Interview mit Krimiautor Michael E. Vieten

Michael E. Vieten
Im vergangenen Dezember veröffentlichte Michael E. Vieten mit »Von des Todes zarter Hand« den Nachfolgeband zu seinem Roman »Beim Sterben ist jeder allein«, in dem er die Geschichte des von ihm erschaffenen psychopathischen Mörders Anselm Jünger fortsetzt. Im Interview mit der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de sprach der Autor über seine Romane, das literarische Erschaffen von Verbrechen und seine zukünftigen Projekte.

– Herr Vieten, vermutlich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von Ihren beiden »Atemlos«-Büchern genommen. Könnten Sie unseren Lesern »Beim Sterben ist jeder allein« und »Von des Todes zarter Hand« kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Mit »Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein« habe ich mich an etwas Ungewöhnliches gewagt. Ich erzähle die Geschichte des psychopathischen Mörders Anselm Jünger und seines Gegenspielers Hauptkommissar Horst Krieger nacheinander in zwei unabhängigen Teilen. Der Leser weiß also bereits von Jüngers Taten, wenn Krieger seine Ermittlungen beginnt. Er ist ihm voraus. Der Fokus liegt also auf Krieger Persönlichkeit, seinen Ermittlungsansätzen und seinen Schlussfolgerungen. Auf diese Weise entsteht beim Leser ein Konflikt. Denn er hegt vielleicht schon Sympathien gegenüber Anselm Jünger, weil der ja seine Morde aus seiner Sicht begehen musste. Zwanghaft. Seiner Logik nach. Dann aber kommt ein unvollkommen gezeichneter Kommissar daher und bringt Befindlichkeiten und Probleme mit, die dazu führen, dass der Leser ihn mag. Was nun? Die Reaktionen der Leserschaft waren höchst unterschiedlich. Sehr interessant für mich.

»Atemlos – Von des Todes zarter Hand« hingegen kommt als klassischer »hit and run«-Krimi daher. Rasant. Schnelle Szenenwechsel. Anselm Jüngers Geschichte und die seiner Freundin Anna Nowak mündet in eine wilde, kaum vorhersehbare Flucht. Im Gegensatz zu »Atemlos – Beim Sterben ist jeder allein« kann Jünger kaum planen, muss vieles hinnehmen und aus der aktuellen Lage heraus schnell reagieren. Das liegt ihm nicht. Die Situation entgleitet ihm. »Atemlos – Von des Todes zarter Hand« startet als Krimi und endet als Ballade.

– Den Lesern welcher anderer Autoren oder welcher anderen Romane würden Sie die beiden Romane ans Herz legen? Haben Sie literarische Vorbilder, oder haben Sie Ihren eigenen Stil auf andere Weise gefunden? Was sind Ihre eigenen Lieblingsbücher?

Meine Kriminalromane sehe ich in der Nähe von Mankells Wallander. Auch ich verzichte auf Horror-Elemente und Ekel auslösende Beschreibungen. Entgegen des Trends, ich weiß das. Ich halte diesen Trend jedoch für einen Irrweg. Das hat Literatur nicht nötig. Unwürdig, würde ich sagen.

Ich schätze Atmosphäre. Detailreichtum. Fein herausgearbeitete Protagonisten. Überraschende Wendungen und ein unvorhersehbares Ende. Mit diesen Elementen kann man wunderbare Bücher schreiben.

Natürlich gibt es Kollegen, die ich sehr schätze. Sie alle hier zu nennen würde den Rahmen sprengen. Da wären Ulli Olvedi und ihre wunderbare Geschichte der Maili Osal in »Die Stimme des Zwielichts« und T. C. Boyle mit seinem feinen Humor in seinem Roman »Grün ist die Hoffnung«. Erst nach Fertigstellung meines Manuskriptes »Das Leben und Sterben des Jason Wunderlich« entdeckte ich seinerzeit Parallelen zu »Veronika beschließt zu sterben« von Paulo Coelho, ein ebenfalls von mir sehr geschätzter Kollege und ein herausragendes Buch.

Meinen Stil habe ich gefunden. Es ist die Ballade. So wird es wohl immer sein. Natürlich werde ich mich literarisch weiter entwickeln. Aber das Schicksalhafte wird immer den Kern meiner Geschichten bilden. Nicht immer reicht es dann für ein Happy-End. Aber das Leben geht ja auch sehr sparsam damit um.

– Mit Anselm Jünger haben Sie einen psychopathischen Mörder mit einer extrem niedrigen Reizschwelle entwickelt, gemeinsam mit der Prostituierten Anna Nowak zieht er eine blutige Spur durchs Land. Als Autor müssen Sie somit nicht nur in die schwärzesten Winkel der menschlichen Seele hineinsehen, sondern diese auch selbst erschaffen. Wie schafft man es, solche Ideen zu entwickeln, woher nehmen Sie die Inspirationen für die Missetaten, die Sie Ihre Täter vollbringen lassen?

