Ein Leben im Müll anderer
Kairo/Landkreis. So manch ein Tourist würde sich freuen, wenn es ihm ermöglicht würde, von dem Dach eines Gebäudes auf die Ägyptische Hauptstadt zu blicken.
Der Ausblick, der sich aber von dem Dach der Mahaba Schule im Stadtteil Ezbeth el Nakl bietet, dämpft unweigerlich jegliche Urlaubsstimmung: Inmitten eines Wohngebietes befindet sich, abgeschirmt durch eine hohe Mauer, das Gebiet der Zabaleen, der Müllsammler von Kairo.
Ein beißender Geruch liegt in der warmen Mittagsluft. Dreck und Abfälle soweit das Auge reicht. Dazwischen – so unvorstellbar es klingt – leben neben Hunden, Ziegen und Hühnern auch Menschen – Frauen und Männer mit ihren Kindern und ältere Menschen.
In Kairo gibt es 70 000 Menschen, die als Müllsammler tätig sind. Etwa 8000 arbeiten auf der 17 Hektar großen Halde im Stadtteil Ezbeth el Nakl. 3000 von ihnen leben immer noch wahrlich im und vom Müll. Kleine Hütten aus Blech und Pappe beherbergen oftmals ganze Familien. Schon früh morgens laufen sie mit Handkarren durch Kairo um Müll zu sammeln – bis zu 650 Tonnen täglich. Während gerade eine neue LKW-Ladung Abfall sortiert wird, fängt nur wenige Meter weiter eine Frau in einem „Vorhof“ vier völlig verdreckte Enten ein und bereitet sie als Mittagessen zu. Schwere Infektionskrankheiten sind Folge der hygienischen Missstände in den Siedlungen. Etwa 60 Prozent der 50-jährigen sind bereits wegen Infektionen mit Giftstoffen erblindet.
Der Ursprung dieser Siedlungen liegt im Beginn des letzten Jahrhunderts. Mit der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben wanderten Dorfbewohner aus Oberägypten den Nil entlang hinunter nach Kairo und strandeten schließlich auf den Müllhalden. Arbeitslosigkeit und Armut trugen dazu bei, dass die Einwanderer in ihrer Not damit begannen Hausmüll zu sammeln und nach verwertbaren Stoffen zu trennen. Organische Abfälle wurden an Landwirte verkauft, die damit ihre Tiere fütterten. Mit dem nichtverwertbaren Müll wurden unter anderem öffentliche Bäder beheizt.
Die meisten der Müllmenschen sind koptische Christen – ein Grund für tägliche Benachteiligung im moslemisch geprägten Ägypten.
Die Gründung einer zentralen Müllabfuhr in Kairo beispielsweise ist ein Mittel mit dem das offizielle Ägypten versucht die nicht gern gesehenen Zabaleen aus der Stadt zu vertreiben.
Schon vom frühen Kindesalter an müssen die Müllkinder mithelfen, müssen Müll sortieren und dabei giftige Dämpfe einatmen, müssen im Müll spielen.
Vielen von ihnen ist ihr weiterer Weg bereits vorgegeben – sie führen das fort was sie schon von klein auf gemacht haben, sammeln die Abfälle anderer.
Diesem Problem hat sich eine koptische Ordensgemeinschaft angenommen. Am Rand des Müllgebietes betreibt sie das Salaam-Zentrum. Dieses setzt sich zusammen aus einem kleinen Krankenhaus und einem Kindergarten. In kleinen Gruppen werden dort die geistig und körperlich behinderten Kinder unterrichtet, lernen häkeln, musizieren zusammen und erfahren Zuneigung. Auf einem Tisch sind handgefertigte Teppiche und Figuren ausgestellt. Darüber hängt ein Schild mit der Aufschrift „Seeds of hope“, „Samen der Hoffnung“.
Ein Stockwerk darüber ist das Krankenhaus untergebracht.
„Wir geben hier den Menschen die Möglichkeit sich für zehn ägyptische Pfund untersuchen und behandeln zu lassen. Wer nicht zahlen kann, wird trotzdem behandelt“, berichtet eine der Schwestern.
Ermöglicht wird dieser Service durch Geld- und Sachspenden aus aller Welt. Auch aus Landsberg und Umgebung trifft an diesem Tag eine große Menge an Verbandsmaterial und Medizinprodukten ein. „Als wir von diesem Projekt erfahren haben, war klar, dass wir das Salaam-Zentrum unterstützen“, berichtet Axel Flörke.
Ihm und den 15 Schülern, mit denen er die Pfingstferien in Ägypten verbracht hat, ist es wichtig, dass das Salaam-Zentrum und die Schule auch weiterhin unterstützt werden.
Mit einem Rundschreiben an Ärzte und Apotheken des Landkreises, löste die Reisegruppe eine wahre Spendenwelle aus. Schnell häuften sich Pakete mit Verbandsmaterial, Gummihandschuhen, Blutdruckmessgeräten und Medikamenten.
Ulrike Nirschl von der Lechrainapotheke und Ingrid Aßner-Rahn vom Ärztenetz „Gesola“ beteiligten sich maßgeblich an der Sammlung und deren Organisation. Doktor Karl Heinz Moser aus Landsberg, Frau Doktor Gabriele Augustin aus Fuchstal und Doktor Werner Rahn aus Waal stifteten neben der Lechrainapotheke Medizinprodukte und Verbände.
Am Telefon berichtet eine Gesola-Mitarbeiterin, dass die Ärzte auch weiterhin Material sammeln. Ein Förderverein ist derzeit in der Gründung.
Dessen Hilfsmittel benötigt aber nicht nur das Salaam-Zentrum. Derzeit besuchen etwa 1700 Schüler die Mahaba Schule und sprengen somit deren Fassungsvermögen.
Daher ist es den Verantwortlichen ein Herzensanliegen eine zweite Schule zu bauen. „Den Bauplatz haben wir bereits in Aussicht, aber wegen der Überbevölkerung ist der Preis dafür sehr hoch“, berichtet uns der Schulleiter auf Englisch. Ihm ist es überaus wichtig, den Müllsammlern von Kairo einen Weg in eine bessere Zukunft zu bereiten. Bestes Beispiel hierfür sind drei Lehrer der Mahaba Schule, die früher selbst Zabaleen waren, von dem Direktor aus der Müllsiedlung geholt und zu Lehrkräften ausgebildet wurden.
Spendeninformationen
Neben dem Krankenhaus im Salaam-Zentrum soll auch die Schule, die den Müllkindern eine bessere Zukunft sichert, unterstützt werden. Hierfür werden dringend Sach- und Kleiderspenden benötigt. Für den Bau einer zweiten Schule stehen den Verantwortlichen kaum Mittel zur Verfügung. Geldspenden kommen ohne Abzug der Koptischen Ordensgemeinschaft, die die Projekte betreut zu Gute. Infos zu Spendenanfragen unter: www.stegescho.de ->Aktuelles





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