Interview mit Drehbuch- und Romanautorin Rona Walter

Rona Walter (Foto: Copyright: Richard Ohme)
Die äußerst vielseitige Rona Walter schreibt Drehbücher, arbeitet als Dramaturgin und Übersetzerin, und sie erschafft Kurzgeschichten und Romane. Für ihren neuesten Streich namens »Blaue Feen & Weiße Königinnen« schlüpfte sie in die Rolle des »Rupert Dance« und widmete sich Märchen. Im Interview mit der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de sprach sie über das Buch, ihre Co-Autorin und zukünftige Projekte.

– Frau Walter, vermutlich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von Ihrem Buch genommen. Könnten Sie unseren Lesern »Blaue Feen & Weiße Königinnen« kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Na, das ist aber äußerst schade (zwinker). Nun, da man ja bereits seit einigen Jahren die Rückkehr der Märchen in Literatur und Film feiert, sehen wir immer wieder neue, oft modernisierte Interpretationen der altbekannten Geschichten um Riesen, Rapunzel und Kürbiskutsche. Da Frau Lohfeldt und ich selbst riesige Märchenfans sind, hatten wir also beschlossen, für unsere Leser einmal hinter die Bedeutung der Märchen zu sehen, und ihren psychologischen Hintergrund zu ergründen. Dabei haben wir nicht nur die kleine Meerjungfrau auf die Couch geschickt, auch kommen endlich einmal Glaspantoffel und Erbse zu Wort. Wir durchleuchten die wahre Bedeutung des Großen Bösen Wolfes, und finden heraus, wie der Magische Spiegel überhaupt zu ebenjenem wurde. In dem abschließenden Quiz »Once upon your Mind« findet man heraus, wieviel Märchenpsychose in einem selbst steckt. Zudem erzählen wir, wie sich Märchen von ihren Ursprüngen bis nach der Christianisierung und in die Heutezeit hinein verändert haben. Aber: würden Märchen heute überhaupt noch so in unserer Gesellschaft funktionieren?

– Sie haben das Buch nicht allein, sondern in Zusammenarbeit mit Kristina Lohfeldt verfasst. Wie kam es dazu, dass Sie gemeinsame Sache machten?

Krissi und ich halten bereits seit einigen Jahren Lesungen zusammen ab, in denen wir Lohfeldt'sche Funny Fantasy und Gedichte mit Grusel und schwarzem Humor à la Miss Walter verbinden – mit Erfolg! Da wir uns auch privat super verstehen und beide einen eigenen Sinn für Humor haben, lag es eigentlich auf der Hand, einmal zusammen etwas zu schreiben. Wir mußten nur einen gemeinsamen Nenner finden, der bei uns beiden Interesse für ein ganzes Werk wecken würde. Und das ist bei uns nun einmal in erster Linie Märchen und ihre tiefere Bedeutung. Da wir beide auch Literaturwissenschaften studiert haben, verbindet uns zudem diese Leidenschaft für das, was uns Geschichten nicht immer offensichtlich darlegen. Das, was man für sich selbst herauslesen kann.

– Was schätzen Sie an der schriftstellerischen Arbeit Ihrer Kollegin?

Zwar bewegen wir uns beide in vielen unterschiedlichen Genres, doch bewundere ich Krissis intelligenten und überaus frechen Humor, den sie bereits in ihrem Werk »Too Bad To Be God« zur Genüge bewies. In »Blaue Feen & Weiße Königinnen« schreibt sie außer Kurzgeschichten nun ebenfalls Gedichte, die den Lesern doch die Lachtränen in die Augen treiben dürften. Sie ist eine Autorin mit vielen Stimmen und Facetten. Und zudem eine äußerst liebe und ehrliche Person. Etwas, das ich überaus schätze und respektiere.

– Was waren für Sie während des Schreibprozesses die größten Unterschiede zu den Werken, die Sie allein erschaffen haben?

Eigentlich bin ich ja ein Einzelkämpfer, daher war ich positiv überrascht, wie reibungslos und fließend der Schreibprozess selbst, und danach die lange und mühsame Nacharbeit von statten ging. Da ich sonst nur im filmischen Bereich mit anderen arbeite, war das eine ganz neue Erfahrung für mich, die ich sehr genoß.

– Verfasst haben Sie das Buch nicht unter ihrem eigenen Namen, sondern als »Rupert Dance«, vermutlich um es vom Rest Ihrer Arbeit abzuheben. Wie kam es dazu, dass Sie sich für ein männliches Pseudonym entschieden haben? Steckt hinter dem Namen eine spezielle Bedeutung?