Wenn man genau hinschaut, beobachtet, dann bietet das tägliche Leben ausreichend Inspiration. Ich bin in meinem Leben vielen Menschen begegnet von denen ich behaupten würde, es sind Psychopathen. Nicht im finalen Extrem, aber ihre psychopathischen Züge waren deutlich zu erkennen. Deren Verhalten muss man nur weiterdenken und überhöhen. Dann hat man einen wunderbaren Mörder.

Zusätzlich lasse ich mich von Kriminalisten beraten. Und was die aus der realen Welt erzählen, könnte ich kaum schreiben. Das würde mir keiner glauben.

– Sie schreiben nicht nur Kriminalromane, mit »Frieden finden – Auf dem Weg zum persönlichen Glück« haben Sie vor einiger Zeit auch einen Bildband mit Aphorismen veröffentlicht. Was hat es damit auf sich, und wie passt ein solches Buch zu einem Autor, der seine Protagonisten ansonsten höchst brutale Taten begehen lässt?

Ich bin auf kein Genre festgelegt. Als freier Autor kann ich experimentieren. So erhalte ich mir die Lust am Schreiben. Natürlich muss ich auch einen Markt bedienen. Aber meine literarische Freiheit möchte ich mir unbedingt erhalten.

»Frieden finden – Auf dem Weg zum persönlichen Glück« war mir ein Bedürfnis. Anderen Menschen mitzuteilen, wie man seine Zufriedenheit erreichen kann. Und zwar aus der aktuellen Situation heraus. Nicht erst, wenn man reich ist oder dieses oder jenes große Ziel erreicht hat.

– Bis dato veröffentlichten Sie Ihre Bücher im Alleingang via Books on Demand oder Amazon CreateSpace. Ihr Buch »Christine Bernard – Der Fall Siebenschön« wird dieser Tage nun jedoch vom acabus-Verlag neu verlegt, einem Imprint des Hamburger Diplomica Verlags. Wie kam es dazu, und was hat Sie dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen?

Ich habe erst 2010 beschlossen, meine Texte kommerziell nutzen zu wollen. Da war ich fast 50 Jahre alt und frei von romantischen Vorstellungen des Autorendaseins. In jungen Jahren hätte es mir gereicht, ein Buch von mir gedruckt zu sehen. Heute aber strebe ich auch wirtschaftlichen Erfolg an.

Ohne die Möglichkeiten eines Verlages halte ich das für sehr schwer. Nur ein Verlag hat die notwendigen Ressourcen und die Reichweite. Von Anfang an wollte ich in das Programm eines Verlags. Bis es soweit war, nutzte ich die mittlerweile hervorragenden Möglichkeiten des Self-Publishings.

– Was wünschen Sie sich vom deutschsprachigen Buchmarkt und von Ihrer Leserschaft im Speziellen? Haben Sie seit dem Erscheinen ihres ersten Buchs Eindrücke gesammelt oder gibt es Vorschläge und/oder Kritikpunkte, die Sie mit Ihren Lesern teilen oder Ihnen mitteilen möchten?

Ich bin mit der aktuellen Situation sehr zufrieden. Die Leser heutzutage sind mündig und klug, belesen und mutig. Sie nutzen das große Angebot an Büchern, sei es von Verlagen oder den Autoren selbst verlegt. Sie loben und kritisieren überwiegend fair. Rezensieren respektvoll und selbst junge Literaturblogger erstaunlich verantwortungsvoll. Ich habe sehr gute Erfahrungen machen dürfen. Von Urteilen wie »überarbeitungsbedürftig« bis »Perle außerhalb der Bestsellerlisten« war alles dabei. Dafür an dieser Stelle noch mal ein dickes Dankeschön.

Und der Buchmarkt? Ist er nicht bunt und bietet vielfältige Möglichkeiten für Leser wie Autoren? Vom gebundenen Klassiker bis zum kostenlosen E-Book für die Bahnfahrt nach Feierabend. In beinahe jedem Format verfügbar und für vorsichtige Naturen gibt es online die Lesermeinungen gleich mit dazu. Minimiertes Risiko bei größtmöglichem Angebot. Ich glaube, mehr geht nicht. Alles gut, aus meiner Sicht.

– Was können wir von dem Autor Michael E. Vieten in Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung?

Derzeit gibt es über 40 Manuskriptideen. Wenn ich also in den kommenden Jahren jedes Jahr ein Buch veröffentliche und keine weiteren Ideen dazukommen, muss ich über 90 werden, um die alle zu verwirklichen. Darunter weitere Kriminalromane, ein Science-Fiction, späte große Liebe und sogar ein Handbuch zur Rettung der Welt. :-D Aktuell schreibe ich an den letzten Seiten des Manuskripts für einen weiteren Fall meiner Trierer Kommissarin Christine Bernard.
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