Interview mit Schriftstellerin Bettina Szrama

Bettina Szrama
Seit vielen Jahren begeistert Bettina Szrama vor allem die Fans historischer Romane mit ihren Büchern. In ihrem aktuellen Buch, das vor wenigen Wochen erschien und den Titel »Die Magnatin« trägt, beschäftigt sie sich mit der berühmtesten Serienmörderin der Geschichte. Im Interview mit der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de sprach die Expertin für das historische Verbrechen über das Leben von »Lady Dracula« Elisabeth Báthory, über die Aufarbeitung historischer Fakten in lesenswerten Romanen und über ihre anstehenden Projekte und Lesungen.

– Frau Szrama, vermutlich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von Ihrem Buch genommen. Könnten Sie unseren Lesern »Die Magnatin« kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Das mache ich gern: Elisabeth Báthory (1560-1614) entstammte einer der mächtigsten ungarischen Familien. Sie ging als berühmteste Serienmörderin der Geschichte mit 650 Morden in das Guinness-Buch der Rekorde ein. Jahrhundertelang hat ihr Leben die Fantasie von Dichtern, Romanautoren und Wissenschaftlern beflügelt. Sie machten sie bekannt als »Lady Dracula«, die regelmäßig für ihre Schönheit im Blut ihrer Dienerinnen badete.

Letzterem wollte ich mich mit meiner Geschichte stellen. Denn die Báthory war eine intelligente Frau, die sieben Sprachen sprach, den Haushalt ihres Stammsitzes Sárvár mit fester Hand allein führte und das riesige Erbe der Kanizsay und der Nádasdy für ihren Mann verwaltete. Ihr Gatte war nur selten Zuhause und ging mit den Namen »Der schwarze Ritter« in die Geschichte ein. Franz Nádasdy war ein Kriegsherr und ständig unterwegs um seine Besitztümer gegen die Türken zu verteidigen. Die Gräfin war in ihrer Jugend sehr schön, war ein gern gesehener Gast beim Kaiser und liebte ihre beiden Töchter, ihre Hunde und Pferde. Als mächtige Herrscherin hielt sehr gerecht und weise in ihren Ländereien Gericht.

Mich wunderte, warum man sich in Schilderungen, Romanen und Filmen immer auf die düstere strategische Wehranlage Cachice beschränkte? Zugegeben, die schmucklose Burg passt zur düsteren Vampir-Saga. Die Morde hier waren die Taten einer alternden, vom Wahn befallenen Gräfin. Hier wurde sie für ihre Taten eingemauert. Aber sie hatten bereits viel früher begonnen, auf ihrem prunkvollen Sitz in Sárvár. Wenn man bedenkt, dass Blut sehr schnell gerinnt und ein übler Brei entsteht und wie viele Mädchen für eine Wanne geopfert werden müssten, ist diese Saga eigentlich Unsinn. So viele Opfer hätte Elisabeth auf die Schnelle gar nicht auftreiben können, zumal die Suche nach neuen Opfern sich zur damaligen Zeit in Ungarn und Transsilvanien nicht leicht gestaltete.

Im Gegenteil, an ihrem Hof in Sávár pulsierte ein reges kulturelles Leben und sie war wohl eine der wenigen Herrscherinnen, die beiden Schichten, Adligen und Bauernmädchen, eine entsprechend gute Ausbildung gab. Ihr Hof war für viele Mädchen das Sprungbrett in eine reiche Ehe. Dennoch ist sie eine der berühmtesten Serienmörderinnen der Geschichte. Die Auslöser dieser mörderischen Entgleisung sind andere; zum einen ihr mächtiger Status, ihre Rolle als reiche Witwe der Krone gegenüber, sowie Kindheitstraumen, Vererbung und negative Einflüsse ihrer Umgebung. Ihr Bruder fuhr zum Beispiel im Sommer Schlitten, ihr Neffe Gabor trieb es, als späterer Fürst von Transsilvanien, noch weitaus schlimmer, ihre Tante Klara war sexsüchtig und brachte ihre Ehemänner um. Bis auf den Großonkel Stephan, 1571-1576 Fürst von Siebenbürgen und 1576, König von Polen und Großfürst von Litauen, machte dieser Zweig der Báthorys von Ecsed ihrem berühmten Vorfahren wenig Ehre.

