Nach über 300 Jahren ein Geheimnis gelüftet

Altes Manuskript aufgetaucht/Rethmarer Schlossherr hatte bei Ermordung des Grafen Königsmarck seine Hände im Spiel

Von Lothar Rolf Luhm
Rethmar-Sehnde. Mehr als drei Jahrzehnte hatte es im Verborgenen geschlummert, ein aufschlussreiches Manuskript über Rethmar im Großen Freien, das im Nachlaß des 1985 verstorbenen Julius Rohrbeck, Sohn des Pastors Paul Rohrbeck, entdeckt wurde. Jahrelang hatte der Pastorensohn geforscht und versucht, so manches Rätsel zu lösen, wobei ihm sicherlich alte Kirchenbücher eine große Hilfe waren. Die letzte handschriftliche Eintragung datierte aus dem Jahr 1954. Dann hatte der alte Herr seinen 225 Schreibmaschinenseiten umfassenden historischen Rückblick beiseite gelegt und kein Wort darüber verloren, so dass seine Erben baß erstaunt waren, als sie die Aufzeichnungen fanden. Ein Neffe des Verstorbenen, Dr. Jürgen Bortfeldt, Naturwissenschaftler und einstmals Professor an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, war von dem Manuskript so begeistert, dass er sich nach seiner Emeritierung mit Unterstützung seiner Ehefrau Lieselotte daran machte, die Arbeit seines Onkels fortzusetzen. Entstanden ist ein lebendiges heimatkundliches Buch, das kürzlich in der zweiten Auflage erschienen ist.

Julius Rohrbeck interessierte vor allem die Geschichte der Edlen von Rutenberg im Großen Freien, die bereits im 12.Jahrhundert zahlreiche Schlösser und Landsitze zwischen Hildesheim und Lüneburg besaßen, so auch die ehemalige Ritterburg Rethmar, die nie erobert wurde. Im Jahre 1332 berannte Bischof Heinrich III. von Hildesheim zusammen mit seinen Vettern, den Herzögen Otto und Wilhelm, das feste Haus Rethmar. Vergeblich – sie mussten unverrichteter Sache von dannen ziehen. Bischof Heinrich gelobte, das Haus dennoch eines Tages zu brechen, koste es, was es wolle, um die Rethmarer zu zwingen, das Bündnis mit seinem Erzfeind Erich von Schaumburg aufzukündigen. Doch die Ritter von Rethmar hielten ihren Verbündeten im sogenannten Bischofsstreit auch weiterhin die Treue - und blieben unbesiegt.
Nach dem Tode des Letzten Namensträgers aus dem Geschlecht der Edlen von Rutenberg, des Barthold von Rutenberg, wurde sein Schwiegersohn Philipp Samson Herr auf Haus Rethmar. Er hatte am 13. November 1362 Amalie von Rutenberg in Rethmar geheiratet. Sie starb bereits nach dreijähriger Ehe im Alter von 22 Jahren. Fortan waren die Edlen von Eltz Herrscher und Erben auf Gut Rethmar. Der heutige Besitzer von Schloß Rethmar ist Baron Rüdiger Freiherr von Wackerbarth, unter dessen Federführung „sein Haus“ zu einem kulturellen Mittelpunkt für die gesamte Region wurde.

Anmerkungen neben der lückenlos geführten Ahnentafel lassen erkennen, dass es um das Schloß Rethmar auch einige Geheimnisse gibt. Erinnert sei an den Grafen Philipp Christoph von Königsmarck, der bei einem Abschiedsbesuch am 1. Juli 1694 im Leineschloß spurlos verschwand. Er hatte mit der aus dem Celler Herzoghaus stammenden Kurprinzessin Sophie Dorothee von Hannover ein Verhältnis. Die Kurprinzessin, deren gleichnamige Tochter später als Mutter Friedrich des Großen von sich reden machte, wurde wegen Ehebruchs lebenslang auf Schloss Ahlden verbannt. Von Graf Königsmark erzählte man, er sei von Unbekannten ermordet und im Leineschloß irgendwo eingemauert worden. Doch jetzt nach rund 300 Jahren stellte sich heraus, dass er von vier königlichen Kavalieren getötet, seine Leiche in einen Sack gesteckt und in die Leine geworfen wurde. Ob von höchster Stelle befohlen oder gewünscht, ist nicht bekannt.
Beim Studium der vorgefundenen Unterlagen wurde deutlich, dass einer der „Mörderbuben“ Philipp Adam zu Eltz aus Rethmar war, der mitgeholfen hatte, die Affäre um Graf Königsmarck geräuschlos zu beenden. Bekannt ist, dass nach dem rätselhaften Verschwinden Königsmarcks Herr von und zu Eltz zu hohen Staatsämtern aufstieg und vom König fürstlich belohnt wurde, so dass er auch sein Schloß in Rethmar von Grund auf umbauen konnte. Adam zu Eltz starb nur vier Monate später als König und Kurfürst Georg I., dem er als „Churfürstlicher Geheimer Rath“ verschwiegen gedient hatte. Er wurde am 30.Mai 1728 in der Crypta Eltziana beigesetzt. Sein Prunksarg mit seinen Gebeinen steht heute in der zur Leichenhalle umgebauten Crypta in Rethmar, auch der Sarg von Amalie von Eltz, geborene von Rutenberg, befindet sich dort.
Wie das Manuskript und weitere Notizen aus dem Nachlass verraten, muss das Verhältnis der freien Bauern zu den Patronatsherren auf Gut Rethmar manchmal recht spannungsreif gewesen sein, wobei zu erkennen ist, dass auch die Herren Pastoren hier oftmals gefragte Vermittler waren. Bortfeldts Recherchen offenbaren so manches über Pfarrer, Küster, Edelleute, Testamente und Eheverträge, allerdings wenig über eine prähistorische Vergangenheit des Dorfes, mit Ausnahme des Hinweises auf einen etwa 600 Jahre alten henkellosen Krug, der beim Ausschachten im Schulgarten auf dem Osterkamp in einem alten zugeschütteten Brunnen gefunden wurde.
Interessanter sind die örtlichen Begebenheiten, die Machtbefugnisse der Patronatsherren und Entwicklung des Dorfes an der Bundesstraße 65 zwischen Sehnde und Peine, das Anno 1117 erstmals aktenkundig genannt wurde. Professor Bortfeldts Buch ist eine Fleißarbeit. Doch es macht Spaß, darin zu blättern, denn man erfährt allerlei Wissenswertes über Rethmar im Großen Freien. Übrigens, der altdeutsche Name Rethmars lautet Rhiodmer und besagt, dass es sich hier um ein sumpfiges Gelände gehandelt hat, denn hriod oder reth sind gleichbedeutend mit Schilf oder Röhricht.
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14 Kommentare zum Beitrag
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carsten koehler aus Lehrte am 17.12.2008 um 09:47 Uhr  
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Kurt Battermann aus Burgdorf am 17.12.2008 um 10:45 Uhr  
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Gabriele Walter aus Ichenhausen am 10.12.2009 um 09:14 Uhr  
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