Kirchen- oder Gotteskrise? - Manfred Lütz machte sich Gedanken

„Gott“
Ein Sachbuch, Pattloch Verlag 2007 - Hardcover - 19,95€ von Manfred Lütz

Eindrücke beim Lesen
Gleich vorweg:
Lütz bedient sich trotz aller Gescheitheiten eines saloppen Stils – was einerseits lese- und auch verkaufsfördernd sein mag, möglicherweise jedoch die Befangenheit überdecken soll bei dem doch etwas heiklen, zumindest nicht alltäglichen, von den vielen verdrängten Thema. Zudem fällt gleich zu Beginn der Lektüre Lütz’ Kompetenzgehabe auf. Er weist darauf hin, was er alles studiert hat, welche Positionen er einnahm, mit welchen bedeutenden Geistern er verkehrte – der Verlag setzt hinzu, dass Lütz Bestsellerautor sei. Es sei ihm das alles nachgesehen, denn es ist vielleicht bei Sachbuchautoren erforderlich, dass sie entsprechend prahlerisch auftreten, um vertrauenswürdig zu erscheinen.
Und nun zum Text
Da steht auf Seite XIII „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt“. Damit bezieht sich (allerdings aus dem Zusammenhang genommen) der Autor auf Dostojewski.
Diese Darstellung ist gleichwohl (zumindest in ihrer knappen Form) unsinnig. Denn das Erlaubtsein von Handlungen geht aus Normen hervor, die sich in allen, also auch "gottlosen" Gesellschaften bilden, um das Zusammenleben überhaupt einigermaßen erträglich zu gestalten. Der Gottesglaube wirkt darauf ein, ist aber nicht Bedingung dafür (entscheidend ist die bloße menschliche Einsicht, an die man nun mal trotz aller Enttäuschungen glauben sollte). Im Übrigen deutet der aus dem Zitat zu ziehende Schluss auf ein zwar verbreitetes, nichtsdestoweniger sonderbares Gottverständnis hin, IHN als Erziehungsmittel und gesellschaftliches Regulativ zu instrumentalisieren.
„Wer wirklich an Gott glaubt, lebt anders als ...“
Kann man anderes (besseres) Verhalten bei den Gläubigen feststellen? Zweifel sind angesagt! Eher beschränkt sich Gottesglaube auf eine andere innere Seins-Einstellung. Wer glauben kann, der fühlt sich möglicherweise sicherer, ist zuversichtlicher usw.
Nachvollziehbar stellt Lütz an anderer Stelle fest, dass der wirklich gläubige Mensch nicht etwa darauf setzen kann, es im Leben einfacher, besser, angenehmer zu haben. Im Gegenteil, wer wirklich glaubt, wird sein Leben nicht darauf einstellen können sondern eher unbequem gestalten müssen: teilen, helfen, ja opfern bis zur Hingabe ...
Man könne vielleicht als Gläubiger (als Glauben Suchender?) über die Unbefriedigung des (irdischen) Daseins auf die Frage nach einer (jenseitigen) Welt und damit zur Frage nach Gott gelangen.
Auf Seite 6 begegnet der Leser der treffenden Erklärung der mittelalterlichen Sicht: Gott steht in der Mitte eines als golden begriffenen Himmels. Dann holt Lütz aus (er gibt an, sich in Kunstgeschichte während seiner Studienzeit in Rom gut auskennen gelernt zu haben). Er stellt dar, dass sich das byzantinische Reich bis 1453 gehalten habe mit all seiner klassisch griechischen Kultur. Nach seinem Zusammenbruch seien die Kulturträger nach Italien geflüchtet und hätten dort die Renaissance befruchtet und den blauen Himmel sozusagen wieder mitgebracht, und Gott sei an den Rand gerückt worden usw. Hierin wird Lütz’ Betrachtung verwegen. Natürlich entdeckte die Renaissance die Individualität des Menschen usw. Sie entstand aber bereits im 13. und 14. Jahrhundert und hatte im 15. wohl ihren Zenit bereits überschritten.
Eine frühe Zwischenbilanz
Der erste Teil des Buches zeigt Lütz auf der Suche nach der Gottesdarstellung in der Kulturgeschichte. Er fährt darin auf anderen Feldern fort, z. B. der Psychoalalyse und landet natürlich beim „bekennenden“ Atheisten Freud. Da erhebt sich jedoch die Frage beim Leser, ob Freud Gott wirklich widerlegen und nicht eher „nur“ die Folgen von einer formalistischen, zwanghaften Gläubigkeit kurieren wollte.

