Interview mit Thriller-Autor Alexander Hartung

Alexander Hartung

Alexander Hartung ist mit seinen Jan-Tommen-Thrillern höchst erfolgreich. So kam es, dass die Bücher im Juli zwischenzeitlich hintereinander auf den ersten drei Plätzen der Krimi- und Thriller-Verkaufscharts von Amazon standen. Im Interview mit der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de sprach Hartung über den Erfolg seines aktuellen Romans »Wenn alle Hoffnung vergangen«, den Rechercheaufwand, den er für seine Bücher betreibt, und über den deutschsprachigen Buchmarkt.

– Herr Hartung, ihr aktueller Roman »Wenn alle Hoffnung vergangen« wurde von den Besuchern unserer Seite sehr gut angenommen. Seit Wochen wurde es immer wieder in die Lesercharts gewählt, mehrfach rangierte es auf dem ersten Platz. Die guten Noten kamen zustande, obwohl die Leser von Thrillern in der Regel dazu neigen, mit Bestnoten zu geizen und viel kritischer zu sein als etwa die Leserinnen von Young-Adult-Romanen. Ihr Buch hingegen schnitt hervorragend ab. Wie erklären Sie sich selbst, dass Ihr Roman trotz zahlreicher anderer namhafter Veröffentlichungen so herausstechen konnte, was macht den besonderen Reiz daran aus?

Den eigenen Erfolg eines Buches zu erklären, ist sehr schwer, weil man nicht in die Köpfe der Leser sehen kann, sonst würde jeder Autor nur Bestseller schreiben.
Glücklicherweise haben sich viele Leser die Mühe gemacht Rezensionen zu schreiben (auch bei Leserkanone) und bei Leserunden mitzumachen. Von diesem zahlreichen Feedback (das ich sehr genau lese und ernst nehme) scheint es die Mischung aus Spannung und Humor zu sein, die den Erfolg ausmacht. Die Geschichte hat ein hohes Erzähltempo, hält den Leser bei der Stange und das ungewöhnliche Ermittlerteam hebt sich von den anderen Ermittlerteams in der Krimi-Literatur ab.
Ich muss aber auch zugeben, dass ich von dem Erfolg ein wenig überrascht bin, gerade weil die »Konkurrenz« im Krimisektor ja mehr als beeindruckend ist.

– Falls trotz des Erfolgs und der guten Bewertungen noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von Ihrem Roman genommen haben sollte: Könnten Sie unseren Lesern »Wenn alle Hoffnung vergangen« kurz mit eigenen Worten vorstellen?

»Wenn alle Hoffnung vergangen« beginnt mit einem anfänglich normal wirkenden Mordfall, der immer größere Kreise zieht und weitere Opfer fordert. Dabei stoßen die Ermittler immer wieder über ein mysteriöses Projekt namens PERV9. Damit die Wahrheit hinter PERV9 nicht an die Öffentlichkeit gelangt, geraten die Ermittler selbst in die Schusslinie, denn ihr Gegner scheint keine Skrupel zu kennen …
Aus schriftstellerischer Sicht war das Projekt interessant, weil ich zwei parallele Handlungsstränge an verschiedenen Orten (Berlin und Mannheim) zusammenführe.

– Ihr Buch markiert bereits den dritten Auftritt des von Ihnen erschaffenen Kommissar Jan Tommen und seinem Team. War von Anfang an geplant, ihn zum Protagonisten einer ganzen Serie an Büchern werden zu lassen? Und nachdem Tommen Ihr Leben nun schon seit mehreren Jahren begleitet: Was schätzen sie selbst an ihm und seiner Ermittlungsarbeit?

