Interview mit Erfolgsautorin Inge Löhnig

Inge Löhnig (Foto: Foto: Frank Bauer)
Vor wenigen Wochen veröffentlichte der List-Verlag mit »Nun ruhet sanft« den bereits siebten Roman in Inge Löhnigs Erfolgsreihe über den Münchner Kommissar Konstantin Dühnfort. Und wie schon ihre letzten Romane, so steht auch dieser Löhnig-Krimi wieder sehr weit oben in der Gunst der Besucher unserer Seite. Im Interview mit der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de sprach die Erfolgsautorin über ihren Kommissar, das Abtauchen in die Welt des Verbrechens und ihre zukünftigen Projekte.

– Frau Löhnig, Ihr aktueller Roman »Nun ruhet sanft« wird von den Besuchern unserer Webseite immer wieder in die täglichen Lesercharts gewählt und stand zwischenzeitlich sogar auf dem ersten Platz. Herzlichen Glückwunsch! Kriminalromane werden oft viel kritischer bewertet als andere Genres, dennoch haben Sie es bereits zum vierten Mal mit einem Ihrer Bücher unter die Favoriten unserer Besucher geschafft. Wie erklären Sie sich selbst, dass auch Ihr neuester Roman trotz zahlreicher anderer namhafter Veröffentlichungen so herausstechen konnte, was macht den besonderen Reiz daran aus?

Zuerst möchte ich mich bei den Mitgliedern der Lesekanone für das begeisterte Feedback zu meinen Romanen bedanken. So viel Zuspruch tut wirklich gut und motiviert in Zeiten, in denen man am liebsten alles in den Papierkorb werfen würde, dranzubleiben und weiter zu schreiben.

Dass Kriminalromane kritischer bewertet werden, ist mir noch gar nicht aufgefallen. Vielleicht liegt es daran, dass beim Krimi am Ende alles schlüssig und glaubhaft geklärt sein muss. Es dürfen keine losen Enden baumeln, die Lösung sollte so sein, dass der Leser sich am liebsten die Hand vor den Kopf schlagen würde – Logisch! So war das, ich hätte selbst draufkommen können – und trotzdem überrascht ist. Dabei sollte der Autor den Täter nicht aus dem Hut zaubern, möglichst wenige Zufälle zulassen und seine Figuren sollten gut und glaubhaft motiviert sein. All das erwarten Leser vom Krimi.

Was den besonderen Reiz der Dühnfort-Romane ausmacht, kann ich nur vermuten. Vielleicht liegt es an der Mischung aus Polizeiarbeit und Privatleben und an den verschiedenen Perspektiven. Neben Dühnfort gibt es immer eine zweite Hauptfigur und ein oder zwei Nebenfiguren, aus deren Sicht ich auf das Geschehen blicke. Und ich scheue mich nicht, sie emotional so richtig einzutunken.

Die Arbeit einer Mordkommission versuche ich möglichst realistisch zu beschreiben und recherchiere daher sehr genau. Durch Zufall habe ich während der Arbeit an Dühnforts erstem Fall »Der Sünde Sold« einen Kriminalhauptkommissar der Münchner Mordkommission kennengelernt. Er kam wie gerufen und passt seither auf, dass Dühnfort und sein Team keine gravierenden Fehler machen. Kleinere lässt er uns durchgehen.

– In »Nun ruhet sanft« schicken sie zum nunmehr siebten Mal Ihren Kommissar Konstantin Dühnfort auf Verbrecherjagd. War es von Anfang an Ihre Intention, den Kommissar zum Protagonisten einer solch langen Reihe werden zu lassen? Was schätzen Sie selbst an der Figur?

Eigentlich sollte Dühnfort in seinem ersten Fall »Der Sünde Sold« nur eine Nebenfigur sein. Ich wollte den Roman aus Sicht von Agnes schreiben, die ihren Mann und ihre Tochter durch einen Unfall verloren hat und ein Jahr danach in ein Dorf zieht, um ihr Leben neu zu beginnen. Doch in diesem Dorf geschehen seltsame Dinge, in die sie hineingezogen wird. So gerät sie in den Fokus des Täters, aus dessen Perspektive ich ebenfalls schreiben wollte. Den Kommissar sollte man nur am Rande und durch die Augen dieser beiden Figuren sehen. Das war der Plan. Doch dann habe ich einen Workshop im Münchner Literaturhaus besucht – Für Krimiautoren und solche, die es werden wollen – und dort haben mir die Teilnehmer, wie die Kursleiter geraten, Dühnfort zur Hauptfigur zu machen. Diesem Rat bin ich gefolgt und war froh, als ich nach fünf Jahren zum ersten Mal das Wort »Ende« unter ein Manuskript schreiben konnte.

