Interview mit Erfolgsautor Andreas Gruber

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Seit Jahren begeistert Andreas Gruber mit raffinierten Thrillern seine Fans und zählt zu den österreichischen Autoren mit den höchsten Verkaufszahlen. Sein aktuelles Buch »Todesurteil« gehört zu den online bisher am besten bewertete Roman dieses Jahres. Im Interview mit der Leipziger Bücher-Plattform www.leserkanone.de sprach der gebürtige Wiener über seinen aktuellen Roman, seine Inspirationen und die Erschaffung von Verbrechen, die es zuvor noch nicht gab.

– Herr Gruber, seit vielen Jahren veröffentlichen Sie nun schon Ihre Thriller, schreiben über Gewalt und Brutalität, blicken in die Abgründe des menschlichen Daseins. Was hat dazu geführt, dass Sie ausgerechnet in diesem Genre Ihre Heimat gefunden haben?

Dazu muss ich erklären, dass ich ursprünglich aus der Horror-Ecke komme, d.h. meinen schriftstellerischen Werdegang mit Horror-Kurzgeschichten begonnen habe, die sogar noch düsterer und brutaler waren. Mein erster Roman »Der Judas-Schrein« war dann eine Mischung aus Horror und Thriller, und seitdem schreibe ich gern Thriller-Romane, gönne mir dazwischen aber immer wieder Zeit für Horror-Kurzgeschichten.

– Was fasziniert Sie an diesem Genre?

Schon als Jugendlicher habe ich Horror und Thriller gelesen und solche Filme geschaut. Mich faszinieren die Spannung und der Nervenkitzel, ich liebe überraschende Wendungen und eine clevere Handlung, die mich mit offenem Mund dasitzen lässt. Mich fasziniert der psychologische Aspekt, aber auch die Brutalität, sofern die Kamera an diesen Stellen rechtzeitig wegblendet, damit der Fantasie des Zuschauers noch genügend Freiraum geboten wird, sich die Szenen selbst auszumalen.

Da liegt es nahe, dass ich versuche, die Leser mit eigenen – wie ich hoffe – spannenden Geschichten zu fesseln.

– Als Thrillerautor müssen Sie nicht nur in die schwärzesten Winkel der menschlichen Seele hineinsehen, sondern diese auch selbst erschaffen. In ihrem aktuellen Roman »Todesurteil« lassen Sie beispielsweise ein kleines Mädchen verschwinden, das ein Jahr später wieder auftaucht und am Rücken über und über mit Motiven aus Dantes »Inferno« tätowiert ist. Wie schafft man es, solche Ideen zu entwickeln, woher nehmen Sie die Inspirationen für die Missetaten, die Sie Ihre Täter vollbringen lassen?

Wenn ich einen Roman entwickle, beginne ich nicht damit, dass ich mir möglichst grausame Verbrechen ausdenke, um danach einen dazu passenden Bösewicht zu entwickeln – sondern umgekehrt. Ich erschaffe einen Bösewicht, versuche seine Psyche auszuloten, seine Motivation und seinen Antrieb zu verstehen, seine Vorgehensweise zu begreifen. Erst danach überlege ich mir, wie, wann und wo er handeln würde. Die Verbrechen, die er begeht, resultieren dann daraus.

Die Inspiration zu diesen Verbrechen? Ich versuche Taten auszuhecken, die es vorher noch nicht gegeben hat.

– Mit »Todesurteil« haben Sie ein Buch geschaffen, das von den Leserkanone-Besuchern besonders gut aufgenommen wurde. Kein anderer in diesem Jahr veröffentlichter Roman hat bisher bessere Bewertungen erhalten, kein anderes Buch landete seit dem Februar so oft auf dem ersten Platz unserer täglichen Lesercharts. Dies gelang, obwohl die Leser von Thrillern in der Regel dazu neigen, mit Bestnoten zu geizen und viel kritischer zu sein als etwa die Leserinnen von Young-Adult-Romanen. Ihr Buch hingegen schnitt hervorragend ab. Wie erklären Sie sich selbst, dass Ihr Roman trotz zahlreicher anderer namhafter Veröffentlichungen so herausstechen konnte, was macht den besonderen Reiz daran aus?

Zunächst einmal freue ich mich riesig darüber, dass es so ist und danke allen Leserinnen und Lesern für das Lob und diese Ehre. Der Grund, wie es dazu kam? Ich weiß es nicht! Vielleicht liegt es daran, dass ich zwei Handlungsstränge entwickelt habe – einen in Wien, den zweiten in Wiesbaden, der über die Nordsee und Nürnberg nach Wien führt – und ich diese abwechselnd miteinander verzahnt habe, bis der ganze Zusammenhang erst am Schluss des Romans beim Showdown aufgedeckt wird.