Richtig. »Blaue Feen & Weiße Königinnen« geht in eine ganz andere Richtung, als meine bisherigen Werke, die ja trotz unterschiedlichsten Genres immer ein wenig in den Bereich Grusel, Fantasy, oder gar Thriller beheimatet waren. »Blaue Feen« ist auf eine neue Art psychologischer als die Gesellschaftskritiken »Kaltgeschminkt« und »Cold Hands«, oder gar die Scary-Tale »Gläsern«. Und auch etwas fröhlicher. Es gibt viel zum Lachen und Nachdenken. Viele Verleger und Leser glauben auch, dass ein Autor sich einer Stilrichtung verschworen hat, und hadern daher oftmals mit andersartigen Werken. Zumindest ist das meine eigene Erfahrung. Daher gaben wir unserer Märchenanthologie so die Chance, für sich selbst zu glänzen.

Das Schreiben aus männlicher Sicht ist für mich seit »Kaltgeschminkt« und »Cold Hands« etwas einfacher, aus welchem Grund kann ich nicht genau erklären. Vielleicht passt ein solcher Stil einfach besser zu meiner Art von Schreiben. Seltsamerweise bin ich beim Drehbuchschreiben da etwas lockerer. Mein letzter Charakter war in der Tat eine äußerst toughe junge Dame.

Mr Rupert Dance selbst ist ein Charakter aus meinem aktuellen Drehbuch, an dem ich lange Monate gearbeitet habe, und der mir sehr ans Herz gewachsen ist. Mein schottischer Bestatter Harris McLiod lässt mich heute noch nicht los. Manchen Figuren haucht man einfach zu viel Leben ein. Dann lassen sie einen nicht mehr gehen.

– Da wir schon den Rest Ihrer Arbeit erwähnten: Bis dato waren Sie vornehmlich im Horrorsektor unterwegs. Wie groß war aus schriftstellerischer Sicht der Sprung von der morbiden Literatur zum Märchen? Liegt beides Ihrer Meinung nach womöglich sogar näher, als man denken könnte?

Tatsächlich begann ich meine Arbeit als Autorin mit Literatur im Genre-Mix: klassische Ghoststory vs. Modern Mystery (»Kaltgeschminkt«, »Cold Hands«). Mein zweiter Roman, »Gläsern« hingegen bewegte sich in einer dunklen Märchenwelt, in der es um den Blutbräutigam Blaubart geht, der sich für die mehr oder weniger »böse« Lady auf eine Reise begibt. Für dieses Buch recherchierte ich lange, auch im Bereich Gesellschaftskritik und Verhaltenspsychologie, und natürlich konnte man Märchen und Horror immer schon ganz wunderbar miteinander verbinden. Im Vorwort zu »Blaue Feen & Weiße Königinnen« informieren wir weitestgehend auch über die Veränderung und die Anpassung der Märchen an die heutige Zeit, eine Gesellschaft, deren Bedürfnisse und Ansichten sich ja sehr verändert haben. Die Urmärchen hatten ihren Ursprung darin, der weniger intellektuellen Bevölkerung Tugendhaftigkeit und Gehorsam zu vermitteln. Das beste Beispiel dafür ist wohl Rotkäppchens »Komm nicht vom rechten Wege ab« – Mahnung als Warnung der Mädchen vor dem Manne. Heute lässt man sich nicht mehr mit Drachen und Hutzelweibern ängstigen. Heute jagen uns andere Menschen viel mehr Angst ein, wie der klassische Serienkiller, der Psychopath, der Kannibale und andere.

– Welchen Stellenwert haben Märchen für Sie allgemein? Und nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, welche Märchen-Vorlagen den Weg in Ihr Buch finden sollten?

Für mich persönlich sind Märchen überaus wichtig. Ich selbst wuchs in meiner schottischen Heimat mit alten Legenden und Folklore auf. Auch heute noch kann man ihnen viel entnehmen, Ratschläge, Warnungen, Trost in jedem einzelnen finden, wenn man nur genau hinsieht und liest. Da wir uns das jedoch in einer schnelllebingen Zeit wie dieser immer mehr selbst als Bürde auferlegen, und man sich kaum mehr Zeit für genaues Hinsehen nimmt, gehen wir einen Schritt auf die Leser zu, kleiden die Märchen in neue Gewänder, heben ihre ursprüngliche Nachricht an uns hervor, unterhalten und regen sogar zum Nachdenken an. Ich finde, sie sollten nie vergessen werden. Ansonsten übersieht man vielleicht den ein oder anderen wertvollen Gedanken.

