Buchrezension - Jörg Böhm: »Und ich bringe dir den Tod«

Vor einigen Wochen wurde den Redakteuren der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de gemeldet, dass sie die Bücher des Journalisten und Autoren Jörg Böhm noch gar nicht in ihre Datenbank eingetragen hatten. Seitdem sie diesen Fehler ausgemerzt haben, haben schon zahlreiche Besucher Noten für seine Bücher verteilt, und alle waren sich einig: Böhms Krimis, die im Schwarzwald und an der Südlichen Weinstraße spielen, sind von hoher Qualität. Die Leserkanone-Mitarbeiter wollten sich daraufhin selbst ein Bild davon machen, was zu den guten Bewertungen führt, und haben mit »Und ich bringe dir den Tod« sein neuestes Werk unter die Lupe genommen. Dieses knüpft in Sachen Erfolg so sehr an die beiden Vorgänger an, dass kürzlich bekanntgegeben wurde, dass es eine zweite Auflage geben wird.

Jörg Böhm ist das offene Pseudonym des 1979 geborenen Jörg Henn, der ursprünglich aus dem Westerwald stammt, jedoch jahrelang in der Region gewohnt hat, in der sich die von ihm erdachten Kriminalfälle zutragen. Da im Schwarzwald und an der Weinstraße offensichtlich das Verbrechen zu Hause ist, wie man es in seinen Büchern nachlesen kann, hat er inzwischen Reißaus genommen und lebt nun in der Lüneburger Heide. »Und ich bringe dir den Tod« erschien im März diesen Jahres im »Kleinen Buch Verlag«, der dem Namen nach zwar klein ist, aber dennoch höchst professionell produzierte Literatur veröffentlicht. Die E-Book-Version ist für 9,49 Euro erhältlich, das 368 Seiten starke Taschenbuch kostet 14,90 Euro. Dabei sind die Buchstaben »TOD« auf dem Buchdeckel als Relief hervorgehoben.

Protagonistin von Böhms Roman - wie auch seinen anderen Büchern - ist eine junge Hauptkommissarin namens Emma Hansen. Obgleich es schon ihr dritter Auftritt ist, ist es nicht notwendig, die beiden anderen Bücher vorher gelesen zu haben, denn die Fälle sind in sich abgeschlossen, und es entstand beim Lesen auch nicht der Eindruck, wichtige Details aus Frau Hansens Privat- oder Vorleben nicht in ausreichendem Maße zu erfahren. Dem privaten Teil ihrer Persönlichkeit wird dabei durchaus einiges an Platz eingeräumt. Da sie sich um ihr Pflegekind Luiz kümmert, den Sohn ihres verstorbenen Vaters, und diese Aufgabe parallel zu ihrer eigentlichen Arbeit händeln muss, kommt dies nicht von ungefähr. So viel kann man schon vorab sagen: Die Figur der Emma Hansen ist einer der großen Pluspunkte an Böhms Buch, denn man kann gar nicht anders, als sie als grundsympathisch zu empfinden. Böhm arbeitet nicht mit einem heldenhaften Alleskönner als Kommissar wie viele amerikanische Kollegen, mit keinem vollkommen verschrobenen und psychisch zertrümmerten Ermittler mit überragender Spürnase wie die Schreiberlinge aus dem hohen Norden, sondern mit der »netten jungen Frau von nebenan«, die äußerst menschlich rüberkommt und Stärken wie auch Schwächen hat. Ihr bei der Arbeit zuzusehen, ist daher äußerst angenehm. Etwas gebrochener kommt ihr Kollege Matthias Roth daher, jedoch ist er aus gutem Grund alles andere als gut drauf, und er ist dabei noch weit entfernt von den karikaturhaft überzeichneten Genossen aus dem kühlen Skandinavien.

Man kann jedenfalls auch ohne Vorwissen aus den Vorgängerbüchern ganz unbedarft loslegen ... und man wird gleich mit dem Prolog ins kalte Wasser geworfen, in dem von einem »Kind« die Rede ist, das aus ungewöhnlichem Anlass - und als wäre es eine Nebensächlichkeit - das vermutlich erste Verbrechen seines noch jungen Lebens begeht. Ein langsames Herantasten an den Stoff gibt es bei Böhm also nicht, er rüttelt gleich heftig am Leser und sorgt so dafür, dass er von der ersten Minute an putzmunter bei der Sache ist. Erst im Anschluss daran gewährt er seinen Lesern ein etwas dezenteres Näherkommen an seinen Roman.