Vielleicht liegt es auch an der Figur des niederländischen Profilers Maarten S. Sneijder, der ein richtiger arroganter, aber auch genialer Kotzbrocken sein kann.

Wie gesagt, ich weiß es nicht. Ich will aber auch gar nicht zu intensiv darüber nachdenken, da ich den nächsten Roman auch wieder spontan aus dem Bauch heraus konzipieren möchte.

– Während sich viele andere Autoren darauf beschränken, einen einzelnen Fall zu konstruieren, der dann vor Ort von einem einzelnen Ermittler oder einem Team nach und nach aufgeklärt wird, haben Sie in »Todesurteil« ein komplexes Geflecht an Vorfällen entworfen, das von unterschiedlichen Ermittlern über Landesgrenzen hinaus untersucht wird und sich fortwährend immer stärker verknüpft. Es ist nicht das erste Mal, dass Sie dieses Schema anwenden. Was hat Sie dazu inspiriert, Ihre Romane auf diese Weise zu schreiben und das Konzept weiter zu verfeinern?

Es ist richtig, dieses Konzept von zwei verzahnten Handlungssträngen kommt auch schon in »Rachesommer«, »Todesfrist« und »Herzgrab« vor. Ich habe es mir von Jean-Christophe Grangés Roman »Die purpurnen Flüsse« abgeguckt, in dem zwei Handlungen aufeinander treffen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Einerseits reizt mich die Idee, dass voneinander unabhängige Ereignisse verflochten sein könnten, andererseits die Idee, dass Personen, die sich nicht kennen, aufeinander treffen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Dann ist da aber auch noch die Fülle an Ideen, die ich zwischen zwei Buchdeckel unterbringen möchte.

– Die Vervielfachung von Handlungssträngen vervielfacht auch den Aufwand, der nötig ist, um ein Buch zu verfassen. Welcher Rechercheaufwand steckt in einem Buch wie »Todesurteil«, müssen Sie häufig Experten für Fachfragen konsultieren?

Ein Blick in die Danksagung verrät alles. Dort habe ich eine lange Liste von Personen angeführt, denen ich danke. Sowohl Testleser, die mich in der Phase der Manuskript-Rohfassung mit Feedback unterstützen, als auch Fachleute wie Rechtsmediziner, Staatsanwälte, Strafverteidiger, Kripokommissare, Ärzte oder EDV-Spezialisten. Ohne deren Hilfe und deren Wissen könnte ich keine Zeile schreiben. Denn ein Autor ist immer nur so schlau wie die Leute, die er fragen darf.

– In »Todesurteil« erleben die Leser ein Wiedersehen mit dem kauzigen und fast schon als Misanthrop zu bezeichnenden Profiler Maarten S. Sneijder. Was hat Sie dazu gebracht, ihn Teil Ihres neuen Buches werden zu lassen? Hegen Sie selbst besondere Sympathien für die Figur?

Ich liebe Sneijder. Er ist ein Kotzbrocken, ein Besserwisser, ein Zyniker, der andere demütigt. Er ist schwul, er klaut, er hat Cluster-Kopfschmerzen und raucht Marihuana. Er ist die schrägste Figur, die ich je entwickelt habe – und in diese Figur habe ich auch einige autobiographische Züge gelegt. Vielleicht mag ich Sneijder deswegen so sehr. Aber er hat auch eine menschliche Seite, die aber nur seine Partnerin Sabine Nemez, eine junge Kripoermittlerin aus München, zum Vorschein bringen kann.

– Im September wird mit »Racheherbst« ihr nächster Thriller erscheinen. Können Sie uns bereits einen Ausblick geben, was den Leser in dem neuen Buch erwarten wird?

Es ist die Fortsetzung von »Rachesommer«, wobei die Leserinnen und Leser diesen Roman nicht kennen müssen. Diejenigen, die ihn kennen, treffen erneut auf den älteren asthmakranken Leipziger Ermittler Walter Pulaski und die junge Wiener Anwältin Evelyn Meyers. Erneut führt sie das Schicksal zusammen. Diesmal geht es um einen Killer, der junge Frauen tötet und ihnen Blut zu einem bestimmten Zweck entnimmt.

Die Polizei ist ratlos. Daher will die Mutter eines der Opfer den Mörder ihrer Tochter auf eigene Faust zur Strecke bringen. Nur Pulaski hilft ihr dabei – und die Spur führt über viele Umwege nach Wien.
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