Eva Maria Hux: »Im Labyrinth des Poeten«

Das Verbrechen macht vor keinem Segment des gesellschaftlichen Lebens Halt, auch nicht vor der Welt der Kunst. Buchkenner wissen dies vielleicht schon seit dem »Venezianischen Finale«, als Donna Leon ihren Commissario Brunetti erstmals in Aktion treten ließ, spätestens aber seit diesem Sommer, als Star-Autorin Tatjana Kruse ihre Leser in ihrem Roman »Bei Zugabe Mord!« zu den Salzburger Festspielen entführte. Etwas weniger prominent, aber nicht weniger hoffnungsvoll kommt »Im Labyrinth des Poeten« daher, ein Kriminalroman der Cellistin und Autorin Eva Maria Hux. Eben dieses Buch haben sich die Redakteure der Leipziger Literaturplattform www.leserkanone.de einmal etwas genauer angesehen.

Eva Maria Hux ist im richtigen Leben eine Art Weltenwandlerin, denn sie stammt aus der Schweiz, studierte unter anderem im bayrischen Würzburg, lebt und arbeitet im Krimiland Schweden, und hat sich einen Verlag aus Sachsen-Anhalt für ihr Buch ausgesucht. Inhaltlich aber kehrte sie in die Heimat zurück, denn die Handlung ihres Romanes spielt in der Schweiz. Der literarische Sprung in den Bereich der Kunst kommt nicht von ungefähr, denn sie tritt sowohl als Solistin als auch als Kammermusikerin am Cello auf und arbeitete unter anderem an der Königlichen Oper von Stockholm sowie als Kulturverantwortliche an der dortigen schweizer Botschaft. »Im Labyrinth des Poeten« ist nach dem in einer Anthologie erschienenen Kurzkrimi »Mord nach Noten« ihr erster vollständiger Roman. Er wurde zum Jahreswechsel vom Latos-Verlag herausgegeben, ist rund 375 Seiten stark und sowohl als Taschenbuch als auch als E-Book erhältlich. Die Papierversion kostet 12,99 Euro, während man die digitale Variante bereits für 4,99 Euro erwerben kann.

Protagonistin des Romans ist eine junge Dame namens Adina Anderson, die - wie der Zufall es so will - genau das gleiche ist wie Eva Maria Hux selbst, nämlich eine Cellistin. Damit war von vorneherein gesichert, dass sich die Autorin fachlich mit dem auskannte, was sie da schrieb. So viel kann man vorab schon einmal festhalten: Die Musik- und Kunst-Szene ist schon eine ziemliche Sache für sich und kommt einem streckenweise etwas fremd vor, wenn man selbst keine Affinität zu diesem »Universum« hat. Die meisten von uns dürften sich beispielsweise noch nie darüber Gedanken gemacht haben, aus welchen Holzarten die Stradivaris und Guarneris in bestimmten Zeitabschnitten ihre Instrumente gefertigt haben, nicht wenige werden »Guarneri« sogar eher für eine Nudelsorte als eine traditionsreiche Familie aus Cremona halten. Diverse Begriffe und Namen entstammen anderen Sprachen, und ob es ein Ausdruck der Bewunderung oder reiner Zynismus ist, wenn ein Brief »energievoll überschwappend wie ein Allegro-Satz Rachmaninows« geschrieben ist, dürfte den einen oder anderen Otto Normalleser auch zweifeln lassen.

Das Entscheidende daran: Dem Buch wird die positive Wirkung und der Spaß am Lesen auch dann nicht geraubt, wenn man keinerlei Bezug zu der Szene hat. Im Gegenteil, die Andersartigkeit ist faszinierend und man kann durch die nahe, aber doch fremde Szenerie schweben und sie in Ruhe beobachten. Es gibt kein Problem mit dem Verständnis, da der eigentliche Kern ohnehin die Kriminalgeschichte ist. Und schlussendlich zeichnet es Autorinnen und Autoren aus, wenn sie in der Lage sind, nicht nur Dinge zu schreiben, die praktisch jeder schreiben könnte, sondern in ihren Spezialthemen aufzugehen und dabei dennoch so nah an allen Lesern zu bleiben, dass diese sich trotzdem wie ein Teil der Handlung fühlen können. Eva Maria Hux schafft es jedenfalls problemlos, den Grat zu wandern und ihre Leser auch auf fremden Terrain bei der Stange zu halten. Nicht zuletzt gelingt dies durch einige eingestreute Informationen, die vermutlich jedem ein »Ach so?« entlocken werden. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass eine Cellistin namens Lisa Cristiani vor einem halben Jahrhundert noch ein besonderes Spektakel war, da es damals offenbar als unschicklich galt, wenn Frauen Instrumente zwischen ihren Knien aufstellten?