Die eigentliche Handlung trägt sich drei Jahrzehnte später rund um ein Ereignis zu, das mit schweren Kriminalfällen dem Anschein nach eigentlich so viel zu tun haben dürfte wie Zahnarzt Walter Palmer mit dem Tierschutz, nämlich rein gar nichts: eine Landesgartenschau. Für diese ist Landau zum Austragungsort bestimmt worden. Im »richtigen Leben« ist die Late-Night-Hauptstadt aller dicken Kinder in diesem Jahr ebenfalls Schauplatz des großen Festivals der Blumenzüchter, Böhm hat seinen Roman also ins tatsächliche aktuelle Zeitgeschehen eingebunden. Auf dem Gelände des großen Events werden bei ihm zwei Skelette gefunden - Leichen, die viele Jahre zuvor dort verbuddelt worden sind. Zu Beginn gibt es weder eine Erklärung, wer die beiden sein könnten, noch wer dafür verantwortlich sein könnte, dass sie dort vergraben waren. Emma Hansen und ihr Kompagnon nehmen also die Ermittlungen auf - und es verstreicht gar nicht viel Zeit, ehe sich zu den beiden seit Langem toten Personen ein weiteres Opfer hinzugesellt. Dieses Mal ist die Leiche noch ganz frisch, und es handelt sich ausgerechnet um den Politiker, der dafür gesorgt hat, dass die »LGS« in die Pfalz vergeben wurde. Ob es sich dabei um einen Mord handelt oder ob sich der Mann selbst umbrachte, und ob es eine Verbindung zu den beiden Skeletten gibt, all dies gilt es aufzuklären.

Böhm lässt die Frage, wer hinter allem steckt, bis beinahe zum Ende offen und serviert dem Leser auf dem Weg dorthin geschickt potenzielle Täter, die schlüssig genug erscheinen, um als Schuldige in Frage zu kommen - und immer wieder tappt man als Leser dem Autor in die Falle und wird in die Irre geleitet. Seinen Spannungsfaktor gewinnt die Geschichte weniger durch eine immerwährend drohende brenzlige Gefahr, sondern vielmehr durch die Komplexität und Beschwerlichkeit der Ermittlungsarbeit sowie durch die Sackgassen, in die man selbst läuft, wenn man sich auf der richtigen Fährte wähnt. »Und ich bringe dir den Tod« ist eben kein »Thriller«, wie heutzutage zwei von drei Ermittlerromanen eingeordnet werden, sondern ein richtig schöner klassischer Kriminalroman. Dabei genehmigt Böhm sich selbst und den Lesern Zeit für Durchschnaufphasen, indem er mit großer Liebe zum Detail Schauplätze, Handlungen und vor allem Figuren entwirft. Neben den Ermittlern ist es dabei insbesondere die Täterfigur, in deren Innenleben ein großer Einblick gestattet wird, wodurch man den Charakter zwar nicht zu mögen, aber doch (im gewissen Rahmen) nachzuvollziehen lernt. Dichte Atmosphäre entsteht eben nicht nur durch permanente Bedrohungsszenarien, sondern auch durch die Bildhaftigkeit des Szenarios und der handelnden Akteure.

Böhms Buch ist geerdet, wirkt folgerichtig in seiner Gesamtheit äußerst authentisch und wird dadurch mitreißend. Dabei ist auch immer wieder für eine angenehme Prise Humor Platz, jedoch ausreichend gezügelt, um nicht in die Nähe der vielen auf Kalauer getrimmten Regionalkrimis zu rücken. Dafür sorgen nicht zuletzt die Verbrechen selbst, die durchaus in die gröbere Kategorie fallen. Auf diese Weise findet der Autor einen Mittelweg, der vermutlich alle Arten von Krimifans ansprechen dürfte: Fans von Regionalkrimis, Fans von klassischer Ermittlerarbeit, Fans von Büchern mit ernsthaften Verbrechen und Fans von Büchern, in denen die Täterpsychologie im Mittelpunkt steht. Böhm bedient sich an all diesen Subgenres des kriminellen Büchersektors geschickt und verschmelzt sie zu einem durch und durch lesenswerten Roman. Das lebendige Tempo, das durch viele kurze Kapitel befördert wird, die angenehme Sprache und ein starkes Finale runden das Ganze perfekt ab. Lange Rede, kurzer Sinn: Die vielen positiven Stimmen und den Erfolg hat sich Böhm mit seinem Buch redlich verdient.
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