Bettina Szrama: »Die Magnatin«

Nicht viele historische Figuren waren für Künstler aller Arten so inspirierend wie die »Blutgräfin« Elisabeth Báthory, die vor rund 400 Jahren in Ungarn als Serienmörderin verurteilt wurde und nach unterschiedlichen Zeugenaussagen ein paar Dutzend, nach anderen Aussagen sogar mehrere hunderte Mädchen getötet haben soll. Erste literarische Aufarbeitungen gab es schon vor 200 Jahren, in moderneren Erwähnungen wurde sie von prominenten Autoren wie Bram Stokers Neffen Dacre, Fantasy-Spezialist Kai Mayer und Marathonschreiber Wolfgang Hohlbein aufgegriffen, der Schwede Thomas Forsberg benannte seine Band nach der Gräfin und begründete ein ganzes Musikgenre, die Computerspieleschmiede Blizzard baute sie in den zweiten Teil ihrer Erfolgsserie »Diablo« ein ... und das ist nur ein Bruchteil ihrer modernen Erwähnungen. Relativ oft beschränkten sich die Darstellungen auf einen vollkommen entarteten Geist und das angebliche Baden in Blut. Historienroman-Fachfrau Bettina Szrama widmete der ungarischen Adligen ihren Roman »Die Magnatin« und ging dabei ein gewaltiges Stück tiefer in die Materie. Eben dieses Buch habe wir sich die Redakteure der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de einmal genauer angesehen.

Bettina Szrama stammt ursprünglich aus der geschichtsträchtigen Alchemistenstadt Meißen, ließ ihr literarisches Talent zu DDR-Zeiten zunächst jedoch schlummern und widmete sich der Landwirtschaft und den Pferden. Nach dem Fall der Mauer entschied sie sich dann dazu, ihre schriftstellerischen Fähigkeiten nicht länger im Verborgenen zu lassen und verfasst seit nunmehr zwei Jahrzehnten Bücher. Statt für lebendige Pferde ist sie mittlerweile für ein Steckenpferd bekannt, das sie in Form der historischen Kriminalliteratur für sich gefunden hat. Sie hat inzwischen schon so viele erfolgreiche Romane dieser Gattung geschrieben, dass es nur schwer erklärbar ist, wieso sie noch keinen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. »Die Magnatin« wurde vor zwei Monaten vom Hamburger Acabus-Verlag veröffentlicht, ist rund 350 Seiten stark und sowohl als broschiertes Taschenbuch für für 13,90 Euro als auch als E-Book für 6,99 Euro erhältlich. Ehe übrigens Unverständnis aufkommt, was mit dem Titel gemeint sein könnte: Als »Magnaten« bezeichnet man Angehörige des ungarischen Hochadels, andernorts wird der Begriff ab und an ebenfalls verwendet.

Die eigentliche Hauptfigur von Frau Szramas Roman ist nicht Elisabeth Báthory-Nádasdy selbst, sondern eine junge Adlige namens Susanna von Weißenburg, die das von der Gräfin produzierte Schreckensszenario überlebt hat. Susanna erzählt rückblickend von der Zeit, die sie am Hof der berühmten Gräfin verbrachte. Damit unterscheidet sich »Die Magnatin« bereits von vielen anderen historischen Romanen, die im Regelfall immer aus einer Draufsicht geschrieben werden. Stattdessen verwendet Bettina Szrama das Schema, das beispielsweise Umberto Eco anwendete, als er den »Namen der Rose« aus der Sicht von Adson von Melk schrieb, also die Sicht einer zwar beteiligten Person, jedoch nicht der eigentlich spektakulären Figur. Damit enden die Gemeinsamkeiten nicht, denn beiden Büchern ist auch noch eine andere Sache gleich: Die exzellente Recherchearbeit. Bettina Szrama vermittelt in ihrem Buch so viel Wissen, dass auch ein Sachbuch Schwierigkeiten hätte, mitzuhalten, und es vergeht eigentlich kaum eine Seite, bei der man nicht von dem Gefühl übermannt wird, dass dafür äußerst lange recherchiert wurde.

Obgleich der Faktor Fantasie nicht gänzlich beiseite geschoben wurde - die erzählte Geschichte der Susanna von Weißenburg ist genauso fiktional wie diese Figur selbst - hält sich Bettina Szrama in ihrem Buch äußerst streng an die tatsächlichen Begebenheiten dieser Epoche. Es gibt Stellen, an denen man das Gefühl hat, man müsste ein wenig mehr Vorwissen über die politischen Hintergründe des von Kriegen geschüttelten Ungarns zu jener Zeit und handelnden Akteure mitbringen, allerdings ist dies für das Verständnis der eigentlichen Geschichte nur von untergeordneter Bedeutung. Letztlich wäre es vermutlich übertrieben gewesen, noch weitere Fakten zu vermitteln, denn schließlich sollte das Ganze ein lesenswerter Roman bleiben und keine geschichtliche Abhandlung werden. Und so viel kann man sagen: Der Mittelweg wurde auf eine sehr gute Weise gefunden.