An eine Serie habe ich gar nicht gedacht. Das hat sich ergeben, als ich mit dem zweiten Roman begann. Das Thema kannte ich längst und ich habe es mir einfach gemacht. Warum ein neues Ermittlerteam erfinden, wenn ich mir doch in jahrelanger Arbeit eines aufgebaut hatte und Dühnfort und Gina mir längst ans Herz gewachsen waren?

Inzwischen sind es tatsächlich sieben Fälle und es gibt ein Exposé für den achten Band. Wie Dühnfort sich weiterentwickelt, weiß ich seit Jahren. Er ist inzwischen zu einem guten Freund geworden, obwohl wir uns noch immer Siezen. Erst wenn ich nicht mehr weiß, wie ich ihn in seiner Entwicklung voranbringen kann, werde ich mich von ihm verabschieden. Vielleicht nur für ein Weilchen, vielleicht auch für immer.

Was ich an Dühnfort schätze? Hm? Gute Frage. Hauptsächlich wohl seine Empathie und seine Grübelei. Diese Gedankengänge, die sich manchmal tiefer und tiefer bohren und Abgründe ausloten. Sein Gespür für Menschen. Seine melancholische Seite. Sein Faible für Gedichte. Seine Höflichkeit. Am meisten wohl, dass er ein ganz normaler Mensch ist und nicht, wie so viele Ermittler in Romanen, eine beschädigte Figur. Weder säuft er wie ein Loch, qualmt wie Helmut Schmidt, ist so häufig geschieden wie Elizabeth Taylor, noch ist er durch seinen Beruf traumatisiert. Er ist der nette Mann von nebenan, der in seinem Beruf sein Bestes gibt und an Gerechtigkeit glaubt, was angesichts seines Alltags dann allerdings doch ein wenig optimistisch anmutet.

– Falls noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von Ihrem neuen Buch genommen haben sollte: Womit bekommt es Dühnfort dieses Mal zu tun, und was tut sich in seinem Privatleben?

Dühnfort ist in »Nun ruhet sanft« ziemlich gut drauf, jedenfalls anfangs. Denn seine Freundin Gina ist endlich schwanger und nichts wünschen sich die beiden mehr, als Eltern zu werden. Doch dann wird Dühnfort ausgerechnet an den Schauplatz eines Familiendramas gerufen. Zuerst scheint alles klar, alles weist auf einen so genannten Mitnahmeselbstmord hin. Mann löscht Familie aus und nimmt sich anschließend das Leben. Doch in diesem Fall lebt der Mann – das kommt bei dieser Deliktart durchaus vor. Tom Sassen ist ein arroganter Kotzbrocken, durchaus der Typ eines narzisstischen Täters. Dühnfort muss ihm die Tat nachweisen, da Sassen nicht geständig ist. Und irgendwann ist er an dem Punkt angelangt, an dem er zweifelt. Hat Tom Sassen wirklich seine Familie ausgelöscht? Wie das ausgeht, verrate ich jetzt aber nicht.

– Im Lauf der langen Buchreihe wurden Frauen enthauptet, Figuren sind verdurstet, kleine Jungen wurden nackt in Wäldern gefesselt, es gab biblische Opferszenen. Kurzum: Sie haben in den letzten Jahren nicht nur oft in die Abgründe der menschlichen Seele geblickt, Sie haben häufig ganz neue Abgründe erschaffen. Woher nehmen Sie dafür die Inspirationen, und wie schafft man es, sich wochen- oder gar monatelang in der richtigen Stimmung dafür zu halten? Haben Sie dazu spezielle Gewohnheiten beim Schreiben entwickelt?

Die Realität ist leider oft viel grausamer und schrecklicher, als die Fiktion. Zugegeben: Ich blicke gerne in menschliche Abgründe, mich interessiert, warum Menschen tun, was sie tun. Das beginnt mit ganz alltäglichen Verhaltensweisen, wie quer über drei Parkbuchten zu parken, sich in der Liftschlange vorzudrängeln oder in der S-Bahn den Platz neben sich nicht freizumachen und reicht bis zu den schrecklichen. Angefangen von Verleumdungen oder Mobbing bis hin zu Mord und Totschlag. Wie kommt es dazu? Wie geht man damit um? Wie rechtfertig man das vor sich selbst? Denn kaum jemand wird ein schlechter Mensch sein wollen.

