Interview mit Erfolgsautorin Clannon Miller

Foto: Clannon Miller

Was Clannon Miller in den letzten beiden Jahren anfasste, es wurde zu Gold: Vier Bücher wurden von ihr veröffentlicht, und allesamt entwickelten sie sich zu Verkaufserfolgen. Am heutigen Tag ist mit »Pygmalion - Perfekt unverliebt« nun ihr fünfter Streich erschienen. Im Interview mit der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de sprach die Erfolgsautorin über ihr neues Buch, über die Aufarbeitung eines Literaturthemas von historischer Tragweite und über den Siegeszug des erotischen Romans.

– Frau Miller, vermutlich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von Ihrem neuen Roman genommen. Könnten Sie unseren Lesern »Pygmalion - perfekt unverliebt« kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Mein Pygmalion ist eine moderne und erotische Adaption von G.B. Shaws Komödie »Pygmalion«.

Der berühmte Imageberater und Frauenhasser Henrik Henriksen willigt ein, seine Küchenhilfe Lisa zu coachen und aus ihr eine hochkarätige Frau zu machen, der die Männer bald schon zu Füßen liegen werden. Bei diesem Experiment treffen zwei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Henrik sieht sich selbst als Stoiker, Lisa hingegen ist ein chaotisches Temperamentbündel. Henrik verkauft der Welt den schönen Schein, ein perfektes Image. Lisa ist geradeheraus und unverblümt. Witz, Situationskomik, Wortspiele und Wortgefechte und jede Menge unerwarteter Wendungen sind vorprogrammiert.

– Die mythische Geschichte des »Pygmalion« ist schon mehr als zweitausend Jahre alt, Motive daraus wurden immer wieder aufgegriffen. In der vermutlich bekanntesten Verarbeitung nutzte der irische Autor George Bernard Shaw »Pygmalion« vor einhundert Jahren dazu, die Londoner Gesellschaft in seinem gleichnamigen Theaterstück zu karikieren. Später wurde Shaws Interpretation als Vorlage für das Musical »My Fair Lady« verwendet. Wie kamen Sie auf den Stoff? Was fasziniert Sie an der »Pygmalion«-Geschichte?

Die Geschichte von Pygmalion, dem Bildhauer, der sich in sein eigenes Kunstwerk verliebte, hat mich schon immer fasziniert. In meinem Kopf habe ich dazu hunderte von möglichen Geschichten zusammengesponnen, und natürlich habe ich als junges Mädchen »My Fair Lady« vorwärts und rückwärts im Fernsehen angeschaut. G.B. Shaws Komödie ist heute noch so genial wie damals, auch wenn viel von Shaws Zynismus, mit dem er die damalige Gesellschaft karikierte, für den heutigen Leser verloren geht, einfach weil das Insiderwissen inzwischen fehlt.

Was mich unglaublich reizt und zu gedanklichen Purzelbäumen treibt, ist das Thema das hinter Pygmalion steckt: Wie wäre es, wenn man sich einen Menschen schaffen könnte, der genau unserer Vorstellung vom Traumpartner entspräche. Niemand müsste mehr zum Paartherapeuten oder zum Scheidungsanwalt gehen. Oder vielleicht gerade doch? Das ist eben die Frage, die ich auf meine ganz eigene Weise in »Pygmalion – perfekt unverliebt« beantworte.

– Was ist das Spezielle an Ihrer eigenen Adaption des »Pygmalion«-Stoffs? Welche typischen »Clannon-Miller-Stillemente« finden sich in Ihrem Roman wieder? An welche Zielgruppe ist das Buch gerichtet?

