Gogol ist auch heute ...

Literarisches Kabinett

... Gogol ist überall.

Ein regnerischer Juniabend in Landsberg. Gutmütig lässt die Alte Bergstraße hin und wieder eines ihrer Häuser in freundlichen Farben aufleuchten, in zeitentrückter Gelassenheit einen Blumenwinkel. Das Literarische Kabinett schickt warmes Licht in die einsetzende Dämmerung. Hier wird heute Helbert Häberlin die Novelle 'Der Mantel' von Nikolai Gogol vorlesen.

Ist der Abend bereit für Väterchen Russland, ist er bereit für einen literarischen Blick zurück über mehr als ein Jahrhundert?

Nun, Gogol geht es wissend, auktorial an, mit der dem Autor zustehenden Vergesslichkeit kokettierend nimmt er sich das Recht heraus, alles Unwesentliche zu vergessen und Häberlin emotional mitzunehmen und der seine Zuhörer.

Die Unscheinbarkeit des Akakij Akakijewitsch nimmt Gestalt an, wird erfühlbar im Kontext der summarisch skizzierten anderen Gestalten. Im Mitgefühl der Zuhörer wird er zum Individuum, das sich so selbstverständlich verloren im russischen Petersburg bewegt, als sei Petersburg die Welt, und so selbstverständlich seine Zeit - ist es nur das 19. Jahrhundert? - und ihre Verhältnisse akzeptiert, sie annimmt, als sei diese Zeit zeitlos.

Und dann tritt diese Gestalt aus ihrer Unscheinbarkeit heraus, und dem Zuhörer wird verblüffend klar, daß der Mantel, um den es Akakij Akakijewitsch nun sehr intensiv geht, daß die Mäntel, die nun urplötzlich bedeutsam werden, daß dieser Mantel nun zur Metapher geworden ist.

Und Akakij Akakijewitsch stirbt ergeben, um - so will es der Autor - als Selbstbewußter wiederzukommen. Als Geist holt er sich ganz selbstverständlich sein Recht, den Mantel. Von einer 'bedeutenden Persönlichkeit'. Die 'bedeutende Persönlichkeit', der Menschliches durchaus nicht fremd ist, wird vor diesem selbstverständlichen Anspruch vom Autor in die Bedeutungslosigkeit entlassen.

Häberlin blickt auf, doch die Wirkung des Vorgelesenen hält an. Er hat seine Zuhörer mitgenommen in alle Details dieser Geschichte, keiner scheint abgeschweift zu sein, kein Auge hat Passagen übersprungen, wie es beim Lesen von Gogol wohl sonst gelegentlich geschehen mag.

Zurück aus dem 19. Jahrhundert, zurück aus Russland? Unsicher darüber mag diese oder jener fragen, ob Akakij Akakijewitsch den Mantel haben will - in den Straßen von Landsberg, heute abend. Das ist es wohl nicht, und trotzdem ist das Gefühl unumkehrbar da: Gogol ist auch heute, Gogol ist überall.

Wir danken Helbert Häberlin, daß er sich und daß er uns daran erinnert hat.


Autor: Arnold Kartmann, München
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