Ausgewählt haben wir die Märchen gemeinsam, so ziemlich jede für sich, welche für uns am meisten bedeuten, was es wert ist, weitererzählt und neu interpretiert zu werden. Immerhin ist es doch interessant, ob die Prinzessin auf der Erbse tatsächlich eine Dramaqueen ist, oder doch einfach nur zu zart besaitet für eine grobe Welt, in der man immer durchhalten muss und keine Schwäche zeigen darf. Und welche Frau liest nicht gern etwas über Powerprinzessinnen wie »Die Schöne« oder die »Froschprinzessin«, die ihre Prinzen selbst erlösen und nicht unnütz herumsitzen? Es wundert mich doch ein wenig, dass Cinderella in der heutigen Zeit des »Feminismus« einen so großen Trend auslöst. Immerhin ist ihr einziges Ziel, einen reichen Mann zu finden, der sie aus ihrem Elend erlöst. Wir nennen heute so etwas wohl einen »Golddigger«. Dennoch liebe ich diese Geschichte noch immer sehr. Die Disney-hafte Transformation spricht doch sehr viele Träumenden an – auch heute noch.

– Haben Sie ein Lieblingsmärchen? Wenn ja, was fasziniert Sie daran ganz besonders?

Das habe ich in der Tat. Und zwar tauschte ich bereits als Kind »Schneewittchen« gegen die »kleine Meerjungfrau«. Lange Zeit dachte ich immer, mein »Herzensmärchen« wäre dank meiner dunklen Haare und der hellen Haut »Schneewittchen«. Doch so sehr ich damals zumindest optisch dieser etwas andersartigen Prinzessin, weil einmal nicht gewohnt blond (auch der Wandlung von Schneewittchens Erscheinung in diversen Märchen widmen wir uns im Buch), glich, so wenig konnte ich doch mit der Geschichte selbst anfangen. Dann kam mein zehnter Geburtstag und ich bekam eine Hörspielkassette. Seither hörte ich mir die Geschichte von Andersens »kleiner Meerjungfrau« so oft an, bis das Band der Kassette riss. Damals war ich ein Außenseiter in meiner Klasse, und identifizierte ich mich sehr mit der Nixe, die mit sich selbst unzufrieden war, sich sogar hässlich fand, und unbedingt wie alle anderen sein wollte. Diese Sage hat mir viel geholfen, wenn auch auf andere Art als man nun vielleicht annehmen würde. Dank ihr weiß ich heute, wer ich bin, und dass man nicht immer perfekt sein muss. Das schreckliche Ende der kleinen Meerjungfrau im Original sehe ich hingegen eher als eine Art Neuanfang an. Das alte Ich loslassen, um sich selbst zu finden. Was für ein Seelenstriptease.

– Was können wir von der Autorin Rona Walter in Zukunft erwarten? Was von ihrem Alter Ego Rupert Dance? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung?

Es gibt einiges zu erwarten und ich wurde bereits angehalten, meine deutschen Leser nicht zu vergessen, da ich mich ab dem Jahr 2016 mehr meinen englischsprachigen Lesern widmen werde. Dennoch erscheinen noch zwei Romane von mir in deutscher Sprache. Der erste Band der »Amaranth Saga«, ein Bestatterroman in den 1920ern, der den Titel »Cold Hands« tragen wird, und der zweite Band »Twisted Heart«, ein Schauermärchen aus dem viktorianischen England.

Im englischen Original werden beide Bücher ab 2016 unter den Titeln »The Bloody Groom« und »The Human Dress« in eine neue Auflage gehen.

Ebenso begann ich bereits einen sehr schwarzhumorigen viktorianischen Krimi mit der neuen Heldin Miss Ava, und mein erstes Kinderbuch, basierend auf der Kurzgeschichte »The Fairy in the Phonebox«, die unter dem Titel »Die Fee in der Telefonzelle« in »Blaue Feen & Weiße Königinnen« erschien.

Derzeit geht aber noch Film vor. Gerade laufen die Vorbereitungen zu meiner neuen Dokumentation in Essex. Zur gleichen Zeit bespreche ich die Einzelheiten zum animierten Kurzfilm der »Fairy in the Phonebox«, passend zum Bilderbuch.

Als nächstes beende ich endlich die Drehbücher zur TV-Mini-Serie von »Kaltgeschminkt« und »Cold Hands«, die unter dem OV-titel »The Human Dress« angeboten werden.

Der gute Mr Rupert Dance wird im besten Falle im verfilmten Drehbuch wieder auftauchen, hoffen wir einfach mal auf eine Solche. Ansonsten haben Krissi und ich noch genug Ideen für einen zweiten Band von »Blaue Feen«.
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