Doch genug abgeschweift: Die erwähnte Adina Anderson erhält von einem unbekannten Gönner eine teure Leihgabe in Form eines Instruments. Dabei handelt es sich womöglich um ein Cello, das einst in tragische Ereignisse verwickelt war und schon seit langer Zeit als verschollen galt. Nachdem das teure Instrument gestohlen wird, muss Adina erkennen, dass sie Teil einer großen Inszenierung gewesen sein könnte. Aus diesem Grund entschließt sich die Cellistin, ihr Cello Cello sein zu lassen und stattdessen der Sache auf den Grund zu gehen.

Ganz der anspruchsvollen Kunst angemessen, der Cellisten nachgehen und in deren Spannungsfeld die Handlung des Buches platziert wurde, kommt »Das Labyrinth des Poeten« nicht als krawalliger Haudraufroman daher, sondern als ein Kriminalroman im klassischen Verständnis dieses Begriffs. Ein Buch, das bedächtig anfängt und auf leise Töne setzt, jedoch kontinuierlich anzieht und sich sowohl in Sachen Tempo als auch Spannung dezent, aber unablässig steigert. Eva Maria Hux benötigt kein sprudelndes Blut, um die Leserschaft an ihr Buch zu fesseln. Ihr Köcher, mit dem sie die Leser einfängt, sind stattdessen der ebenso schlau ausgedachte wie klug aufgerollte Fall an sich, die Eigenständigkeit des Themas und die - zumindest für die meisten Leser - ungewöhnlche Atmosphäre. Diese Aspekte lassen das Buch auch bei all denjenigen funktionieren, die mit der Welt der Kunstschaffenden wenig bis nichts am Hut haben. Adina Anderson und die übrigen Protagonisten sind zwar »anders«, wirken deswegen aber noch lange nicht weniger authentisch.

»Im Labyrinth des Poeten« wird in sechzig Kapiteln erzählt, die kurz und knackig sind, so dass es gar nicht erst zu Durchhängern kommen kann. Für Abwechslung ist dabei gesorgt, unter anderem auch deshalb, weil es mehrmals kurze Abstecher ans Ende des 18. Jahrhunderts gibt. Diese sind kursiv dargestellt, ein Mittel, das die Autorin häufig anwendet (etwa auch bei Briefen und Artikeln aus Onlinezeitungen), was der ein oder andere Leser bei längeren Abschnitten etwas anstrengend für das Auge empfinden könnte, wovon man sich jedoch nicht verschrecken lassen sollte. Eine zweite stilistische Auffälligkeit besteht in Form einer Reihe von Übersetzungen, die als »Anmerkung der Autorin« in den Text eingeflochten wurden, um französische Begriffe oder Wendungen verständlich zu machen. In dieser Weise begegnet dies einem selten in Romanen, eher in journalistischen Texten, doch praktisch ist es allemal.

Freunde von Kriminalromanen, die gleichzeitig im kultivierten Ambiente von Konzerten ihr Zuhause haben, können sich dank »Im Labyrinth des Poeten« glücklich schätzen, ein Buch zu bekommen, das genau auf ihre Interessen zugeschnitten und dabei auch noch von vorne bis hinten sehr gut geschrieben worden ist. Für sie dürfte das Buch eine Pflichtlektüre sein, die sie in ihr Echtholzregal stellen können. Im Gegensatz zu Tatjana Kruses »Bei Zugabe Mord!« werden dabei vor allem diejenigen Leser angesprochen, denen es nicht um die lockere Unterhaltung, sondern vor allem um einen Kriminalfall mit Köpfchen geht. All diejenigen Leser, die sich zwar für Kriminalromane begeistern können, jedoch mit der künstlerischen Szene nur wenige Berührungspunkte haben und kulturelle Schöngeister eher skeptisch beäugen, werden vermutlich gewisse Vorbehalte gegenüber dem Buch haben, doch diese sind unbegründet. Man kann den Ausflug in diese Welt auch dann genießen, wenn man Cellos nur als Begriff aus einem Udo-Lindenberg-Lied kennt. Stattdessen sollte man dem Buch offen entgegentreten: Dorthin zu reisen, wohin man vorher noch nie war, macht schließlich in der Regel auch mehr Spaß als Urlaubsreisen zum immer gleichen Ort. Und »Im Labyrinth des Poeten« ist die Reise definitiv wert.
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