Stadtgeschichte mit Event-Charakter

Der Nachtwächter und der Landsknecht (Foto: Julian Leitensdorfer)
 
Der "Landsberger Nachtwächter" im mittelalterlichen Kostüm (Foto: Axel Flörke)
Landsberg am Lech: Hauptplatz | Dunkelheit. Stetes Plätschern der Tropfen auf dem Kopfsteinpflaster. Es riecht nach Regen, die Luft scheint gereinigt und frisch. Doch nicht nur der schon lang andauernde Schauer, sondern auch die Kälte beherrscht die Abendluft. Trotz aller Umstände huscht um kurz vor acht Uhr eine sonderliche Gestalt aus dem Hinterausgang des Rathauses und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Sie trägt eine mittelalterliche Mütze, Laterne und eine Hellebarde bei sich. Es ist schon dunkel geworden, das Wetter ist unberechenbar, und selbst am Hauptplatz trifft man nur noch vereinzelt einige Passanten an. Die Reaktionen auf den mysteriösen Mann sind unterschiedlich: Respekt, Angst, stillschweigendes Weitergehen. Trotz Frösteln und nassen Gewandes marschiert er durch die dunklen Gassen und Plätze und geht seiner Aufgabe nach: Er sorgt für Recht und Ordnung in der schläfrig verregneten Stadt. Der Nachtwächter von Landsberg.
Diese Szenerie stammt sicher aus dem Mittelalter, einen Nachtwächter braucht heute doch keine Stadt mehr, es gibt ja die Polizei. Oder? Doch im bayerischen Landsberg stolziert auch heute noch der Nachtwächter durch die Straßen und Gassen. Seine Aufgabe ist eine andere als damals: Er führt eine Schar an Besuchern durch die Landsberger Altstadt und erzählt an jeder Station interessante Fakten und Anekdoten aus der Geschichte der Stadt.
Wegen des schlechten Wetters sind heute nur einige wenige Teilnehmer zur Nachtwächterführung gekommen: sieben Personen. Ein Mädchen im Schulalter mit seinem Vater, ein Paar mittleren Alters und einige junge Erwachsene. Einer der Teilnehmenden meint: „Ich bin vom Ammersee, aber in Landsberg zur Schule gegangen. Hab‘ die Stadtführung schon 30 Jahre vor mir hergeschoben, wird wohl mal Zeit.“
Der Nachtwächter steht dort vor dem Historischen Rathaus von Landsberg, in stolzer Pose und wartet auf seine Gäste. Doch alles an ihm überrascht: Das mittelalterliche Kostüm wird getragen von einem jungen Burschen. Er trägt Zahnspange und Brille. Doch der Schüler aus Pürgen spielt seine Rolle erstaunlich gut. „Wir sind fünf verschiedene Nachtwächter – alle junge Landsberger - und wechseln uns jeweils ab“, erklärt Simon Bernauer. Er kennt sich aus mit der Landsberger Geschichte und führt die kleine Gruppe souverän durch die Stadt.
Am Anfang wird kräftig ins Horn geblasen und der Spruch des Nachtwächters aufgesagt: “Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen…“. Es geht vom Hauptplatz zum damaligen Haus von Dominikus Zimmermann, dann zu den Behausungen der „Unehrenhaften“. Auch der Nachtwächter zählte zu den unehrenhaften Berufen, weswegen er außerhalb der Stadtmauern lebte und es ihm verboten war, in Wirtshäuser zu gehen. Die Route führt weiter an den Lech, wo von Zöllen, Wirtshäusern, Säufern und Brauereien berichtet wird. Zur damaligen Zeit gab es in Landsberg ca. 25 Brauereien, heute keine einzige mehr. Im Salzstadel erfahren die Teilnehmer, was für eine reiche Stadt Landsberg damals war, der Salzhandel war lukrativ und auch die Einnahmen durch den Zoll sind nicht zu unterschätzen. An jeder Station darf einer der Teilnehmer die Laterne bzw. Hellebarde halten. Obwohl der Nachtwächter maskiert und verkleidet wirkt, zollen ihm fast alle Vorbeigehenden ihren Respekt: Er führt die Gruppe über den Zebrastreifen, indem er seine Hellebarde als Mittel zum Zweck benutzt, er grüßt einige Leute im Vorbeigehen, die meisten weichen aus und blicken dem jungen Stadtführer teils verwundert, teils belustigt nach. Sehenswürdigkeit mit Gruselfaktor ist der Hexenturm: Hier gab es damals eine Folterkammer und Verliese, die Geschichte wird angereichert mit Beispielen verschiedener mittelalterlichen Straftaten: Wie wurde „Weibergezank“ bestraft? Was war der Nebenverdienst des Folterers? Was versteht man unter einer peinlichen Befragung? Antworten auf diese Fragen gibt der Nachtwächter. Am Blatternhaus und dem Spitalplatz wird erläutert, wie damals mit Krankheit und Tod umgegangen wurde. Richtig düster und gruselig wird es im Gerberviertel. Die Häuser haben hölzerne Vorbauten und verschlungene Durchgänge, es folgt eine Hexengeschichte. Wieder zurück am Hauptplatz scheinen alle Besucher der Führung zufrieden zu sein, die Neugier ist geweckt und es wird eifrig beim Nachtwächter nachgefragt.

Organisiert wird die abendliche Stadtführung von der Schülerfirma comedis in Zusammenarbeit mit der Stadt Landsberg. Sie findet in den Sommermonaten samstags und freitags um 21:30 statt. Der Vorteil der Führung ist, dass man ohne Voranmeldung teilnehmen kann und bereits ab drei Personen eine Tour durchgeführt wird. Auch Sonderführungen für Schülergruppen oder als Firmenausflug können gebucht werden.
Informationen zur Nachtwächterführung in Landsberg unter: www.landsberger-nachtwaechter.de
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myheimat-Stadtmagazin Landsberg | Erschienen am 17.05.2014
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2 Kommentare
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Karl-Heinz Mücke aus Pattensen | 09.05.2014 | 15:59  
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Irene Henkel aus Königsbrunn | 03.09.2014 | 21:45  
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