Interview mit Autorin Romy Wolf

Romy Wolf (Foto: Vapeure.de)

Der Verlag »In Farbe und bunt« veröffentlichte vor wenigen Wochen den Roman »Zechengeister« aus der Feder von Romy Wolf, eine filigrane Mischung aus historischem Roman, Phantastik-Elementen und gesellschaftlichen Themen. Im Interview mit der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de sprach die Autorin über ihren Roman, über die Eignung des Ruhrgebiets als Schauplatz und über die Verarbeitung moralischer Fragen in ihren Texten.

– Frau Wolf, vermutlich hat noch nicht jeder Besucher unserer Webseite Notiz von Ihrem neuen Roman genommen. Könnten Sie unseren Lesern »Zechengeister« kurz mit eigenen Worten vorstellen?

Aber gern. Bei »Zechengeister« handelt es sich um einen historischen Fantasy-Roman, der Ende des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet spielt. Als dort die fiktionale »Narrenkrankheit“ um sich greift und immer mehr Menschen in einen todesähnlichen Schlaf reißt, muss ausgerechnet der junge, pragmatische Bergmann Micha erkennen, dass nur er in der Lage ist, diese Krankheit aufzuhalten – und dass ausgerechnet seine Schwester Neni Geister sehen kann. Das ist die grobe Handlung, aber auch Themen wie Immigration, Fremdenfeindlichkeit, Verrat, Freundschaft und die Frage, wer eigentlich über wen richten darf, spielen eine zentrale Rolle.

– Den Lesern welcher anderer Autoren oder welcher anderen Romane würden Sie Ihr Buch ans Herz legen? Haben Sie literarische Vorbilder, oder haben Sie Ihren eigenen Stil auf andere Weise gefunden? Was sind Ihre eigenen Lieblingsbücher?

Ich könnte mir vorstellen, dass Fans von Oliver Plaschka oder den »Sally Lockhart«-Romanen von Philip Pullman die Mischung aus Fantasy und Historik gut gefallen könnte, aber das ist wirklich schwer zu sagen. Ich glaube jeder, der fehlbare und menschliche Protagonisten schätzt, wird sich gut unterhalten fühlen. Im Bereich Fantasy bewundere ich Autoren wie Neil Gaiman, Rick Riordan, Patrick Rothfuss und Maggie Stiefvater, deren Bücher mich mit Sicherheit auch beeinflusst haben. Aber ich lese auch sehr gerne Autoren wie Paul Auster, Philip Roth und Jane Austen. Ich lasse mich da nicht gerne auf ein Genre festlegen.

Lieblingsbücher? Schwere Frage – da gibt es so viele, und alle sind so unterschiedlich. Die »Anne auf Green Gables«-Reihe von Lucy M. Montgomery begleitet mich schon seit meiner Kindheit, und ich lese die Bücher immer noch wahnsinnig gerne. Momentan verschlinge ich die »The Raven Cycle«-Romane von Maggie Stiefvater. Andere Favoriten sind unter anderem »Der Name des Windes« von Patrick Rothfuss, »Stadt der Diebe« von David Benioff und »Der Fremde in der Stille« von Sofia Traut, aber da gibt es noch unendlich mehr.

– Das Ruhrgebiet ist für einen historischen (Fantasy-) Roman ein ungewöhnlicher Schauplatz. Wie kam es dazu, dass Sie diesen gewählt haben, nachdem Sie zuvor literarisch in Edinburgh unterwegs waren? Mussten Sie viele Recherchen anstellen, um ein realistisches Bild der Zeit zu erschaffen, oder hat Ihr Ruhrgebiet mit den tatsächlichen damaligen Zuständen wenig zu tun? Welcher Aufwand steckt generell in einem Buch wie »Zechengeister«?

»Zechengeister« ist ja wesentlich älter als »Die Spione von Edinburgh«, daher hat es mich eigentlich von meiner Heimat aus literarisch über den Kanal nach Schottland verschlagen, wenn man so will.

