Buchrezension - Henrike Spohr: »Heilbronn 37°«

Ein Buch, das in Heilbronn spielt, das von einer Autorin geschrieben wurde, die in Heilbronn geboren wurde und mit ihrem Mann und ihren Kindern am Rande eines Waldes in Heilbronn lebt, gelesen von Personen, die mit Heilbronn überhaupt nichts zu tun hat, kann das zusammenpassen? Zumindest bis zum jetzigen Moment haben die Besucher der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de an »Heilbronn 37°« von Henrike Spohr ausschließlich gute und sehr gute Noten vergeben. Grund genug, einmal herauszufinden, ob es sich dabei ausschließlich um verzückte Einwohner der Stadt am Necker handelte, oder ob das Buch auch für alle anderen Bücherwürmer lesenswert sein könnte.

»Heilbronn 37°« erschien im vergangenen Juli und ist das Romandebüt von Henrike Spohr. Herausgegeben wurde das gute Stück vom Kölner Emons Verlag, bei dem einst ein hoffnungsvoller Nachwuchsautor namens Frank Schätzing erste Gehversuche in der Buchwelt wagte. Der Verlag ist auf Kriminalromane mit Lokalkolorit spezialisiert, und in eben diese Kategorie fällt »Heilbronn 37°« laut Cover auch. Der Klappentext bezeichnet das Buch hingegen als Psychothriller, man wollte sich also selbst nicht unbedingt auf eine Schublade festlegen. Um es vorwegzunehmen: Eigentlich passt es in keine der beiden Kategorien so richtig hinein, ist der zweiten jedoch deutlich näher. Erhältlich ist das Buch als broschiertes Taschenbuch mit glänzendem Titel sowie als E-Book.

Wie sich der kombinationsbegabte Leser schon anhand des Namens des Buches denken können wird, vollziehen sich die Ereignisse des Romans in einem drückend heißen Sommer. Die wichtigste Protagonistin der Geschichte ist eine junge Künstlerin namens Tamara, die dank der Bekanntschaft mit einem Galeristen kurz davor steht, ihre Werke erstmals bei einer Ausstellung präsentieren zu können. Da dies die Chance ihres Lebens ist, arbeitet sie mit Hochdruck an ihren Gemälden. Dabei wächst in ihr nach und nach das Gefühl, dass sie jemand beobachtet – ein Gefühl, das unangenehme Erinnerungen aus der Vergangenheit in ihr aufsteigen lässt. Erinnerungen an ein Ereignis, das ein Trauma ausgelöst hat, das von ihr nie verarbeitet wurde und bei dem die Schuldfrage immer ungeklärt blieb.

Auf Tamara selbst und ihrem Ehemann liegt einer der Hauptaugenmerke der Geschichte. Bewegt sich das Buch anfangs noch in etwas schleppendem Tempo und lässt sich viel Zeit dafür, die brütende Hitze, die über Heilbronn liegt, in all ihren Facetten zu erläutern, wachsen die Sympathien für Tamara von Seite zu Seite. Immer stärker wird die Leserin oder der Leser von den Gefühlen aufgesogen, die sie bewegen, und den Ängsten, denen sie ausgesetzt ist. Eine interessante Hauptfigur, deren Weg man gerne begleitet, auch wenn es wahrlich kein leichter ist. Der Fokus bleibt jedoch nicht ausschließlich auf Tamara und Paul gerichtet, auch einem zweiten Ehepaar sowie dem Beobachter, den es tatsächlich gibt, wird ein separater Handlungsfaden gewidmet. Dabei werden die Fragmente der Einzelgeschichten immer stückchenweise abwechselnd serviert, wodurch das Spannungsniveau fortwährend ansteigt. Mit dem filigranen Geschick eines jungen indischen Teppichknüpfers verwebt Henrike Spohr die einzelnen roten Fäden zu einem Gesamtkunstwerk, in dem sich die inhaltlichen und personellen Zusammenhänge mit zunehmender Seitenzahl immer weiter erschließen. Der eigentliche Clou der Geschichte bleibt dennoch eine große Überraschung und schenkt dem Roman das Tüpfelchen auf dem i, das eine gute Geschichte in eine hervorragende Geschichte verwandelt.

Neben der eigentlichen raffinierten Erzählung erhält »Heilbronn 37°« einen kleinen mysteriösen Bonus durch eine Katze, die immer wieder auftaucht, zum Teil aus dem Nichts, wie man meinen könnte. Ihr regelmäßiges Erscheinen rundet die ohnehin gelungene Atmosphäre des Buches bestens ab.

Will man unbedingt ein Haar in der Suppe finden, dann könnte man anmerken, dass die letzten anderthalb Seiten des Buchs vielleicht ein Stück zu stark darauf getrimmt waren, den Leser mit einem wohligen Gefühl zu verabschieden. Dieser Eindruck könnte allerdings auch der Tatsache geschuldet sein, dass die rezensierende Leserkanone-Redakteurin eine Federfuchserin ist. Da diese Episode nur einen verschwindend kleinen Bruchteil am Buch ausmacht und nichts mehr mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat, ändert sie ohnehin nichts am hervorragenden Gesamteindruck, den »Heilbronn 37°« hinterlässt. Den Leser erwartet ein klug ausgearbeiteter und bis zum Ende spannender Roman, der die Emotionen der Beteiligten sehr gut auf ihn überträgt und ihn so fesselt, dass er nur ungern Lesepausen einlegt. Das gilt für Einwohner von Heilbronn vermutlich ganz besonders, aber auch denjenigen, die die Käthchenstadt nur vom Etikett ihrer letzten Weinflasche kennen, kann man »Heilbronn 37°« uneingeschränkt empfehlen.
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