Ich will nicht behaupten, dass mir mit »meinem« Pygmalion der Brückenschlag von Shaws Komödie in die heutige Zeit gelungen ist, das wäre vermessen. Mein Pygmalion ist und bleibt eine erotischer Liebesromanze, mit keinem höheren Anspruch als dem, unterhaltsam und geistreich zu sein, aber zwischen den Zeilen kann der kundige Leser dennoch einiges an ironischer Gesellschaftskritik finden, ohne dass sie aufdringlich wird oder sich gar zum Hauptthema auswächst. Das ist das spezielle «Clannon-Miller-Stilelement«: Dass meine Geschichten humorvoll sind, geistreich ohne aufdringlich intellektuell zu sein, gesellschaftskritisch ohne mit dem Holzhammer zuzuschlagen. Sie sind versehen mit detailverliebter und expliziter Erotik, und selbstverständlich handelt es sich dabei um hochromantische Lovestorys mit Happy End Garantie.

Und damit ist auch meine Zielgruppe schon klar. Es sind Leser, die romantische Romane mögen, die prickelnde Erotik lieben und deren Lesegeschmack doch so anspruchsvoll ist, dass sie sich nicht mit der Aneinanderreihung von Sexszenen zum Selbstzweck zufrieden geben.

– Was mögen Sie selbst an Henrik und Lisa, den Protagonisten Ihres Romans? Sicher haben Sie während des Schreibprozesses viele Wochen oder Monate gemeinsam mit den beiden »verbracht«, entwickelt man in solch einem langen Zeitraum ein besonderes Verhältnis zu den eigenen Figuren?

Logischerweise ist man als Autor während des Schreibens in seine Helden verliebt. Es wäre fatal, wenn dem nicht so wäre. Lisa ist ein Wahnsinnsweib. Ich wünschte, ich hätte nur die Hälfte ihres Temperaments, ihres Kampfgeistes, ihrer Herzensgüte und Unverblümtheit. Sie mischt Henrik in seiner stoischen Welt des schönen Anscheins so richtig auf. Henrik ist auf den ersten Blick ein arroganter Unsympath. Aber je mehr Lisa an seiner Fassade kratzt, desto mehr kommt der einfühlsame und humorvolle Mensch darunter zum Vorschein. Am Ende des Buches sind garantiert auch meine Leserinnen in ihn verliebt.

– All Ihre Bücher sind nicht nur durch ihren lässigen und ironischen Stil, sondern vor allem durch den Einsatz von zwar nur wohldosierter, dafür aber sehr expliziter Erotik gekennzeichnet. Seit einigen Jahren werden erotische Szenen über alle Genregrenzen hinweg immer häufiger und deutlicher eingesetzt. Wie erklären Sie sich selbst diese Tendenz und den riesigen Erfolg erotischer Romane in den vergangenen Jahren?

Ich bin kein Soziologe und kann daher nur meine laienhafte Meinung zu dieser Frage äußern. Erotische Texte und Bilder sind keine Erfindung der Shades of Grey Ära, sondern sie sind beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Ob bei den alten Ägyptern, Griechen oder Römern, ob im Kamasutra der Inder oder in den barocken Werken von Marquis de Sade, Erotik war stets Bestandteil von Kunst und Literatur. Was sich geändert hat, ist die Offenheit, mit der man darüber sprechen und schreiben darf.

Vor 50 Jahren waren Erotikshops noch ein Tabuthema, Pornoheftchen wurden unter dem Ladentisch verkauft und homosexuelle Menschen waren sozial geächtet. Aber nur weil das Thema tabu war, heißt es nicht, dass die Leute vor 50 Jahren nicht auch wilde, erotische Fantasien gehabt hätten oder den Wunsch sie auszuleben, darüber zu lesen oder zu sprechen. Sie haben es nur nicht zugegeben oder es öffentlich getan. Ich glaube, das war eine langsame Entwicklung über Jahrzehnte hinweg. Aufklärer wie Oswalt Kolle und Frauen wie Beate Uhse haben den Grundstein gelegt, Frauen wie Alice Schwarzer, die Pille, die wilden 60er Jahre haben den Weg bereitet und irgendwann war die Zeit eben einfach reif für Romane wie Shades of Grey und Co.