Am Anfang meiner Romane steht immer ein Auslöser, den ich inzwischen als Dockingstation bezeichne. Um diesen Kern herum beginnt meine Phantasie zu kreisen, Ideen docken an, Figuren gewinnen Kontur, die Recherche beginnt, neue Informationen kommen hinzu. Zu Beginn ist das ein ziemlich chaotischer Prozess. Wenn es dann gestrüppartig wird, ist es Zeit, Ordnung hineinzubringen.

Ein Beispiel, weil das jetzt so abstrakt klingt. Den Anstoß für meinen ersten Roman gab eine Radtour mit meinem Mann durch den Sauerlacherforst. Das ist ein großes Waldgebiet südlich von München. Dort haben wir bei der St. Anna-Kapelle Rast gemacht. Sie befindet sich mitten im Wald auf einer Lichtung. Wir saßen auf einer Bank, machten Brotzeit und ich betrachtete die kleine Kirche und plötzlich war die Idee da: Das wäre eine klasse Location für einen Mord. Die Dockingstation, um die sofort die Fragen zu kreisen begannen. Wer ermordet dort wen und warum? Meine Phantasie lief in den folgenden Tagen auf Hochtouren. Am Ende geschieht in der Kapelle, die in meinen Roman die Marien-Kapelle ist, kein Mord. Aber sie spielt eine wichtige Rolle im Leben des Täters und der Showdown findet dort statt.

Um sich in der richtigen Stimmung während des Schreibprozesses zu bleiben, gibt es einen einfachen Trick. Ich lese immer erst, was ich am Vortag geschrieben habe und überarbeite die Seiten gleich dabei. So komme ich wieder in die Geschichte, ihren Tonfall und ihre Stimmung hinein.

Richtige Schreibrituale habe ich eigentlich nicht. Am liebsten schreibe ich gleich morgens um sechs, wenn der Kopf noch völlig frei und unbelastet von Gesprächen, Telefonaten und Zeitunglesen ist. Wer um diese Zeit einen Blick durchs Fenster meines Arbeitszimmers werfen könnte, würde mich dort im Schlafanzug mit einer Kanne grünem Tee vor meinem Mac sitzen sehen.

Was ich gar nicht kann, ist in der Öffentlichkeit schreiben. Mich werden Sie nie in einem Café oder ICE am Laptop bei der Manuskriptarbeit erwischen. Zu viel Ablenkung. Zu viel Unruhe. Damit ich mich in meine Geschichten hineinfallen lassen kann, muss ich allein mit meinen Figuren sein und die Tür hinter mir zu.

– Wenn man ein Projekt wie »Nun ruhet sanft« vor dem inneren Auge hat, schafft man es dann, sich in den Schreibpausen von dem Stoff zu lösen? Oder sind Sie im Alltag permanent mit Ihrer Geschichte beschäftigt, bis der letzte Satz geschrieben und die letzte Korrektur durchgeführt wurde? Wie verändert die Arbeit an einem Roman wie »Nun ruhet sanft« bis zur Fertigstellung das Leben?

In den ersten Jahren war es tatsächlich so, dass Dühnfort und seine Fälle meine ständigen Begleiter waren. Tag und Nacht. Und sogar im Urlaub, an Weihnachten, bei Familienfeiern, wenn wir Gäste hatten. So ganz in den Hintergrund konnte ich sie nie schieben.

Jetzt habe ich gerade das Wort Ende unter meinen dreizehnten Roman geschrieben und festgestellt, dass es mir inzwischen ganz gut gelingt auf Abstand zu gehen und Figuren und Plot weitgehend im Arbeitszimmer zu lassen, wenn ich hinausgehe. Jedenfalls während der Schreibphase. In der Entwicklungsphase geht das nicht. Da sind sie ständig bei mir und es kann sein, dass ich mitten im Putzen oder Kochen oder Rasenmähen alles stehen und liegen lasse, um eine Idee zu notieren. Falls ich nicht in der Nähe meines Schreibtisches bin, nutze ich die Sprachmemofunktion meines Smartphones dafür und manchmal gucken die Leute dann sehr komisch.

– Was führte ursprünglich dazu, dass Sie ausgerechnet beim Genre des Kriminalromans bzw. des Thrillers gelandet sind? Was macht das Genre für Sie aus?