Ich bin im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, und lebe unheimlich gerne hier. Die alten Industriekathedralen haben mich schon immer fasziniert und die Art, wie die Schwerindustrie diese Region so nachhaltig geprägt hat. Wenn man hier wohnt, dann kommt man täglich an alten Fördergerüsten, Hochöfen oder Hüttenwerken vorbei und man gewöhnt sich so sehr an den Anblick, dass man sich hin und wieder bewusst ins Gedächtnis rufen muss, wie besonders diese Gegend ist, und welche bewegte Geschichte sie hat. Und dann steht man auf einer dieser Zechengelände und fragt sich, wie das wohl damals war, als hier noch »malocht“ wurde. Zudem kam, dass es zwar durchaus Romane gibt, die in Deutschland spielen, dann aber meistens in Berlin, Hamburg oder München. Ich wollte mal etwas anderes machen. Aus diesen Gedanken entstand die Idee zu »Zechengeister«.

Auch wenn der Schauplatz meines Romans keine konkrete Stadt im Ruhrgebiet ist, war es mir doch sehr wichtig, ein möglichst realistisches Bild der Zeit damals zu zeichnen. Zwar bekommt man schon ein Gefühl für die Dimensionen der Anlagen und Zechensiedlungen, wenn man hier wohnt, aber den konkreten Aufbau eines Zechenhauses habe ich zum Beispiel recherchiert. Ich kann da sehr penibel sein. Ich habe Bismarcks Sozialgesetze studiert, um abzugleichen, inwiefern die Arbeitszeiten meiner Protagonisten stimmen, mich nochmal genau in Bergbau-Begriffe wie »Schlagwetter« eingelesen und nachgesehen, bis wann Grubenponys im Einsatz waren. Auch der Name der Zeche ist zwar fiktional, aber eine Anspielung auf eine Zeche, die wirklich existierte.

Ich mag historische Stoffe und recherchiere sehr gerne, aber es ist schon ein großer Aufwand. Zum einen dauert es seine Zeit, Informationen zu finden, das Material zu sichten und sich einzulesen. Nicht selten geschieht es aber auch, dass man zufällig über Details stolpert, die bestimmte Handlungselemente völlig unmöglich machen, und dann verbringt man nicht wenig Zeit damit, nach Alternativen zu suchen. Zum Beispiel gab es zu der Zeit von »Zechengeister« die berühmten Schwarz- und Weißkauen noch nicht, wo die Bergmänner sich umgezogen haben. Also musste ich diese Szenen streichen oder umschreiben.

– Ihr Buch entstand bereits im Jahre 2008. Wie kam es dazu, dass zwischen der Entstehung und der Veröffentlichung sieben Jahre verstrichen?

»Zechengeister« entstand als ein »Freischreib-Projekt«, nachdem ich zuvor ein Jahr lang in einer tiefen Schreibblockade gesteckt hatte. Obwohl mir damals mehrere Testleser sagten, ihnen gefalle das Buch, war ich selbst damit nicht zufrieden und packte es in die virtuelle Schublade.

Erst letztes Jahr, nachdem ich bereits »Die Spione von Edinburgh« untergebracht hatte, fiel mir »Zechengeister« wieder ein. Ich holte das Buch hervor, las mich ein und stellte fest, dass zwar eine Überarbeitung nötig hatte, aber durchaus gut genug war, um es bei einem Verlag einzureichen.

– In Ihrem Buch wird nicht nur eine spannende Geschichte erzählt, sondern auch eine Persönlichkeitsentwicklung vorgeführt, da die Hauptfigur Micha Keller zunächst eine große Abwehrhaltung gegenüber Immigranten einnimmt, die später ins Wanken gebracht wird - ein Thema also, das auch heute noch brandaktuell ist. Wie wichtig war es Ihnen, neben der eigentlichen Story auch eine Botschaft zu vermitteln, gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeschehens?

Mir war es wichtig, ein realistisches Bild der damaligen Zeit zu zeichnen, und ich wollte nicht einen essentiellen Punkt auslassen, um mir das Schreiben des Romans leichter zu machen – vor allem, wenn es um so ein aktuelles Thema geht. Fremdenfeindlichkeit ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Bei meiner Reihe »Die Spione von Edinburgh« musste ich mich einem ähnlichen Problem stellen, denn ich wollte nicht einfach die Kolonialpolitik des British Empires außen vor lassen. In dieser Reihe tauchen mehrere Figuren auf, die unter der britischen Besatzung gelitten haben – das war mir extrem wichtig.

