Buchrezension - Julia Adrian: »Die dreizehnte Fee – Erwachen«

Bücher von Autoren, die in Eigenregie veröffentlichen, landen nach wie vor verhältnismäßig selten in den Lesercharts der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de. Ein Buch, dem dies im Juni gelang, war »Die dreizehnte Fee – Erwachen« von Julia Adrian. Die Leser wählten den Roman – Stand heute – zu den zehn bisher besten Eigenverlags-Büchern dieses Jahres, und die kürzlich von Leserkanone vorgestellte Bloggerin von »Selection Books – Nalas Bücherblog« verlieh ihm das Prädikat »Suchtgefahr«. Nach all diesen Vorschusslorbeeren wollten sich die Redakteure der Seite selbst von der Qualität des Buchs überzeugen.

Julia Adrian wurde 1991 in Bonn geboren und lebt inzwischen mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Norden Deutschlands. »Die dreizehnte Fee – Erwachen« ist ihr Debütroman. Das Buch wurde von ihr via epubli im April herausgegeben und ist sowohl als Taschenbuch für 9,95 Euro als auch als E-Book für 2,99 Euro erhältlich. Es umfasst rund 200 Seiten, wenngleich man beim flüchtigen Betrachten den Eindruck bekommen kann, es sei dünner, da epubli offenbar eine sehr effiziente Papiersorte nutzt. Die Covergestaltung ist äußerst gelungen und überflügelt selbst viele große Verlagsproduktionen im Handstreich. Die gestalterische Qualität macht nach dem Cover nicht Halt, denn auch der Rest des Buchs ist in dieser Hinsicht sehr gut gelungen – einschließlich einer Handvoll Illustrationen.

Hauptfigur und Ich-Erzählerin der Handlung ist die Fee Lilith, die ein Jahrtausend lang in einem Dornröschenschlaf schlummerte, nachdem sie von ihren zwölf Schwestern verraten worden war. Wie es das Märchen vorschreibt, wird sie von einem Prinzen erweckt, jedoch nicht geehelicht, da er nichts mit Ihresgleichen zu tun haben möchte. Stattdessen wird sie von einem Hexenjäger in Gewahrsam genommen (da Feen in dieser Interpretation praktisch Hexen sind). Nachdem kurze Zeit später eine von Liliths Schwestern (erfolglos) versucht, sie aus dem Weg zu räumen, kommt die Fee zu dem Schluss, der angesichts ihres Schicksals naheliegt: Sie muss sich an ihren Schwestern rächen. Der Hexenjäger kann sich für diesen Gedanken erwärmen und so verbünden sich die beiden, um dieses Ziel umzusetzen. Also beginnen die Hexe und der Hexenjäger, gemeinsam durch die Welt zu streifen, die in diesem Fall Pandora heißt, aber weder etwas mit dem gleichnamigen Saturnmond noch mit dem »Avatar«-Mond zu tun hat.

Die Schwestern Liliths sind an alte Bekannte aus der Märchenwelt angelehnt, etwa die offenbar kannibalisch veranlagten Dame, die in »Hänsel und Gretel« an Hänsel knuspern wollte. Julia Adrian wagt in Fällen wie diesen einen Blick hinter die Figuren, gibt ihnen viel mehr Tiefe und versucht Erklärungen zu finden, warum sie in den Märchenvorlagen so handelten, wie sie es taten. Das bleibt nicht ohne Wirkung auf Lilith, denn in ihr keimt Verständnis für die anderen Feen auf. Was auf den ersten Blick noch böse scheint, hat dann doch ganz andere Beweggründe. So ist Lilith mit fortschreitender Handlung immer stärker hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Rache, der aus ihrer Eigenschaft als einstige Königin der bösen Feen resultiert, und der Sehnsucht nach Glückseligkeit und nach Liebe. Letzteres entsteht dadurch, dass Lilith im Laufe der Zeit immer stärkere Gefühle für den Hexenjäger entwickelt. Um eine einzelne Sache vorweg zu nehmen: Eine endgültige Lösung wird für den Konflikt noch nicht gefunden, denn »Die dreizehnte Fee – Erwachen« hat keinen endgültigen Abschluss, sondern wartet am Ende mit einem Cliffhanger auf, der den Leser mit dem starken Wunsch zurücklässt, so schnell wie möglich die Fortsetzung lesen zu können.

Es gab in den vergangenen zwei, drei Jahren eine verstärkte Tendenz, Märchenmotive in Romanen aufzugreifen, sie umzuinterpretieren und ihnen einen modernen Anstrich zu geben. Der international wohl bekannteste Fall sind die Luna-Chroniken von Marissa Meyer, Cornelia Funke verarbeitet Märchen seit einem halben Jahrzehnt in den relativ langsam erscheinenden Romanen ihrer »Reckless«-Reihe, und wir selbst sprachen zuletzt mit Rona Walter, die sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Kristina Lohfeldt an die Essenz der Märchen gewagt hat. Julia Adrian hat die Idee auf eine gänzlich eigene Weise aufgegriffen und sie in eine Form gegossen, die beeindruckend gut funktioniert. Allein schon die Schwesternschaft der bösen Frauenfiguren aus den bekanntesten Kinder- und Hausmärchen ist als Idee Gold wert. Wie eine Spitzenköchin hat es Julia Adrian geschafft, aus scheinbar gar nicht zusammenpassenden Zutaten eine perfekte Einheit zu schaffen, die bis in den kleinsten Winkel durchdacht ist und eine erstaunliche eigenständige Atmosphäre bildet.

Das Faszinierende an jener Atmosphäre besteht darin, dass die Autorin keine ausschweifenden Beschreibungen und schwülstig ausgebreiteten Details benötigt. Im Gegenteil schreibt Julia Adrian geradlinig und schnörkellos. Oftmals bedient sie sich schneller Stafetten kurzer Sätze ("Der Hexenjäger eilt weiter. Er zögert nicht. Er kennt den Weg."). Gerade bei einem Buch, das Märchen thematisiert, würde man mit besonders blumigen Floskeln rechnen, doch Julia Adrian bleibt bewusst bei einer einfachen Sprache und marschiert mit Worten voran. Die hochgradig gelungene Atmosphäre ist stattdessen vielmehr der Tatsache geschuldet, dass die Autorin wahrhaft einzigartige Ideen miteinander verbindet, äußerst kreative und liebenswerte Nebenfiguren einbaut, etwa einen freundlichen Uhrmacher mit einer ganz besonderen Aufgabe, und dass es ihr exzellent gelingt, Gefühle zu transportieren. So verschmilzt der Leser beispielsweise geradezu mit Liliths Gedanken und erlebt ihr Abenteuer mit, als wäre er selbst in Pandora unterwegs.

Mit »Die dreizehnte Fee – Erwachen« hat sich Julia Adrian aus dem Stand heraus in die Riege derjenigen Selbstverleger katapultiert, die man unbedingt im Auge behalten sollte. Vollgepackt mit guten Ideen, bezaubernden Charakteren und einer unvorhersehbaren Handlung hat sie ein Buch geschrieben, das von der ersten Seite an bis zum Ende fesselt und dank seines großen Grades an Individualismus nach dem Fertiglesen nicht sofort wieder aus der Erinnerung verschwindet, sondern sich dort dauerhaft einnistet. Kurzum: ein im höchsten Maße gelungener Debütroman, der auf Großes in der Zukunft hoffen lässt!
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