Beim Krimi bin ich vermutlich gelandet, weil ich eine leidenschaftliche Krimileserin bin. Die Themen, die mich interessieren, könnte ich auch in andere Genres verpacken. Bei genauerer Betrachtung sind etliche der Dühnfort-Romane eigentlich Familienromane. Aber beim Krimi kann man die Figuren sehr weit treiben, bis an ihre Grenzen und vor allem darüber hinaus und das finde ich spannend und interessant. Was wird er, wird sie tun?

– Zwischen der Arbeit an den Kommissar-Dühnfort-Krimis haben Sie immer wieder die Zeit für andere Projekte gefunden, so erschienen beispielsweise im letzten Jahr der Jugendthriller »Die Flammen flüstern dein Lied« sowie der Einzeltitel »Mörderkind«, in dem Sie keinen professionellen Ermittler, sondern eine junge Frau Nachforschungen anstellen ließen. Wie kam es zu diesen Büchern? Gibt es Unterschiede zwischen der Arbeit an einem Buch der Dühnfort-Reihe und Einzelromanen wie diesen? Was gibt vor dem Schreibbeginn den Ausschlag, ob Kommissar Dühnfort wieder einmal an der Reihe ist oder ob der nächste Roman in eine andere Richtung gehen soll?

Zum Schreiben von Jugendthrillern bin ich ganz unverhofft gekommen. Eine Lektorin eines Jugednbuchverlags hatte Dühnforts ersten Fall gelesen und er gefiel ihr. Da sie auf der Suche nach einer neuen Autorin für die Mädchen-Thriller-Reihe war, hat sie gefragt, ob ich Lust hätte einen Roman für diese Zielgruppe zu schreiben.

Darüber musste ich erst mal nachdenken. Meine Kinder waren aus diesem Alter schon raus. Doch ich habe gemerkt, dass es mich reizen würde und habe zugesagt. Inzwischen gibt es von mir vier Bände in der Reihe und es hat viel Spaß gemacht, sie zu schreiben. Natürlich gibt es große Unterschiede zu den Romanen für Erwachsene. Die Themen Sex und Gewalt muss man vorsichtig und sparsam einsetzen. Besser andeuten, als zeigen. Außerdem ist bei den Thrillern immer ein Mädchen die Hauptfigur. Ich beschreibe also keine Polizeiermittlungsarbeit.

Beim »Mörderkind« habe ich zwei Versuche unternommen, diesen Stoff als Dühnfort-Roman zu konzipieren. Irgendwann habe ich verstanden, dass ich deshalb scheitere, weil ich das Potenzial dieser Geschichte verschleudern würde. Die ließ sich direkt am besten erzählen. Aus der Sicht der Betroffenen, aus der Sicht von Fiona Jacoby, dem Mörderkind.

– Was können wir von Ihnen in der nächsten Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung?

Mein nächster Roman erscheint im Januar 2016 und trägt den Titel »Gedenke mein«.

Viele Dühnfort-Fans fanden es schade, dass Gina Angelucci in den letzten Romanen nicht mehr gemeinsam mit Dühnfort die Fälle löste. Ich musste die beiden leider beruflich trennen, weil sie privat ein Paar geworden sind. Das ist in der Realität so und ich versuche, realistische Krimis zu schreiben. Gina bearbeitet seither ungeklärte alte Fälle. Das haben viele Leser bedauert. Deshalb gibt es nun den ersten Roman mit ihr als Hauptfigur.

Gina hat gerade ziemlich spektakulär einen ungeklärten Fall gelöst, als die Mutter eines Kindes bei ihr auftaucht, dass vor zehn Jahren ermordet wurde. Nur glaubt die Mutter das nicht und fordert, dass Gina den Fall neu aufrollt. Doch der liegt nicht einmal in ihrem Zuständigkeitsbereich und außerdem gibt es keinen Zweifel am Tod des Kindes. Das Einzige, das Gina tun kann, ist die zuständigen Ermittler noch einmal nach der Leiche des Mädchens suchen zu lassen. Doch die wollen nicht, also sorgt Gina dafür, dass sie die Suche veranlassen kann und schließlich hat sie diesen alten Fall auf dem Tisch und der entwickelt sich ganz anders, als erwartet.

Und natürlich habe ich weitere Projekte in Planung. Wie schon gesagt, Dühnforts achter Fall und außerdem zwei weitere Stoffe, zu denen ich jetzt leider gar nichts sagen kann.
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