Wie ich mir den Erfolg erotischer Romane erkläre? Ich könnte jetzt ganz salbungsvoll antworten und sagen: Erotik ist eines der wichtigsten und schönsten Themen auf der Welt, kein Wunder, dass es erfolgreich ist. Aber ich denke, tatsächlich war es das »anonyme« E-Book, das gerade den Erfolg von Erotik-Romanen möglich gemacht hat. Endlich kann man jeden noch so versauten Roman kaufen und lesen, ohne dass es irgendjemand sieht oder merkt. Das Angebot ist gigantisch. Es gibt für jeden Geschmack etwas und der Preis für ein Erotik-E-Book ist oft billiger als eine Salatgurke bei Aldi. Selbst der letzte Kämpfer, der noch das Fähnlein der Prüderie schwenkt, kann jetzt ganz unkompliziert und schnell und ganz anonym zum Beispiel für schlappe 99 Cent in erotischen Fantasien schwelgen – wenn er will. ;-)

– Beinahe zwei (überaus erfolgreich) Jahre sind seit der Veröffentlichung Ihres Debütromans »First Night - Der Vertrag« vergangen. Nachdem Sie nun also schon einen großen Einblick in schreibende Seite der Buchwelt haben: Was wünschen Sie sich vom deutschsprachigen Buchmarkt und von Ihrer Leserschaft im Speziellen? Haben Sie seitdem Eindrücke gesammelt oder gibt es Vorschläge und/oder Kritikpunkte, die Sie mit Ihren Lesern teilen oder Ihnen mitteilen möchten?

Nie bot der deutschsprachige Buchmarkt eine solche Vielfalt und Bandbreite an Möglichkeiten, sowohl für Leser als auch für Autoren. Ich empfinde das als das Eldorado des geschriebenen Wortes.

Hätten Sie mir diese Frage vor 10 Jahren gestellt, hätte ich gesagt, dass die deutschen Verlage die Zeichen der Zeit nicht erkennen und eine fundamentale Entwicklung verschlafen. Damals habe ich aufgehört deutschsprachige Bücher zu lesen. Heute kann ich nur sagen: Ich liebe den deutschsprachigen Buchmarkt, mit seinen großen und renommierten Verlagen (für Nobelpreisträger) und den vielen kleinen, bunten Verlagen für alles und jedes, sowie der absolut unübersichtlichen Flut an Indie-Autoren jedweder Güteklasse. Das ist einfach der Wahnsinn. Ich möchte um nichts in der Welt, dass diese Vielfalt wieder durch engstirnige (oder gar neidische) »Wächter der Literatur« zensiert und beschränkt wird. Dafür nehme ich gerne in Kauf, dass manchmal auch ein paar fragwürdige Machwerke die einschlägigen (Amazon-)Bestsellerlisten erstürmen. Das ist gelebte Marktwirtschaft.

Von meinen Lesern wünsche ich mir natürlich, dass sie mir treu bleiben, auch wenn ich nicht immer in den ausgetretenen Pfaden schreibe, wie es sich für eine Romance-Autorin gehört. Ansonsten habe ich rein gar nichts an meinen Lesern zu kritisieren, denn natürlich findet sich für jeden Autor genau die Leserschaft, die zu seinen Büchern und seinem Stil passt.

– Was können wir von der Autorin Clannon Miller in der nächsten Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung?

Nach »Pygmalion - perfekt unverliebt« werde ich erst mal eine Pause in Sachen erotische Romanzen einlegen und einen meiner geliebten Fantasy-Romane veröffentlichen. Eigentlich mag ich das Fantasy-Genre viel mehr als das Liebesroman-Genre, aber ich finde es ungleich schwerer einen guten und soliden Fantasy-Roman zu schreiben, als einen ebenso guten und soliden Liebesroman.

Wenn alles wie geplant läuft, werde ich den ersten Teil meines Fantasy-Epos zu Weihnachten 2015 veröffentlichen. Und natürlich wird auch der witzig, geistreich und, wie gehabt, mit wohldosierter aber expliziter Erotik versehen sein.
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