Die Gräfin selbst litt unter ständigen Kopfschmerzen, sie war hysterisch, narzisstisch und neigte zur Gewalt, was aber zur damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches war. Einsamkeit, unter dem Druck, einen Thronerben das Leben schenken zu müssen, Angst vorm Altern und der Hass auf die Mätressen ihres Gatten, die er sie sich unter ihren Mädchen suchte, sind nur einige Auslöser einer schrecklichen Mordserie. Es ging mir nicht allein um die Figur der berüchtigten Gräfin. Alle Familienmitglieder sollten meiner Geschichte Leben einhauchen. Ich wollte mich nicht nur auf die bereits abgedroschene Mär vom blutbadenden Vampir reduzieren, sondern auch über die schlimme Zeit der Türkenkriege auf dem Balkan und über die Menschen und ihre Schicksale, im wilden urwüchsigen Transsilvanien, berichten.

– Die Blutgräfin Elisabeth Báthory hat schon in vielen Kunstformen Einzug gefunden. Zahlreiche Filme, insbesondere im Horrorfilmsektor, widmeten sich ihr und ihrem fragwürdigen Ruf, unzählige Bands beschäftigten sich mit ihr in ihren Liedern, diverse bekannte Autoren wie Wolfgang Hohlbein und Kai Mayer griffen sie in ihren Werken aus. Was fasziniert Sie selbst so sehr an ihr, dass Sie sie zu einer zentralen Figur eines ganzen Buches machten? Wie kamen Sie ursprünglich auf sie?

Zur Beantwortung dieser Frage muss ich sagen, es ist eindeutig ihre Person, von der eine große Faszination ausgeht. Hierzu habe ich mir auch wissenschaftliche Auswertungen besorgt und sie eifrig studiert. Ich hoffe, es ist mir gelungen, diesen facettenreichen, rasch wandelbaren Charakter vom Guten zum Bösen so darzustellen, dass er meine Leser ebenso für sich einnimmt. Ursprünglich wollte ich nicht über die Gräfin schreiben, obwohl ich mich schon lange mit ihr beschäftigte. Es war einfach schon zu viel auf dem Buchmarkt. Wenn man sie googelt, findet man 266000 Einträge zu diesem Thema, es gibt unzählige Bücher und zwei Filme. Eine Herausforderung, die man sich überlegen sollte, dachte zunächst. Erst, als ich über ihre narzisstische Persönlichkeitsstörung erfahren hatte, fing ich endgültig Feuer. Schon einmal hatte ich eine Serienmörderin, nach dem Motto, warum wird ein Mensch zum Serienmörder, unter die Lupe genommen, den Engel von Bremen, Gesche Gottfried, heute mein Erfolgsroman »Die Giftmischerin«. Diesmal sollte es für mich mehr als nur eine Herausforderung werden – es war eine Kampfansage.

– Ist es einschränkend, sich an einer tatsächlichen Person abzuarbeiten? Hatten Sie bereits im Vorfeld eine Idee zu einer Geschichte, die sie anschließend an die Legenden und Fakten rund um die Blutgräfin anpassen mussten? Oder lief es genau andersherum, lieferte Ihnen die Beschäftigung mit der Person Elisabeth Báthory die Inspirationen, auf deren Basis Sie anschließend ihre Geschichte entwickelt haben?

