Wiebke Lorenz: »Bald ruhest du auch« - Eine Rezension

Die äußerst vielseitige Wiebke Lorenz, die in den vergangenen Jahren sowohl mit Frauenromanen, Kinderbüchern, Drehbüchern als auch Zeitungsbeiträgen für Aufsehen sorgte, veröffentlichte im März diesen Jahres mit »Bald ruhest du auch« ihren zweiten Thriller. Seither fand das Buch bei den Besuchern der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de erstaunlich großen Anklang, ist bis dato eines der am besten bewerteten Bücher des Jahres und landete wiederholt in den Tagescharts, mehrfach sogar auf dem ersten Platz. Grund genug für Leserkanone-Redakteurin Ramona Mädel, sich einmal genau anzusehen, was für den großen Zuspruch sorgt.

»Bald ruhest du auch« erzählt die erschreckende Geschichte Lenas, einer Frau in den Dreißigern, die ihren Ehemann bei einem Autounfall verliert. Zum Zeitpunkt ihres Verlusts ist Lena hochschwanger. Als wäre der Trauerfall noch nicht schlimm genug, verschwindet Töchterchen Emma kurz nach der Geburt, sie wird in einem Moment der Unachtsamkeit der Mutter aus der eigenen Wohnung geraubt. Schon bald zeigt sich, dass Emma entführt wurde, um Lena gezielt zu schaden, denn der Täter beginnt, ein perfides Spiel mit ihr zu spielen.

Eines ist gleich vorweg zu schicken: »Bald ruhest du auch« ist nichts für zartbesaitete Leserinnen und Leser, denn Wiebke Lorenz geizt nicht mit drastischen Worten und schonungslosen Darstellungen. Gleich zu Beginn, als der Unfall von Lenas Mann beschrieben wird, wird die Richtung vorgegeben, so unbarmherzig geht die Autorin ins Detail. Mag man zu diesem Zeitpunkt noch glauben, dass es sich um einen einzelnen gezielten Schockmoment handelt, um die Aufmerksamkeit der Leser zu wecken, so sieht man sich alsbald getäuscht. Das Buch bleibt unerbittlich. Dass einer jungen Mutter das kleine Baby aus dem Kinderbett genommen wird, erscheint bereits wie das schlimmstmögliche Schicksal, das einer Person wie ihr zustoßen kann, doch es ist nur der Anfang. Lena wird von Wiebke Lorenz psychisch gequält, Leichen pflastern ihren Weg, und nicht einmal ihr vierbeiniger Freund bleibt verschont. Im Gegenteil, das Unheil, das einem freundlichen Labrador in »Bald ruhest du auch« droht, dürfte viele Leser bis an ihre Schmerzgrenze oder darüber hinaus führen.

Der Blickwinkel der Leser wird nahezu ausschließlich auf Lena und ihr Innenleben gerichtet. Nur in wenigen Momenten wechselt Wiebke Lorenz in die Ich-Perspektive, um kurze Einblicke in die Gemütslage des bis dahin unbekannten Täters zu gestatten. Ansonsten wird durchgehend Lenas Lebens- und Leidensweg verfolgt, einmal als Rückblick auf die Beziehung zu ihrem Mann, einmal als gegenwärtige Betrachtung der Extremsituation nach Emmas Entführung. Die dadurch entstehende große Nähe zur Protagonistin, die durchgängig aufrechterhalten wird, lässt die Ereignisse umso drastischer erscheinen, verdichtet die Atmosphäre, erhöht die Spannung ungemein und lässt die Lesernerven flattern. In einem Leserkanone-Kommentar wurde angemerkt, dass es nicht immer leicht wäre, sich in Lena hineinzuversetzen, da sie schnell hitzig argumentieren und zu Streits neigen würde, doch dem kann man sich nicht anschließen. Im Gegenteil, bei einer Frau, die eine solche Stafette an Katastrophen erleben muss, wie es Lena in diesem Buch geschieht, wäre alles andere als ein heftiges (Über-) Reagieren weder angebracht noch realistisch. Da macht es auch keinen Unterschied, dass die Gereiztheit der Protagonistin auch schon mal die arglose achtzigjährige Nachbarin trifft. Lenas Verhalten verdeutlicht vielmehr, wie realitätsnah Wiebke Lorenz das emotionale Chaos im Kopf eines Opfers abbildet.

Das Buch lebt von der Intensität der Zwischenfälle und der großen Belastung, der die Protagonistin – und damit auch der Leser – ausgesetzt wird. Wiebke Lorenz gibt Lena mehrere Verdächtige an die Hand, die allesamt schlüssig erscheinen, denen man solche Greueltaten aber eigentlich nicht zutrauen würde, weswegen man hin- und hergerissen wird und sich häufig auf falschen Fährten wiederfindet. Schlussendlich wird sich zeigen, dass das Raffinierte an dem Roman nicht einfach nur in der Frage besteht, wer hinter allem steckt, sondern warum der Täter dazu getrieben wurde. Eines kann man versprechen: Die Erklärung dürfte viele Leser erstaunen.

Thrillerfans werden bei »Bald ruhest du auch« voll und ganz auf ihre Kosten kommen, sofern sie selbst einem Kriterium entsprechen: Sie müssen hartgesotten sein. Vor allem Mütter und Hundebesitzer werden mehrfach schwer schlucken müssen. Ist man bereit für einen Thriller, der die größtmögliche Belastbarkeit des Lesers ausloten will, dann erhält man mit »Bald ruhest du auch« eines der besten Bücher dieses Frühjahrs.
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