Wir sind schon weit:
Die späte Sonne nimmt
den Tag mit sich
auf Reisen.
Über unsere bunte
Ansicht breitet sich
Nebel
ein zarter Chiffon.
Etwas später lässt es
der Abend zu:
Die Nacht dufte schon nach
Schnee.
Hannes Kothe-Opperau
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Die Nacht,
sie "duftet" schon nach Schnee.
Manchmal speit sie ihn geradezu aus - oder verfängt sich in ihm, er lässt sie kaum noch los, wenn der Morgen den Tag verjagen will - die Nacht, sie siegt.
Nicht mehr lange, dann wird der Tag wieder die Herrschaft über den Tag erringen, die Welt von neuem er-leben und auf-leben, der Chiffon des Tages die Nacht versenken.
Gnadenvolle Zeit!
hallo roland!
meine erlebten bilder in dem text:
die sonne geht ja unter - in unserem sprachgebrauch (entgegen der astronomischen wirklichkeit). sie bringt weiter westlich den tag: nimmt ihm mit auf reisen.
es ist eigenartig, ich habe mich wie ein kind gefreut, als mir dieses bild "aufging".
auch die anderen bilder: nebel als zarter chiffon (lt.duden ein zartes gewebe).
und dieser eigenartige geruch in manchen stunden - im meinem vers am abend, wo man oft mehr zeit hat, sich solchen betrachtungen hinzugeben - zum duft veredelt. diese geruchsvariante ist irgendwie süßlich-herb, wie mir scheint. es mag eine anreicherung oder verdichtung von ozon sein, die einem da in die nase kommt. wo ich das jetzt schreibe kommt mir der gedanke, mich doch in der wetterkunde schlau zu machen.
ja, zu dieser lyrik im ganzen: wie du sicher schon lange bemerkt hast, bin ich ein freund der sprachlichen bilder - das ist ja ähnlich wie bei der fotografie: man knipst am besten nicht einfach drauflos, sondern "lauert" auf den moment, in dem sich das ungewöhnliche, nicht alltägliche zeigt, um es festzuhalten.
vom reimzwang, der mir zur vergewaltigung der sprache führt, habe ich mich weitgehend frei gemacht.
Eine interessante, kreative Arbeitsweise,
mit der Du Deine Gedichte kreierst. Für mich ist es schade, wenn man sich von Reimen völlig befreien will. Gereimte Sprache ist wie ein in sich ruhendes, stimmiges Bild. Verzichtet man generell und grundsätzlich auf Reime, verzichtet man auf das Urmittel sprachlicher Darstellung, seit es Dichtung gibt.
Drum verzichte ich ganz bewusst und gezielt nicht auf Reim, Metrik, Rhythmus.
Bilderreihung allein mag kreativ sein; aber sie ist mir manchmal, wenn sie ausschließlich benutzt wird (August Stramm u.a.) zu sehr dem Belieben anheimgegeben.
So verzichtet z.B. unsere Renate ja auch generell auf Reime; das allein kann's also nicht sein; im Gegensatz zu Dir fehlt ihr das Entscheidende: die Sprachkreativität, der Mut, neue, nie gesagte, mutige Bilder zu entwerfen. Das wäre kreative Lyrik - mit oder ohne Reim.
das alles muss ausgesprochen werden und nebeneinander stehen können! es trifft sich ja im wichtigsten punkt des anliegens: der pflege der sprache als eines der wichtigsten mittel menschlicher verständigung!
lass uns darin fortfahren und jederfrau und -mann daran teilhaben (und gerade dieses medium hier einsetzen) .
Na ja, Dietrich,
"jedermann" und "jederfrau" werden wir nicht logischerweise nicht erreichen, wie Du ja weißt. Es wäre ja schon ein Ziel, die literarisch Interessierten (unseres Kreises) zu erreichen.
Eine "Vergewaltigung" unserer Sprache, von der Du sprichst, wurde für mich mit der Rechtschreibreform vorgenommen.
Ich hätte mir von einer Reform die komplette Abschaffung der Großschreibung gewünscht, wie in allen modernen Sprachen und wie es im AHD und MHD war. Diese künstliche Großschreibung seit dem 17. Jh., soweit ich weiß, kostet unendlich viel sinnlose Unterrichtszeit, in der andere Mathe, Physik oder einen kreativen Sprachgebrauch lernen können.
Sinnvoll war definitiv nur die Reform der s-Laute.
Aber mein Name muss bleiben - und zwar mit "ß" !!!
auf bairisch: schau mer mal!
zu deinem "greißl" : ganz bestimmt weißt du, dass "ß" nach doppelvokal erhalten bleibt - es sei denn du hättest es mit schweizern zu tun, die das sz ganz abgeschafft haben (wobei ich glaube, dass die auch vor eigennamen respekt haben und sei es nur wegen der dokumententreue, z. b. im pass).
Ich möchte nicht in die Diskussion über Endreim eingreifen (manchmal habe ich den Eindruck, dass manche gegen den Endreim sind, weil sie das nicht können; Krolow ist übrigens bei seinen letzten Gedicht zum Endreim zurückgekehrt). Das Gedicht finde ich sehr überzeugend und stimmig. "Die Nacht duftet nachSchnee" - wunderbar! Aber wieso hier der Konjunktiv?
danke für ihr interesse, herr gemthal.
aber bitte schön, greifen sie doch ein! so eine diskussion um ein herzstück der literarischen kultur, die lyrik, kommt so selten in der öffentlichkeit zustande, dass man um jeden diskutanten froh sein muss.
zu ihrer frage wegen des kunjunktivs: es handelt sich ja um eine aussage im bereich der annahme, der vermutung, des wunsches - jedenfalls duftet ja schnee nicht wirklich ...
und dann zu karl krolow. ich hatte diese beeindruckenden letzten texte, auf die sie wohl abstellen, bei leitner gelesen. ob es sich um "rückkehr" handelte, will ich nicht beurteilen. jedenfalls sind die reimform und die reimlose form des gedichtes seit jahrhunderten "legale" optionen (ich hatte neulich beim autorenkreis von hölderlin ein reimloses gedicht vorgetragen). es kommt wohl auf das thema an, das man darstellen will und mit welchen mitteln man es zu unternehmen trachtet. ich bevorzuge die poetischen bilder, die originären fügungen.
Eisvergnügen am Maschsee
Große Freude in Hannover. Nachdem wir es vor noch nicht allzu langer Zeit nicht für möglich gehalten hätten, dass es noch Winter werden könnte, hat...
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