der Thematik haben, dann sollte er bedenken, dass auch ein solches Buch in erster Linie ein historischer Roman ist. Und wenn man historische Romane mag, dann lohnt es sich auch, von Zeit zu Zeit über den erprobten Mittelalter-Tellerrand hinauszusehen und sich für andere Epochen und Orte zu begeistern. Hier erhält man einen historischen Roman, der diesen Tellerrand so weit hinter sich lässt, wie es nur geht, der einmal eine ganz andere Geschichte erzählt, als man sie aus den anderen Büchern kennt, die man vermutlich tagein, tagaus liest, der trotzdem mitreißt und spannend ist, und bei dem man ganz im Vorbeigehen sogar noch einiges lernen kann. Und ist es nicht genau das, was man möchte, wenn man zu einem historischen Roman greift? Daher ist der »scharlachrote Pfad« womöglich genau die richtige Gelegenheit, um dem eigenen literarischen Spektrum eine zusätzliche Farbe - auf den schlechten Gag, dass es sich dabei um Rot handelt, verzichten wir an dieser Stelle - hinzuzufügen. Man kann dabei nur gewinnen!
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