Liebe Literaturliebhaberinnen und -liebhaber,
ein Hörer aus München, der die Lesung von Dostojewski's "Traum eines lächerlichen Menschen" im Landsberger Stadttheater miterlebte, schickte uns einen Aufsatz über diesen Theaterbesuch, den wir Ihnen mit seiner freundlichen Erlaubnis auf diesem Wege gerne zu lesen geben:
Auf dem Weg von dem komfortablen Park-Bunker zum Stadttheater empfängt uns Landsberg mit der entspannten Gelassenheit dieses Sonntagvormittags und dem schon vertrauten Charme seines Rathauses auf dem Hauptplatz.
Helbert Häberlin wird heute Dostojewskis „Traum eines lächerlichen Menschen“ lesen, ein schöner, ein fast sphärischer Text. Vor mehr als 100 Jahren entstanden, an einem so anderen Ort, in einer so anderen Zeit. Wird er uns Heutige hier erreichen und berühren können?
Wir sind mehr als neugierig, sind gespannt, wie sich die Geschichte eines phantastischen Traumes über die Bühne vermitteln läßt.
Und sie vermittelt sich nicht nur, sie erfasst uns: Ein besonderer Mensch tritt uns aus dem kunstvoll ausgeleuchteten Theaterdunkel entgegen und sagt: „Ich bin ein lächerlicher Mensch“. Und vereinnahmt uns. Wie selbstverständlich definiert sich dann „lächerlich“ nach den ersten gelesenen Worten daraus, „alle gern“ zu haben, aus „lauter Liebe“ und daraus, „die Wahrheit zu kennen“. Um Liebe, Wahrheit und Menschlichkeit wird es nun letztlich gehen. Damit ist alles gesagt und gleichzeitig kann nun alles beginnen. Nur der Beobachter in uns weist auf das achtlos auf dem Boden liegende, kunstvoll ausgeleuchtete Buch hin, auf die für Szenenwechsel bereitstehenden Lesepulte und auf die brennende Kerze, die uns in die Geschichte vom Traum entläßt und uns wohl in der Wirklichkeit wieder empfangen wird, angereichert, reicher von alledem.
Lesend tritt Häberlin aus dem Attribut „lächerlich“, das seine Hauptgestalt über Geburt, Schule, Universität und Alltag rebellionsfrei akzeptiert, in das Substantiv „Lächerlichkeit“ und damit in die Gewalt der Gleichgültigkeit, die sich von der Welt, von den Menschen abwendet, im Selbstmord die Liquidation der wahrgenommenen Welt als letzten Sinn vollkommener Gleichgültigkeit sucht.
Er träumt den Freitod, den die Gleichgültigkeit des Lebens offenbar verhindert, und tritt durch den Traum in die Wahrheit, in das wahre Leben ein. Der uns Heutigen nicht so abstrakte Flug durch das All wird zu einer schier fühlbaren Reise aus dem gegenständlich geträumten Grab auf einen paradiesischen Planeten: zur Erde und ihren Bewohnern vor dem Sündenfall.
Doch schlichte Traum-Flucht ins Paradies wäre dann doch trivial, auch und insbesondere im Namen der Menschenliebe.
Der Lächerliche, dann selbstmordend Gleichgültige wird nun zum Schuldigen, er bringt den Sündenfall in das Paradies, er, der den Verlust des Paradieses in Lächerlichkeit so schmerzlich erlebte. Er bekennt „bestürzend Wahres“:
„Es handelt sich nämlich darum, daß ich es war, der alle diesen reinen, unschuldigen Seelen dort drüben verführt und verdorben hat. Ja. Wahrhaftig. Es endete damit, daß ich alle verlockte und verdarb. Wie das geschehen konnte, weiß ich zwar nicht, aber ich erinnere mich genau, daß es so war.“
Diese Schuld nun führt zur Zeitrafferumkehr, zur Wiederkehr in die wirkliche Welt. Diese Welt ist nunmehr nicht anders als die unsrige, als jene, die er im Traum verlassen hat. Aber über die Schuld erlangt er die Fähigkeit, die Erde und die Menschen zu lieben. Doch ist das denn neu, hatte er nicht bereits vor langer Zeit gestanden, „daß ich nicht habe hassen können, ohne zugleich zu lieben und zu verzeihen. Und nicht habe lieben können, ohne gleichzeitig zu hassen“.
Dies ist wohl nicht nur eine Rückkehr auf die vertraute Erde, es ist eine Rückkehr zu sich selbst. Denn als auf dem scheinbar so fernen Planeten Erde, auf dem Spiegelbild unserer Erde, die Menschen über ihn zu lachen beginnen, ihn für einen Verrückten halten, wird es Zeit zu erwachen.
Gibt es nun ein stärkeres Bekenntnis zur Erde, zur Welt und ihren Menschen, als mit ihnen Schuld zu teilen? Dieser Gestalt – und Häberlins Stimme versagt sich da jedes Pathos – dieser Gestalt ist die Erde nicht gleichgültig, ist kein Mensch gleichgültig. Hier wird nicht mit dem Zeigefinger auf die anderen gezeigt, das ist unbeirrte Verbundenheit mit den Menschen, in Schmerz und Liebe:
„Ich kann mich gar nicht mehr so sehr irren, denn ich habe ja die Wahrheit wirklich gesehen. Und ich weiß daher, daß die Menschen schön und glücklich sein können, ohne die Fähigkeit einzubüßen, auf Erden zu leben.“
Vermittelt nun Helbert Häberlin Dostojewski als selbstlosen Christen, gar als Revolutionär?
Hier treffen wir, und das mutet zutiefst archaisch und hoch aktuell an, auf einen Werterevolutionär, auf einen von uns.
Kann sein, daß Helbert Häberlin uns heute nur eine phantastische Geschichte vorgetragen hat. Kann sein, daß er unser Wachsein in einen Traum versetzen wollte. Das Zuhören heute, in diesem Theater jedenfalls hat diesen Tag schöner gemacht.
Arnold Kartmann, München