Ich hatte schon immer viele Ideen für Krimis. Einerseits ist es natürlich einfacher immer die gleichen Ermittler zu nehmen, weil man das Grundgerüst nicht immer neu stricken muss. Ein weiterer Vorteil ist aber die Charakterentwicklung, die man bei einer Serie viel besser ausprägen kann. In Band 3 erfahren die Leser mehr über Zoe tragische Familiengeschichte (und warum sie so ist, wie sie ist), in Band 4 werde ich ein Geheimnis von Chandu lüften. Das ließe sich unmöglich in eine Buch packen.
Ich persönliche lese auch sehr gerne Serien – vielleicht ist das mit ein Grund, warum ich eine schreibe. Meine absolute Lieblingsserie ist Harry Dresden von Jim Butcher, aber auch Rizzoli & Isles von Tess Gerritsen oder Agent Pendergast von Preston & Child.
Jan Tommen ist ein leidenschaftlicher Ermittler mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, vielleicht nicht immer der Hellste, aber dafür hat er ja seine Freunde. :-)

– Sie sind eigentlich studierter Volkswirt und haben als Unternehmensberater gearbeitet. Was hat dazu geführt, dass Sie aus dem Bereich der Wirtschaft kommend ausgerechnet im Thriller-Bereich gelandet sind? Was fasziniert Sie persönlich an diesem Genre? Und woher nehmen Sie die Ideen und Inspirationen zu den Morden, die in jedem Ihrer Thriller vorkamen, und den dahintersteckenden Geschichten?

Beratung und IT sind Gebiete, die vielleicht sehr arbeitsintensiv sind, aber keinerlei Kreativität benötigen und sehr langweilig werden können. Um diese Lücke zu schließen, habe ich mit dem Schreiben angefangen. Außerdem hatte ich schon immer eine blühende Fantasie.
An Thrillern und Krimis mag ich das Unvorhersehbare, die Spannung und das Mitermitteln. Seit ich das erste Mal die Verfilmung von »Mord im Orient Express« gesehen habe, bin ich diesem Genre verfallen.
Die Ideen können auf unterschiedliche Art kommen, durch Zeitung, Nachrichten, Bücher und Filme. Die Einflüsse sind zahlreich. Irgendwann bildet sich in meinem Kopf eine grobe Grundidee, die ich weiter ausarbeite oder eben fallenlasse, wenn sie keinen Stoff für einen ganzen Roman bietet.

– Wie schaffen Sie es, als »Fachfremder« die Arbeit eines Ermittlers wirklichkeitsgetreu abzubilden? Informieren Sie sich bei Spezialisten und/oder stellen Sie umfassende Recherchen an? Welcher Aufwand steckt grundsätzlich in einem Buch wie »Wenn alle Hoffnung vergangen«?

Ohne Experten ist es schwierig. Ich habe Freunde die Ärzte und Juristen sind, das erleichtert viel. Bezüglich der Ermittlungsarbeit habe ich Leitfaden, mit denen sich angehende Kripo-Beamte und Polizisten auf Prüfungen vorbereiten (also richtige Lehrbücher).
Der Aufwand ist schwer zu schätzen aber (Dank Internet) nicht so hoch, wie es bspw. bei historischen Romanen wäre, weil es für Letztere viel weniger Material gibt. Für Band 4 beschäftige ich mich zurzeit mit Gesichtsrekonstruktion. Dazu habe ich ein Fachbuch und schaue Videos über den Berufszweig.

– Sie stammen aus Mannheim und leben auch in Mannheim. Jan Tommen aber lassen Sie in Berlin agieren, das in Ihrer Zeit als Unternehmensberater Ihre Heimat war. Was brachte Sie dazu, auf literarischem Weg in die deutsche Hauptstadt zurückzukehren? Bietet Mannheim nicht genügend kriminellen Flair?

Tatsächlich ist Mannheim eine relativ ruhige Stadt. In der letzten Kriminalstatistik 2014 lagen wir auf Platz 32 bei Fällen pro 100 000 Einwohner. Weiterhin hat Mannheim nur 300.000 Einwohner, also weniger als 10% von Berlin, daher bietet Berlin einfach mehr von allem, im Guten, aber leider auch im Schlechten. Bspw. gab es 2014 in Berlin 131 Morde. In Mannheim gab es in dieser Zeit keinen einzigen, daher ist mein Heimatstadt nicht geeignet um ständig Serienmörder herumlaufen zu lassen. :-) Auch wegen der Größe der Stadt bietet Berlin mehr Handlungsorte, an denen ich die Geschichte spielen lassen kann.
Ungeachtet der Statistik bin ich immer gerne in Berlin und freue mich auf meinen nächsten Besuch im Oktober.

