Interview mit Bestsellerautorin Wiebke Lorenz

Wiebke Lorenz (Foto: Copyright: pressebild.de)
Wiebke Lorenz gehört zu Deutschlands vielseitigsten Autorinnen. Ob mit amüsanten Frauenromanen, Kinderbüchern, Thrillern wie ihrem aktuellen Werk »Bald ruhest du auch« oder im Duett mit ihrer Schwester, ihre Bücher fanden stets reißenden Absatz. Im Interview mit der Leipziger Literatur-Plattform www.leserkanone.de sprach die Erfolgsautorin über ihr neuestes Buch und ihre anderen Projekte.

– Frau Lorenz, Ihr aktueller Roman »Bald ruhest du auch« ist nach Meinung der Besucher von Leserkanone.de (Stand heute) das beste Buch, das Sie je geschrieben haben, an einigen Tagen des Aprils standen Sie damit an der Spitze unserer Lesercharts. Herzlichen Glückwunsch! Wie erklären Sie sich selbst, dass Ihr Roman trotz zahlreicher anderer namhafter Veröffentlichungen so herausstechen konnte, was macht den besonderen Reiz daran aus?

Tja, das ist eine gute Frage, auf die ich – ehrlich gesagt – nicht so recht eine Antwort weiß. Aber ich will es trotzdem mal versuchen ... Zum einen gehört mit Sicherheit eine große Portion Glück dazu, wenn ein Buch besonders hervorsticht, denn in der Tat gibt es ja jeden Monat viele, viele tolle Neuerscheinungen. Was genau den Lesern dann am besten gefällt, kann wohl niemand voraussagen, ich jedenfalls nicht. Was auch gut so ist, denn ich möchte nicht Geschichten schreiben, die irgendeinen »Markt bedienen«, sondern solche, die mir selbst gefallen. Und es kann gut sein, dass ich mit jedem Buch ein bisschen besser werde, jedenfalls hoffe ich das. Bei jedem Roman versuche ich mich zu steigern, meine stetig wachsende Erfahrung zu nutzen und Fehler zu vermeiden, die ich im Buch davor vielleicht noch gemacht habe. Dass »Bald ruhest du auch« den Lesern so gut gefällt, liegt möglicherweise – möglicherweise! – daran, dass meine Thriller ziemlich emotional sind. Bei mir geht es nie um irgendeine »abgefahrene« Geschichte, die einem im Alltag nie passieren könnte; ich bleibe immer ganz nah dran am »wahren Leben«, versuche, die Abgründe in der scheinbaren Idylle zu finden. Ob das der Grund ist, bleibt natürlich reine Spekulation – aber in jedem Fall freue ich mich sehr, dass »Bald ruhest du auch« den Besuchern von Leserkanone.de so gut gefällt, denn es steckt eine ganze Menge Arbeit in diesem Buch (wie auch in meinen anderen).

– Nachdem Sie jahrelang lockere und fröhliche Literatur verfassten hatten, wagten Sie sich vor fünf Jahren mit »Allerliebste Schwester« erstmals in düstere Gefilde. »Bald ruhest du auch« ist nun nach »Alles muss versteckt sein« Ihr zweiter Thriller. Was macht speziell das Thrillergenre für Sie aus, und wie sorgen Sie dafür, dass sie wochen- oder gar monatelang in die darin thematisierten Abgründe der menschlichen Seele abtauchen können und neue Abgründe selbst erschaffen können?

Obwohl ich ja viele Jahre lang Komödien geschrieben habe – und das als »Anne Hertz« auch immer noch tue – hatte ich schon immer eine Faible für Thriller bzw. »düstere« Geschichten. Und irgendwann hatte ich einfach Lust, auszuprobieren, ob ich so etwas auch schreiben kann. Der Reiz bestand und besteht für mich zum einen darin, dass ein Thriller-Plot wesentlich komplizierter ist als eine Liebesgeschichte, da gelten vollkommen andere Regeln. Zum anderen ist es auch sprachlich etwas komplett anderes, für mich persönlich eine viel, viel größere Herausforderung. Das Heitere & Schnelle liegt mir von Natur aus (ich bin halt gebürtige Rheinländerin ...), das fließt mir so aus den Fingern – für einen Thriller muss ich mich in eine besondere Stimmung versetzen und außerdem hochkonzentriert sein, da reißt mich schon die geringste Störung heraus. Was mir dabei sehr hilft, ist Musik; zu jedem meiner Bücher gibt es eine Art Soundtrack, der beim Schreiben in der Endlosschleife auf meinem Computer läuft. Bei »Bald ruhest du auch« war das unter anderem der Titelsong aus dem Film »Das Parfüm«.

– Die Protagonistin Ihres Buchs ist eine junge Mutter, deren kleine Tochter kurz nach der Geburt entführt wird. Wie kam es dazu, dass Sie ausgerechnet ein solch schlimmes Schicksal zum Thema Ihres Buches machten?

Na ja, ich gehe immer dahin, wo es am meisten schmerzt, denn so entstehen die größten Emotionen – und nicht nur Eltern wissen, dass es kaum etwas Schlimmeres gibt, als wenn einem Kind etwas passiert. Außerdem reizte mich die Idee, mit Lena eine Figur zu erschaffen, die an postnatalen Depressionen leidet, die zu ihrem Baby anfangs überhaupt keine richtige Bindung aufbauen und es annehmen kann – und dann wird das Kind entführt, und Lena wird in das Geschehen geschubst. Da kämpft sie wie eine Löwin für ihre Tochter, der tragische Verlust erweckt gleichzeitig mit einem Schlag all die Gefühle in ihr, nach denen sie zuvor so verzweifelt gesucht hat. Diese Kombination fand ich einfach sehr spannend.