Auf Seite 16 wird die Arbeit eines bedeutenden Freudschülers unter die Lütz’sche Lupe genommen. „C. G. Jung und die Religionswissenschaft halfen bei der Frage, ob Gott existiert, nicht weiter.“
Immerhin erstaunlich, denkt man sich, dass es auch die Religionswissenschaft nicht geschafft haben soll, ihre Basis fassbar zu machen! Wäre nur zu ergänzen, dass die Religionswissenschaften nicht nach Gott fragen sondern von IHM als Tatsache ausgehen.
Wie man dazu aber auch stehen mag, eines ist sicher: Eine Frage, bei der von vornherein feststeht, dass sie nicht beantwortbar ist, sollte erst gar nicht gestellt werden. L. Wittgenstein nennt sie eine unsinnige Frage. Es ist wohl anzuraten, sich auf die alte Erkenntnis zu berufen, dass Gott nicht zu wissen, sondern nur zu glauben ist. Man kann spotten: Würde sich Lütz darauf eingelassen haben, hätte er nur ein sehr dünnes Buch schreiben können und seine ganze theologische, philosophische, psychotherapeutische, kunstgeschichtliche und sonstige Studienweisheit und auch seine Bestsellerautorentechnik für sich behalten haben müssen.
Auf Seite 17 kann man Lütz wieder darin zustimmen, dass Gottesglaube möglicherweise mehr Selbstsicherheit verleihe und Ängste wegnehme – was aber mit Glauben nichts zu tun habe.
Ab der nächsten Seite unternimmt der Autor Ausflüge ins Therapiewesen. Nach ein paar Seiten dann (auf Seite 22) wieder Religion. Lütz arbeitet nachgerade auf einen coolen Joke hin. Er habe Steve ... gefragt, wie er denn angesichts der Ansicht, dass Komplimente wichtige Therapieansätze seien, seiner Frau ein solches machen würde. Steve ... habe geantwortet, dass er es mit einem Blumenstrauß unternähme. Dann holt Lütz mit einem Blick auf die Gottesexistenz aus: „Existiert Gott in Wahrheit oder nicht? Das ist eine Frage außerhalb ... Psychotherapie, es ist eine Frage auf der Ebene des Blumenstraußes von Steve ...“ (S. 23) Er setzt dann allerdings wieder gescheit nach, um in einem absurden Zauberflöten-Bühnenmaschinerie-Vergleich einzumünden (und führt damit wieder den Leser an der Nase vorbei an der möglicherweise aufkeimenden Frage, wann denn je jemand von der Psychologie erwartet haben sollte, einen Gottesbeweis zu führen).
Ab Seite 25 wird die Philosophie hinterfragt: Feuerbachs und Hegels Theorieansätze werden untersucht.
„... den Glauben ganz auf philosophische Flaschen zu ziehen ...“ berge die Gefahr, das Eigentliche des Glaubens an Gott zu verpassen. Von einem „putzigen Göttchen“ spricht Lütz, der dann mit professoraler „Arbeitsplatzbeschreibung“ entstünde - und von einem Hegel, der dem Weltgeist „auf die Schliche“ kommen wollte.
Für Feuerbach (Ludwig, nicht etwa der Maler Anselm) sei Gott letztlich ein psychologisches Phänomen gewesen. Eine Projektion des Menschen für die Erfüllung seiner Wünsche (im Himmel).
Auf Seite 30 geht Lütz die Thematisierung von Gott als „Über-Ich“ an, als moralische Instanz im Anklang ans eingangs gebrachte Dostojewski-Zitat.
Auch Gysis Sorge von einer gottlosen Gesellschaft wird erinnert (wie immer der das auch gemeint haben mag).
Die Erklärung von Gott als Privatsache sei eine „kastrierte Gottvorstellung“ und habe ihre negativen Auswirkungen aufs gesellschaftliche Ganze. (Der Leser staunt bisweilen über die kecke Wortwahl und fühlt sich vielleicht sogar wohltuend nicht wie von der Kanzel herunter betreut.)
Ab Seite 32 dann gute Passagen bei der Betrachtung des „Zeitalters des Narzissmus’“ und des Trends zur Versingelung der Gesellschaft.
Dann folgt die Besprechung weiterer Zeiterscheinungen im Bezug auf das Kernthema Gott: Fernsehgötter; Trendsurfing usw. Dabei schreitet Lütz auch so voran, dass sein gewiss sachkundiges Plaudern und Räsonieren stets mit lässigen Girlanden versehen wird. Und dem Leser wird mit Hilfe dieser Trivialitäten wohl so manches befreiende Ja-so-ist-Es entlockt werden.
Bis Seite 70 befasst sich Lütz weiter mit dem Thema Atheismus. Seiner bis jetzt deutlich gewordenen Intention nach, richtet er sich gegen die Gottesleugnung. Er arbeitet den Stoff in seiner Methode des Streifzugs durch die Zeitläufte ab. Bei allem negativen Urteilen begegnet er Friedrich Nietzsche mit großem Respekt. Er hält ihm zugute, die Folgen der Gottlosigkeit wenigstens erahnt zu haben und nennt immer wieder die Angst der Atheisten vor dem Nichts.
Und so weiter.
Schlussbemerkung
Das Buch ist beladen mit Gescheitheiten, trotzdem gut zu lesen. Es kann letztlich freilich nicht die Antwort auf die Frage nach IHM geben, sondern nur, aber immerhin, das Bemühen darum aufzeigen und über die Zeiten hinweg nachzeichnen. Ob die vielen Denkansätze helfen, den eigenen Weg zu finden oder sich dem Thema überhaupt zu widmen, muss dahingestellt bleiben.
Eine Frage sollte jedoch bedacht werden: Ist jemand, der nicht an einen Gott glaubt, auch schon Atheist, also gegen Gott?

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2 Kommentare zum Beitrag
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Markus Christian Maiwald aus Meitingen am 19.02.2011 um 21:15 Uhr  
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Dietrich Kothe aus Landsberg am Lech am 20.02.2011 um 09:12 Uhr  
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