Ich schreibe sehr gerne historische Stoffe, unter anderem auch, weil die Leute damals gar nicht so anders waren als wir. Sie wuchsen nur mit anderen Moralvorstellungen auf. Indem ich diese thematisiere, hoffe ich einen Anstoß zu geben, eigene Werte und deren Ursprung, zu hinterfragen. Ich meine das überhaupt nicht wertend und auch nicht auf ein spezielles Thema bezogen. Aber den Kontrast und die Gemeinsamkeiten zu der heutigen Zeit herauszuarbeiten, ist eines meiner Hauptanliegen.

Beim vierten Band der »Spione«-Reihe zum Beispiel bekam ich als Rückmeldung die Frage, ob die Parallelen zu der politischen Situation heute beabsichtigt seien und ja, das sind sie absolut. Ich finde, Bücher und Filme - also allgemein Geschichten -, sind die beste Möglichkeit, wichtige Themen ohne den erhobenen Zeigefinger anzusprechen.

Aber ich bringe überhaupt die Weltvorstellung meiner Figuren gerne ins Wanken.

– Sie sind nun schon seit einigen Jahren als Autorin aktiv, haben Anthologiebeiträge verfasst, eine ganze Buchserie veröffentlicht und obendrein kurze Beiträge geschrieben, die man kostenlos auf Ihrer Webseite lesen kann. Haben Sie seit dem ersten Buchstaben, den Sie einst zu Papier gebracht haben, spezielle Eindrücke gesammelt oder gibt es Vorschläge und/oder Kritikpunkte, die Sie mit Ihren Lesern teilen oder Ihnen mitteilen möchten? Was wünschen Sie sich vom deutschsprachigen Buchmarkt und von Ihrer Leserschaft im Speziellen?

Ich würde mir wünschen, dass die strikte Einteilung von »Unterhaltungsliteratur« und »Hochliteratur« in Deutschland endlich ein Ende findet. Ich habe den Eindruck, dass gerade der deutsche Buchmarkt sich viel zu sehr damit aufhält, Bücher in Schubladen zu sortieren. Was nicht anhand von einfachen Kategorien vermarktet werden kann, bekommt eben keine Chance. Dabei wird es doch gerade spannend, wenn Bücher sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Die Bücher von Paul Auster zum Beispiel haben eindeutig phantastische Elemente, doch keiner würde es wagen, die Romane als Phantastik zu bezeichnen, weil das die potentielle Leserschaft verunsichern und möglicherweise vergraulen würde. Auf der anderen Seite gibt es wunderbare Fantasy-Romane, die Kritikern vermutlich Freudentränen in die Augen treiben würden, wenn sie den Büchern denn eine Chance geben würden. Dasselbe gilt auch für andere Genres.

Ich wünsche mir vom Buchmarkt, aber auch von Lesern und Autoren ein wenig mehr Mut, über den Tellerrand zu schauen und mit ein bisschen mehr Offenheit an die Literaturszene zu gehen.

Ein gutes Buch ist ein gutes Buch. So einfach sollte es sein.

– Was können wir von der Autorin Romy Wolf in der nächsten Zukunft erwarten? Sind bereits neue Buchprojekte in Planung? Und wird man Sie auf Messen oder Lesungen live erleben können?

Momentan arbeite ich an einem weiteren historischen Roman, diesmal allerdings ohne Fantasy-Elemente. Das Buch spielt 1930 in New York und erzählt den Lebensweg eines jungen Mannes, der immer tiefer in die Machenschaften der irischen Mafia verstrickt wird. Zudem bereite ich Band 5 und 6 von »Die Spione von Edinburgh« vor, die noch geschrieben werden müssen. Und natürlich schweben auch noch eine Menge anderer Bücher in meinem Kopf herum.

Dieses Jahr werde ich auf jeden Fall beim BuCon (17. Oktober) und der BuchBerlin (28./29.November) als Autorin da sein und würde mich riesig freuen, den ein oder anderen Leser kennenlernen zu dürfen!
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