Und weiter geht's im Seniorenheim
Dieses Mal weihnachtet es natürlich auch ein wenig.
Ich werde wieder mit Koniferen-Zweigen anrücken. Die duften nämlich so schön, und das belebt und weckt auch bei den nicht mehr so Leistungsfähigen Erinnerungen.
Wir gestalten dann kleine Gebinde, jeder nach Belieben und Fertigkeit.
Irgendwann / zwischendurch berichte ich von den vier Kerzen - im Wandel der Zeit (dass die dritte eigentlich rötlich sein sollte, da der dazugehörige Sonntag "Gaudete" (seid froh) ist, während die anderen drei in der Adventfarbe Lila gehalten sein sollten ...
Auch meine kleine launige Weihnachtsgeschichte werde ich vortragen:
DORFWEIHNACHTEN IRGENDWO
Die Zeit der Weihnachtsfeiern kündigte sich in Ritzling an. Es war zwar noch eine Weile hin. Aber bei der Krämerin, die seit ein paar Jahren den Edeka hatte, lag bereits der süße Himmel in den Regalen: Es gab den schokoladenen Nikolaus, Engel und Sterne dazu. Und so manche Mutter traute sich gar nicht mehr, die kleinen Schratzeln mitzunehmen, nämlich wegen der Quengelei. Wenn sie dann doch mürbe geworden war, mußte sie die Kinder sogar noch auffor-dern, alles gleich hineinzufuttern. Sonst hätte ihr zu Hause die Oma in den Ohren gelegen: So eine Schleckerei hat es früher bei uns vor Weihnachten nicht gegeben.
Auch in der Stadt drinnen und im Fernsehen war Advent längst mit Hilfe von Santa Claus, die-sem liebenswürdigen Trottel aus Übersee, zur Marktgeschrei geworden. Der Manger Matthis schickte zwar seine Trachtler-Kinder zum Klöpfeln von Haus zu Haus: Ein Lied, ein Segens-wunsch für die Hausleut -- und dafür gab es dann Naturalien, lieber natürlich hörten sie es im Beutel metallen klimpern. Aber diese Aktion war nur ein bunter Tupfen. Gegenüber der Stadt konnte man auf dem Dorf -- Pfarrers Mahnungen zwar im Ohr, daß der Advent eine ruhige, ja sogar Fastenzeit sei -- nicht zurückstehen. Denn man wollte sich nicht für rückständig und da-mit für blöd verkaufen lassen. Alle Vereine bemühten sich sodann und legten ihren Termin fest -- und sich ins Zeug. Die Tradition gebot den Vorständen, unbedingt auch etwas für die geisti-ge Erbauung zwischen den Hunger nach Unterhaltung und den schieren Ansprüchen des Leibes zu landen. Das mußte man gut, ja raffiniert kombinieren. Denn es hatte sich auch schon ge-zeigt, daß gerade in der Weihnachtszeit selbst die beste Darbietung in Kritik ersäuft worden war. Und zwar genau dann, wenn man den Leuten die Kultur bei leerem Magen und im wahren Sinn des Wortes, nämlich trocken, zugemutet hatte. So erwärmte man sich beim Krippenspiel gerne mit Glühwein, und die Lesung des Weihnachtsevangeliums konnte durchaus mit Gebäck versüßt werden. Lediglich so etwas wie Stille-Nacht, vom Schlager und der Folklore noch sü-ßer und herzergreifender getrimmt, ging immer so ans Gemüt, daß es ohne Beilagen angeboten werden konnte. Dann folgte jedoch meistens die Christbaumversteigerung, die die Stimmung aufhellte und Geld in die Vereinskasse brachte. Abgeschlossen wurde dieser Teil sinniger Wei-se durch das Absingen von Oh-Tannenbaum. Worauf die Ehrung verdienter Mitglieder folgen konnte. Was natürlich unter Ausschank von Freibier geschah, welches die Geehrten zu stiften hatten. Und die mußte man richtig hersaufen, damit sie nicht hoffärtig wurden und damit sie merkten, daß alles seinen Preis hat. Am schwierigsten war es jeweils, irgendwo auch das Ge-denken der Toten unterzubringen, denn am Anfang stand ja immerhin Die Geburt, und am En-de der Feier gab es zu viele, die ihren Durst schon zu eifrig gelöscht hatten und Gefahr bestand, daß da wer nicht an sich halten konnte.
Einladung zu diesen Feiern erfolgte erst, nachdem die Termine im Dorf sorgfältig abgestimmt worden waren. Wobei alle Prominenten, auch der Bürgermeister mit seinem Gemeindeschrei-ber stets ihre ohnedies schon aufopfernden Dienste anboten. Denn niemand, der guten Willens war, sollte doch auch nur eine dieser dörflichen Herz- und Seeleausschüttungen -- etwa wegen unzureichender Planung -- versäumen müssen. Das wäre ein echtes, obendrein unverzeihliches Armutszeugnis für die führenden Köpfe im Dorf gewesen und hätte mit Sicherheit bei Wahlen seinen unerbittlichen Niederschlag gefunden. "Weil, da siehst es ja, was einer kann. Und nach was solltest sonst gehn, wennst deine Kreuzl machst? Weil, politisch und so sind wir eh nicht da heraußen bei uns. Weil's das nicht braucht."
So aber klappte auch heuer wieder alles.
Man hatte dann bereits einige dieser Feiern hinter sich gebracht. Von denen man schon auch mal erst zur Stallzeit, jedenfalls sehr erfüllt und wieder um sein Menschsein wissend, nach Hause ging.



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