Die verarmte Edelfrau Susanna gelangt gemeinsam mit einer Zofe und ihrem treuen Diener an die Burg Sárvár, die man auch heute noch in der gleichnamigen kleinen ungarischen Stadt unweit der Grenze zu Österreich besichtigen kann. Dort ist Susanna zunächst geblendet von all dem schönen Prunk, mit dem der Hochadel aufzuwarten weiß, weswegen ihr all das, was hinter der schillernden Fassade geschieht, zunächst entweder verborgen bleibt oder sie auf die (eigentlich deutlichen) Zeichen nicht konsequent genug reagiert. Deshalb verbleibt sie auch nach Warnungen weiter am Schloss der gefährlichen Gräfin und flieht selbst dann nicht, wenn man an ihrer Stelle schon längst das Weite gesucht hätte. Als sonderlich schön kann man Susannas Leben am Hofe wahrlich nicht bezeichnen, im Gegenteil - es kommt beinahe zu einer Vergewaltigung durch Elisabeths Bruder István, ihr treuer Diener wird als Mörder verurteilt und verstümmelt, nachts gellen Todesschreie durch das Schloss ... und für sie persönlich wird es schlimmer und schlimmer. Als Leser verfolgt man ihren Weg, und dieser ist definitiv ein fesselnder.

Der Charakter der Susanna durchlebt im Laufe des Buches eine Entwicklung von einer anfangs sehr blauäugig agierenden Person zu einer Frau, die leidet und schließlich die Zustände hinterfragt. Das Ganze wird schlüssig vorgetragen, wenngleich man ab und zu den Eindruck hat, dass fast ein wenig zu viel geschehen musste, ehe ihre persönliche Entwicklung einsetzt. Die eigentlich faszinierende Protagonistin ist natürlich die Gräfin selbst, die im Laufe des Buchs immer brutaler wird und zwei Identitäten zu haben scheint. Zwischen diesen konnte auch die richtige Elisabeth Báthory offenbar wechseln - ein Aspekt, der bereits in Form eines Zitats auf dem Backcover des Buchs angedeutet wird. Bettina Szrama beschränkt sich in ihrer Darstellung der Serienmörderin nicht auf die Taten selbst, sondern analysiert im Vorbeigehen, was zu ihrem Verhalten geführt haben könnte. Dafür fand die Autorin Platz, weil sie während ihren Recherchen sowohl auf Indizien einer psychischen Störung als auch auf Merkmale stieß, die die Blutgräfin mit vielen anderen Serienmördern teilt.

»Die Magnatin« ist ein Roman, den man nicht pauschal allen Lesern empfehlen kann, es sollten zwei Grundvoraussetzungen mitgebracht werden. Zum einen ist die grausame Szenerie inklusive Folter und allem Drum und Dran für zart beseelte Persönlichkeiten vermutlich nur bedingt geeignet. Allerdings ist das Maß an Härte nicht beliebig von der Autorin festgesetzt worden, um Aha-Effekte zu erzeugen und aufzurütteln, sondern den historischen Fakten geschuldet. Die Fakten sind der zweite Aspekt, der dazu führt, dass »Die Magnatin« nicht für jedermann geeignet ist: Einige Szenen, in denen sich Bettina Szrama an der Historie abarbeitet und Details widergibt, können nicht immer zwingend als »spannend« umschrieben werden. Stattdessen sind sie in höchstem Maße interessant. »Die Magnatin« ist deshalb weniger ein Buch für solche Leute, die sich durch einfache historische Romane ein wenig berieseln lassen wollen, sondern für solche, die eine handfeste und unterhaltsame Geschichte lesen wollen, die ein detailreiches, umfassendes und glaubwürdiges Bild der Zeit und historischen Figuren zeichnet. Sprich: Leser, die auch ein tatsächliches Interesse an Informationen haben. Für diese ist das Buch eine exzellente Mischung, und da sich die Rezensentin selbst als solche sieht, kann sie ihre beiden Daumen bei der Beurteilung kerzengrade nach oben strecken und das Buch den beschriebenen Adressaten wärmstens empfehlen.
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