– Seit dem Ende der neunziger Jahre sind Sie schriftstellerisch aktiv. In dieser Zeit haben Sie amüsante Frauenromane, Kinderbücher, Liebesgeschichten und Thriller verfasst, außerdem für Zeitschriften geschrieben. Wie schafft man es, zwischen solch teilweise stark unterschiedlichen Genres zu wechseln, und was gibt den Ausschlag, in welche Richtung das jeweils nächste Projekt gehen wird?

Tatsächlich schreibe ich ja schon viele Jahre, mein erster Roman entstand 1995, also vor genau zwanzig Jahren. In dieser langen Zeit habe ich halt immer wieder Spaß daran gehabt, etwas Neues auszuprobieren, mich zu wandeln, Experimente zu wagen. Was den Ausschlag gibt? Ich würde sagen: meine jeweilige Stimmung und Lebenssituation.

– »Bald ruhest du auch« haben Sie ganz allein geschrieben. Sie verfassen Ihre Romane jedoch nicht ausschließlich im Alleingang, Sie sind auch mit Ihrer Schwester unter dem gemeinsamen Pseudonym »Anne Hertz« schriftstellerisch aktiv. Was macht den Unterschied aus, zu zweit an einem Projekt zu arbeiten? Wie schafft man es, die Ideen unter einen Hut zu bekommen? Und wie sehr verwandeln sich Wiebke Lorenz und Frauke Scheunemann im Verlauf eines gemeinsamen Projekts in die Schwestern Heike Bachmann und Nele Krüger Ihres Romans »Die Sache mit meiner Schwester«, die ebenfalls gemeinsam Romane schrieben, sich aber eigentlich nicht ausstehen konnten?

Natürlich ist es ein Unterschied, ob man allein oder zu zweit schreibt. Schon deshalb, weil man sich als Autoren-Duo miteinander abstimmen muss – allein kann man machen, was man will ... Beides hat Vor- und Nachteile. Wenn ich mit Frauke arbeite, liebe ich es, zusammen mit ihr zu brainstormen, da spielen wir uns gegenseitig die Bälle zu. Und wir helfen uns, wenn eine von uns nicht mehr weiter weiß und an irgendeiner Stelle hängt. Natürlich sind wir auch mal unterschiedlicher Meinung, da müssen wir dann eben Kompromisse finden. Aber es ist echt schön, beim Schreiben nicht so allein zu sein, denn eigentlich ist das Dasein als Schriftsteller ziemlich einsam. Bei meinen Solo-Projekten bin ich dann ganz »pur« Wiebke Lorenz – und ich glaube, die ist tendenziell etwas »härter«. Mich fasziniert das Düstere sehr, Frauke liegt das nicht so (sie selbst schreibe im Alleingang ja auch Komödien). Von daher ist es gut, dass wir uns neben »Anne Hertz« jede auch noch allein austoben können. Inwiefern wir uns beim gemeinsamen Schreiben in Heike und Nele aus »Die Sache mit meiner Schwester« verwandeln? Teilweise sehr – manchmal fliegen bei uns ganz schön die Fetzen und wir sind im Verlauf eines neuen Romans immer mindestens einmal so sehr zerstritten, dass wir ein paar Tage lang nicht mehr miteinander reden. Aber das legt sich immer wieder schnell, ganz im Gegensatz zu den schreibenden Schwestern in unserem Roman.

– »Bald ruhest du auch« erschien unter Ihrem Namen, die gemeinsam mit Ihrer Schwester verfassten Romane unter dem Namen »Anne Hertz«, im Dotbooks-Verlag erschien vor einiger Zeit das Buch »Männer und andere Fleischwaren«, das Sie als »Paula Fabian« schrieben. Ist es ein anderes Gefühl, die gedruckte Version eines Buchs erstmals in der Hand zu halten, auf dem der eigene Name steht, und eines, auf dem stattdessen ein Pseudonym prangt? Oder ist es nach all den Jahren und all den Veröffentlichungen ohnehin nichts Besonderes mehr, ein neues »gedrucktes Baby« erstmals in den Händen zu halten?

Doch, ein neues »Baby« in Händen zu halten ist nach wie vor etwas Besonderes für mich, und ich denke, dass es auch immer so bleiben wird. Schließlich habe ich Wochen und Monate mit der Arbeit daran verbracht, meine Geschichten begleiten mich rund um die Uhr. Wenn ich unter Pseudonym schreibe, habe ich vielleicht ein bisschen mehr Distanz, aber auch nicht wirklich. Es ist beinahe so, als hätte ich mich »verkleidet«, unter Pseudonym schreibe ich auch ein klein wenig anders als unter meinem echten Namen. Glaube ich jedenfalls. Aber auch da: Wenn da fertige Buch gedruckt in meinen Händen liegt, freue ich mich jedes Mal sehr (und trage es dann meist auch ein paar Tage mit mir herum, um immer mal wieder reinzugucken). Ich habe sogar die Angewohnheit, meine Nase in ein neues Buch von mir zu stecken – ich liebe diesen Duft!

– Was können wir von Ihnen in der nächsten Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung?

Ja, ich arbeite bereits an einem neuen Thriller, über den ich aber noch nichts verraten kann. Und dann schreiben Frauke und ich gerade an einem neuen »Anne Hertz«, der im Frühjahr 2016 erscheinen wird. Denn wie heißt es so schön? »Nach dem Buch ist vor dem Buch.«
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