– Sie sind inzwischen eine feste Instanz unter den deutschen Thriller-Autoren. Ihre drei Jan-Tommen-Romane landeten allesamt in unseren Lesercharts, bei Amazon standen die Bücher im Juli hintereinander auf den ersten drei Plätzen der Krimi- und Thriller-Verkaufscharts. Haben Sie seit der Veröffentlichung Ihres ersten Buchs spezielle Eindrücke gesammelt oder gibt es Vorschläge und/oder Kritikpunkte, die Sie mit Ihren Lesern teilen oder Ihnen mitteilen möchten? Was wünschen Sie sich vom deutschsprachigen Buchmarkt im Allgemeinen und von Ihrer Leserschaft im Speziellen?

Als feste Instanz hätte ich mich noch nicht gesehen, aber es freut mich, dass Sie und die Leser es so empfinden. :-)
Mit den Krimi-Lesern habe ich nur gute Erfahrungen gemacht, egal in welcher Art und Weise ich mit Ihnen in Kontakt gekommen bin. Ich schätzte ihre Begeisterungsfähigkeit, aber auch ihre Art Kritik zu üben, wenn ihnen mal etwas nicht passt. Das ist nicht in jedem Genre so.
Gerade die Rezensionen und Besprechungen zum ersten Buch haben mir geholfen, das Profil der Serie zu schärfen. Da sind das Internet, und Seiten wie die Leserkanone, wirklich ein Segen.
Was meine Bücher betrifft, so ist man als Autor nie wirklich zufrieden. Kaum ist das Buch veröffentlicht, findet man schon wieder etwas, das man anders machen will.
Der deutschsprachige Buchmarkt hat die letzten Jahre (Gott sei Dank) eine Wandlung vollzogen. Verlage wie Amazon Publishing oder auch die Möglichkeiten des Self-Publishings haben viele neue Möglichkeiten eröffnet. Wenn man vor zehn Jahren ein Buch veröffentlichen wollte, dann ging das ausschließlich über einen Verlag. Kein Verlag, kein Buch. Das hat es vor allem für Nischenliteratur sehr schwierig gemacht.
Heute kann ich mein Manuskript hochladen und mich der Lesermeinung stellen. Ich brauche niemand um Erlaubnis bitten. Das zwingt auch einige alteingesessene Verlage zum Umdenken, daher bin ich mit der momentanen Entwicklung des Buchmarktes zufrieden, auch wenn nicht alles »Neues« gut ist.

– Was halten Sie von Zusammenschlüssen wie dem »Syndikat«, der Autorengruppe deutschsprachiger Kriminalliteratur, in der die meisten deutschsprachigen Krimi-Autoren und -Autorinnen vereinigt sind? Warum sind Sie trotz des Namens, den Sie sich als Autor gemacht haben, kein Mitglied der Gruppe?

Was das Syndikat betrifft, so habe ich mich letzte Woche dort beworben und hoffe auf Aufnahme. :-) Ich glaube, dass solche Zusammenschlüsse hilfreich für Autoren sind, weil man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann.

– Was können wir von dem Autor Alexander Hartung in der nächsten Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung? Wird man Sie in der nächsten Zeit bei Lesungen und auf Messen live erleben können?

Ich werde Ende des Jahres Band 4 der Jan-Tommen-Serie abschließen – erscheinen wird es im Frühjahr 2016. Momentan bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden und optimistisch, dass es an die anderen drei Bände anknüpfen kann. Auch wird Band 4 nicht der Letzte der Serie sein.
Ich bin im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse, wahrscheinlich auch bei einer Signierstunde, aber die genauen Termine stehen noch nicht fest. Sobald ich mehr weiß, werde ich sie auf meiner Facebook-Seite posten. Sicherlich werde ich auch auf der Leipziger Buchmesse im März 2016 sein.
Die Messen sind für mich echte Highlights, weil ich dort die Leser persönlich treffen kann, was mir immer viel Spaß macht. Also kommt auf einen kleinen Plausch vorbei …
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