Buchrezension - Angélique Mundt: »Denn es wird kein Morgen geben«

Sobald ein Buch bei der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de von zehn oder mehr Lesern bewertet wurde, wird es automatisch mit der erreichten Durchschnittsnote in deren Büchercharts platziert. Vor wenigen Tagen erhielt der im März erschienene Kriminalroman »Denn es wird kein Morgen geben« von Angélique Mundt seine zehnte Note und liegt zum jetzigen Zeitpunkt bei einer 1,5. Fans des Genres bewerten Romane traditionell recht kritisch, weswegen die sehr gute Note besonders erstaunlich ist. Tatsächlich handelt es sich um die die bislang zweitbeste Bewertung für einen Krimi, der in diesem Jahr erschienen ist. Für die Redakteure der Webseite war dies Grund genug, sich selbst ein Bild von der Qualität des Buches zu machen.

Die Hamburgerin Angélique Mundt wurde 1966 geboren, studierte Psychologie und arbeitete lange Zeit in der Psychiatrie, ist seit 2005 als Psychotherapeutin mit einer eigenen Praxis selbständig und arbeitet zudem ehrenamtlich für die Krisenintervention des Deutschen Roten Kreuz, die überlebenden Opfern und Angehörigen bei möglicherweise traumatisierenden Erlebnissen hilft. Im Jahre 2013 verfasste sie mit »Nacht ohne Angst« ihren ersten Kriminalroman. Hauptfigur war eine Dame namens Tessa Ravens - passenderweise eine Hamburger Psychotherapeutin vom Kriseninterventionsteam. Damit konnten die Leser direkt von vornherein davon ausgehen, dass da eine Autorin am Werk ist, die weiß, wovon sie spricht. In »Denn es wird kein Morgen geben« schickt Angélique Mundt ihre Protagonistin zum zweiten Mal auf literarische Reise. Das Buch wurde vom btb Verlag herausgegeben, ist rund 300 Seiten stark und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro, als E-Book einen Euro weniger.

Das Buch beginnt damit, dass eine Frau namens Elisabeth König ihren vierzigjährigen Ehemann Martin vermisst, einen allseits beliebten Feuerwehrmann und Rettungsassistenten. Tessa Ravens soll sich um die aufgelöste Frau kümmern, geht allerdings davon aus, dass sie nicht viel mehr tun können wird als sie zu beruhigen und nach Hause zu bringen, denn Martin ist erst seit einem Tag nicht mehr aufzufinden. Da ein Streit vorausging, wird anfangs davon ausgegangen, dass der Feuerwehrmann einfach nur vorübergehend verschwunden ist, um seine Nerven abzukühlen. Schnell zeigt sich jedoch, dass ein viel größeres Problem vorliegen dürfte: Martin König hat offenbar Fotos seiner kleinen Tochter Amelie aufgenommen. Fotos, die von keiner Fünfjährigen gemacht werden sollten, und von der eigenen Tochter schon gar nicht. Und wenig später wird alles noch viel dramatischer, denn König wird mit einem Einschussloch an der Schläfe aufgefunden.

Die Ermittlungen im Fall des Mordes an Martin König werden von Hauptkommissar Torben Koster übernommen, der in Angélique Mundts erstem Roman bereits eine tragende Rolle gespielt hatte. Koster und Tessa Ravens hatten einst eine kurze Liaison, seit über einem Jahr haben sie jedoch nichts mehr voneinander gehört. Nun ist Koster, der inzwischen von seiner damaligen Ehefrau Jasmin getrennt ist, dazu gezwungen, mit Tessa an einem Strang zu ziehen, um den Fall aufzuklären. Und so viel kann man schon vorwegnehmen: Dass die beiden ihre gemeinsame Geschichte in den Griff bekommen, wird bitter nötig werden.

Ebenfalls vorangestellt werden kann, dass der Roman nichts für diejenigen Leser sein dürfte, die auf ein besonders großes Spektakel und abgedehte Action Wert legen. Das Buch wird auf seinem Cover explizit als »Kriminalroman« bezeichnet und nicht als »(Psycho-) Thriller«, wie es seit der Jahrtausendwende bei so vielen Büchern Mode geworden ist, denen ein Verbrechen zugrunde liegt und die eine hohe psychologische Komponente in sich bergen. Stattdessen ist »Denn es wird kein Morgen geben« ein bewusst entschleunigtes Buch, das mit Bedacht erzählt wird und Wert auf Details legt. Das Erzähltempo ist niedrig gehalten, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass Angélique Mundt die Geschichte in lediglich sieben (sehr lange) Kapitel unterteilt hat. Am Spannungsfaktor ändern das Tempo und der Verzicht auf spritzendes Blut jedoch nichts - im Gegenteil, dieser ist stets auf hohem Niveau, und die eingestreuten Wendungen wirken umso besser dosiert und wirkungsvoller, die letztliche Auflösung des Falles umso überraschender.

So gut der eigentliche Kriminalfall auch entschlüsselt wird, die größte Stärke der Autorin liegt in der menschlichen Komponente. Angélique Mundt hat starke Charaktere geschaffen, Figuren mit Ecken, Kanten und Vergangenheit, die äußerst glaubwürdig daherkommen und immer wieder den Eindruck erwecken, sie seien aus dem richtigen Leben herausgeschnitten worden. So entwickelt sich das Zusammenspiel zwischen Tessa Ravens und Torben Koster ähnlich fesselnd wie die Klärung des Falls. Angesichts ihrer gemeinsamen Vergangenheit und alledem, was seitdem geschehen ist, erlebt der Leser hier kein reibungsloses Zusammenspiel, sondern ein vorsichtiges Abklopfen, in dem die beiden immer wieder vor der inneren Zerrissenheit stehen, ihre Emotionen zugunsten der fachmännischen Arbeit zurückstehen zu lassen und die bewusst aufgebaute Distanz zu überwinden. Dabei werden selbst kleine Gesten bedeutungsschwanger, und man fühlt sich den Figuren näher und verbundener, als es schwere Schicksalsschläge vollbringen könnten, die in anderen Büchern den Protagonisten zu diesem Zwecke auf den Leib geschrieben werden.

Die emotionale Kraft in den Worten Angélique Mundts zeigt sich wohlgemerkt nicht nur in der besonderen Spannung zwischen Tessa und Torben, sondern sie kommt immer dann zum Tragen, wenn sie Figuren miteinander interagieren lässt. Besonders deutlich wird es dann, wenn die Interaktion heikel ist, etwa dann, wenn die fünfjährige Amelie unmittelbar involviert wird.

Mit »Denn es wird kein Morgen geben« hat es Angélique Mundt geschafft, einen Kriminalroman zu schreiben, der von der Vermisstenmeldung auf den ersten Seiten an unmittelbar zu fesseln weiß und der den Leser bis zum Ende gefangen hält, der mit leisen Tönen arbeitet, diese aber lautstark im Kopf des Lesers widerhallen lässt und der das Kunststück vollbringt, ein Interesse an den Figuren zu wecken, das weit über die Lösung des eigentlichen Falles hinausgeht. Deshalb kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden und es bleibt zu hoffen, dass Angélique Mundt in Zukunft noch häufiger nach Hamburg zu Tessa Ravens einladen wird.
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