Die Inspiration zu meiner Geschichte, die, neben sehr viel wahrer Historie, natürlich auch einiges an Fiktion bietet, lieferte mir die Historie selbst. Durch die Zeugenaussage eines Arztes erfuhr ich von einer überlebenden Adligen mit einer Armverletzung. Diese junge Frau aus Siebenbürgen, bei Deutschkreuz, lieferte mir einen großen Teil zu der Story. Aber noch interessanter fand ich Elisabeths Familienmitglieder, insbesondere ihren Neffe Gabor, einen meiner tragenden Protagonisten, bei dem meine Fantasie nur so sprühte und der mich noch heute beschäftigt, so dass ich gedenke, vielleicht noch ein zweites Buch über ihn zu schreiben. Gabor, von brutalen Sexgelüsten geleitet, regierte als Herrscher von Transsilvanien noch grausamer als seine Tante und wurde später von seiner eigenen Dienerschaft ermordet. Aber es gibt auch gute Protagonisten, die bei meiner Reise durch die Geschichte Ungarns meine Fantasie beflügelten. Da ist Graf Emmerich, der Verwalter von Sarvár und Freund des Grafen Franz Nádasdy. Seine Figur eignete sich wunderbar für eine Liebesgeschichte und als Retter. Oder die Zofe meiner Protagonistin Susanna, Katica, eine junge selbstbewusste Frau, die ihre Herrin immer wieder aus gefährlichen Situationen rettet. Je mehr ich über diese Menschen herausfand, umso mehr tauchte ich in ihre wilden Charaktere ein, lernte sie lieben oder hassen. Da ist zum Beispiel eine Szene, in der der sterbende Franz seinen fremd gezeugten Sohn Paul legitimiert. Danach saßen mir die Tränen ziemlich locker, weil ich beide so sehr in mein Herz geschlossen hatte.

– Welche Recherchen haben Sie für Ihr Buch angestellt? Welcher Aufwand steckt generell in einem Roman wie »Die Magnatin«?

Die Recherchen zogen sich wie beim »Henker von Lemgo« über zwei Jahre hin. Sie waren sehr aufwendig und erforderten viel Mühe, Zeit und Nerven. Anfangs besorgte ich mir über Fernleihe alles, was ich über Elisabeth Báthory in der Belletristik und Filmbranche fand. Später recherchierte ich in Archiven, informierte mich über die Landschaften Ungarns, Transsilvaniens und Sloweniens. Ich eignete mir Wissen über die Pflanzen, Tierwelt und das Wetter zur damaligen Zeit an und beschäftigte mich ausgiebig mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Türken, Ungarn und Habsburgern. Gerade bei diesem Thema wollte ich mehr als einmal aufgeben, weil diese Kriege einfach zu verwirrend waren.

– Sie sind nun schon seit vielen Jahren schriftstellerisch aktiv. Haben Sie den Eindruck, dass sich der deutsche Buchmarkt seitdem stark gewandelt hat? Was wünschen Sie sich vom deutschsprachigen Buchmarkt allgemein und von Ihrer Leserschaft im Speziellen?

Wenn ich bedenke, dass ich 1995 mit dem Schreiben begonnen habe, muss ich heute feststellen, dass vieles einfacher geworden ist. Allerdings sich auf dem Buchmarkt zu behaupten, einen guten Verlag zu finden und als Autor anerkannt zu werden, ist schon ein kleiner Kampf, für den es starke Nerven und Durchhaltevermögen bedarf. Die Anzahl der Schreibenden wächst ständig und damit wächst der Konkurrenzkampf, wie in jeder anderen Branche auch. Ein Autor muss sehr viel für die Vermarktung seines Buches tun. Ein Buch bei einem Verlag untergebracht zu haben und nun die Füße hochlegen und zu warten, klappt nicht. Ich sage immer, die eigentliche Arbeit ist nicht das Schreiben, sondern die Zeit danach, wenn das Buch auf dem Markt ist. Jeder Autor muss zugleich ein kleines Werbegenie sein, um sein Werk an den Leser zu bringen. Hierzu ist heute natürlich das Internet eine große Hilfe. Ich frage mich oft, wo wäre ich, gebe es das Internet nicht. Das Web ist wohl der gewaltigste Fortschritt aller Zeiten und für Verlag und Autor ein Segen. Mich wundert nur, dass so viele Autoren freiberuflich schreiben – ich habe die Erfahrung gemacht, dass man von dem Erlös sein Leben nicht bestreiten kann, vorausgesetzt, man gehört zu den wenigen, die internationale Bestseller schreiben. Ich wünsche mir für mich natürlich viele Leser und das, wovon wohl jeder Autor träumt, einmal einen richtigen großen Bestseller landen.

