Offener Gesprächskreis an der Bücherei am Schongauer Münztor
Über Literatur sprechen - aber genügt denn das Lesen nicht?
WAS SICH DER LESEKREIS VORNIMMT
(erschienen am 23.11.2007 in den Schongauer Nachrichten)
Der Lesekreis an der Bücherei am Münztor, der sich jeweils am ersten Montag im Monat treffen wird (und im Übrigen für alle Interessierte offen ist), nahm seine Arbeit auf. Die Gruppe von acht Bücherfreunden um die Leiterin, Frau Funke, stellte nun Lektüren vor.
Die zumeist weiblichen Teilnehmer, drei männliche Bücherfreunde hatten sich dazugesellt, sprachen über einen Titel ihrer Wahl. Romane und Erzählungen konnten besprochen werden. Dabei wurde deutlich, wie Leser wohl zumeist an eine Lektüre herangehen und über diese urteilen. Im Vordergrund stand natürlich das Interesse am Inhalt, an der Story – oder mit Fachausdruck am Plot. Ganz entscheidend, wurde klar, ist die Lesbarkeit eines Textes, das heißt sein Aufbau, seine Spannungskurve und vor allem auch die verwendete Sprachebene, also seine Verständlichkeit. Ganz einfach: Eine Geschichte muss Lesevergnügen erwecken und den Leser bis zum Schluss damit bedienen. Eine möglicherweise auch heikle Frage ist, ob und wie weit eine Geschichte Realität abbilden soll und darf und in welchem Umfang sie auch das Gefühl von Informiertheit zu erzeugen hat.
Eine etwas andere Art, sich Literatur zu nähern stellte Dietrich Kothe – als Autor unter dem Pseudonym Hannes Kothe-Opperau arbeitend – vor. Ihn interessiere, bekannte er, weniger der Plot als solcher sondern eher dessen Bauweise, nämlich wie und mit welchen literarischen Mitteln eine Geschichte dargeboten wird. Er nahm sich den Roman des Schongauer Autors Emil Karl Stöhr vor und besprach ihn:
Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit Roman, edition fischer im R. G. Fischer Verlag, erschienen 2004, ISBN 3-8301-0617-3
(Dr. Stöhr, ehemaliger Hauptschullehrer in Schongau, aus Nordböhmen stammend)
Der Autor stellt das Schicksal der deutschstämmigen Bürger in der Tschechoslowakei dar und bezieht sich dabei auf die Abläufe von der Staatsgründung Ende des Ersten bis zum Übergang zur CSSR Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Mittelpunkt steht die Familie Häusler. Stöhrs autobiografische Fakten scheinen eine bedeutende Rolle zu spielen.
Die Geschichte der Familie Häusler (Heinrich, Tereza, Karel) steht im Mittelpunkt. Die Darstellung der gemischten Ethnie der CSR ist einer der Kernpunkte und erscheint an den Häuslers exemplarisch. Ebenso ist der Einstieg in das Heraufziehen des NS-Gewitters bis zur Katastrophe nachvollziehbar eingebaut. Stöhr zeigt auf, wie sich die stets gegenwärtigen Vorurteile durch Agitation auswachsen.
Der Autor zeichnet seine Figuren lebendig und glaubhaft, er erzählt auf diese Weise überzeugend, geleitet damit, was die reine Leiterzählung anlangt, sicher durch sein Werk. Die Leserführung mittels Aufteilung in Kapitel ist dabei hilfreich. Allerdings wird die Spannungskurve flach gehalten.
So könnte dieser Text durchaus auch als geschichtliche Erinnerungsarbeit gelten – was hingegen dem Leser, der in der Regel Unterhaltung, weniger geballte Information sucht, nicht unbedingt einleuchten dürfte.
Weniger überzeugt nämlich der Eindruck von Zweigleisigkeit, der durch stete Abweichung vom eigentlichen Erzählen entsteht. Das verstärkt sich durch Stöhrs Detailtreue im Historischen. Hierin gedeiht ihm seine Arbeit zum Mischtext von darstellender Schreibweise und der vom Leser unter dem Aufmacher "Roman" eigentlich erwarteten fiktiven Prosa. Der Text- und damit Lesefluss wird immer wieder durch diese zeitgeschichtlichen Einlassungen, zum Teil als Fußnote dargeboten, unterbrochen.
Und trotzdem, Dr. Emil Karl Stöhrs Roman ist eine lohnende Lektüre.

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