– Das nächste Buch, das von Ihnen angekündigt wird, ist ein historischer Kriminalroman, der den Titel »Das wilde Kind von Hameln« tragen wird. Was wird in diesem Buch auf Ihre Leserinnen und Leser zukommen? Steht bereits fest, wann es erscheinen wird?

Ja, die Geschichte um den wilden Peter von Hameln ist das Beste, was mir je passieren konnte. »Das wilde Kind von Hameln« wird im August 2015 den Buchmarkt bereichern und ich hoffe, zahlreiche Leser für diese schöne Geschichte zu finden. Denn diesmal werde ich zum ersten Mall meinem Schreibstil untreu, was das brutale Mittelalter, Gewalt und Hexenverfolgung betrifft. Dass ich auf die Geschichte des wilden Peters von Hameln traf, habe ich einem Zufall zu verdanken. Aber sie hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Ohne viel zu verraten, es ist eine sehr turbulente, komödienhafte und spannende Krimi-Abenteuer-Geschichte um einen Jungen, der 1724 in Hameln, völlig verwildert gefunden wurde und es auf abenteuerlichen Weg bis an den englischen Königshof schafft. Jetzt kann man natürlich behaupten - ist alles schon einmal da gewesen, denken wir nur an Caspar Hauser. Doch Peter von Hameln unterscheidet sich in jeder Hinsicht von dem Nürnberger Jungen, der 100 Jahre später mit einem Zettel in der Hand auftauchte. Peter war nackt, nur mit einem Hemdfetzen um den Hals bekleidet, biss um sich wie ein Tier, sprach nicht und sah auch sonst eher wie ein Wolf aus. Weshalb man damals auch spekulierte, ob es Wölfe waren, die ihm Schutz und Nahrung gaben. Was sich natürlich nicht bewahrheitet. Stattdessen stellte sich mir die Frage, wie kam er in den Wald, wie überlebte er zwölf Jahre und warum hatte der Kurfürst von Hannover und englischer König Georg I. ein so großes Interesse an dem Knaben? Seine Verwandlung in ein menschliches Wesen und was es mit dem mysteriöse Wappen auf dem Fetzen um seinen Hals auf sich hat, erfahrt Ihr in dem spannenden Historienspektakel, in dem natürlich auch die Liebe nicht zu kurz kommt.

– Was können wir von der Autorin Bettina Szrama im Anschluss an das bereits angekündigte neue Buch erwarten? Sind weitere neue Buchprojekte in Planung? Und stehen Termine für Lesungen fest, bei denen man Sie live erleben kann?

Mit »Das wilde Kind von Hameln«, hoffe ich nicht nur Leser historischer Romane zu begeistern. Denn es ist eine sehr menschlich geschriebene Geschichte für jede Altersgruppe. Die Protagonisten, Kommissar Aristide Burchardy, Grete und natürlich Peter, überzeugen mit pfiffiger Liebenswürdigkeit Mut und Warmherzigkeit. Ein kleiner Hinweis vornweg; der Leser erfährt zum Beispiel, dass ein König auch nur ein Mensch ist und sich zur Belustigung seiner Dienerschaft durchaus auch mal auf den Schlossgängen prügelt.

Meine nächsten Projekte sind ein biografischer Roman unter Pseudonym geschrieben und historisch, die Geschichte um die Serienmörderfamilie Pämp, auch bekannt als die Pappenheimer. Hier versuche ich neben meinen Recherchen, etwas echte Fantasy einzubauen. Die Geschichte beginnt mit einer Zeitreise aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Mehr möchte ich davon jedoch noch nicht verraten.

Lesungen für »Das wilde Kind von Hameln« habe ich auch schon. So lese ich am Dienstag, den 15. September 2015 um 18.00 Uhr im historischen Museum in Hannover und Dienstag den 22. September 2015 um 19.00 Uhr in der Stadtbücherei Hameln. Ein Termin im November, in der Justizvollzugsanstalt Celle, worauf ich mich besonders freue, steht noch aus. Alle drei Orte haben etwas mit dem wilden Peter aus Hameln zu tun.
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